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Profil / Archiv | Beitrag vom 11.10.2007

Zwischen Kochtopf, Literatur und Punchingball

Die katalanische Schriftstellerin Lolita Bosch

Von Dorothea Massmann

Sie gehört zu den wenigen weiblichen Stimmen der neuen katalanischen Prosa: Lolita Bosch schreibt Erzählungen und Kurzromane, in denen sie Fiktion, Recherche, Reflektion und Reisebericht auf originelle Weise verarbeitet. Aber Schreiben ist nur eine ihrer Leidenschaften.

"Wäre ich nicht Schriftstellerin geworden, wäre ich heute sicher Köchin. Die Berufe haben vieles gemeinsam: aus vorhandenen Zutaten etwas Neues zusammensetzen, das es sonst so nicht gäbe ... das entspricht überhaupt meiner Lebensweise.” "

Die Literatur und das Kochen: ihre zwei großen Leidenschaften – "nach der Liebe", fügt sie lachend hinzu. Die kulinarische Begabung hat die studierte Philosophin von ihrer Mutter geerbt, einer wunderbaren Köchin, sagt sie. Lolita Bosch, Jahrgang 1970, lacht gern, herzhaft und ausdauernd. Ihr Blick ist offen, entspannt, offenbar unberührt vom globalen Großstadt-Stress. Dunkle Augen, schwarzes schulterlanges Haar, die eher untersetzte Figur gut kaschiert unter ihrem schwarzen Flatterkleid ....

""Ich koche sehr oft. Normalerweise vormittags. Während ich schreibe, lasse ich das Essen köcheln – so ungefähr bis zwei Uhr. Beim Umrühren denke ich über die Fragen nach, die sich beim Schreiben ergeben: Wie kann ich das Thema lösen, wie krieg’ ich das hin ...?”"

Die Kombination aus kreativer und kulinarischer Energie hat sich bewährt. Seit dem Erscheinen ihres Erzählbandes "Drei europäische Geschichten” vor zwei Jahren wird Lolita Bosch in Spanien als erfolgreiche Nachwuchsautorin gefeiert: Um die Erinnerung an eine Vergewaltigung in der Kindheit geht es da, um die skurrilen Heilpraktiken eines Budapester Arztes oder um den Besuch in einem ehemaligen polnischen Konzentrationslager. Eine erfrischend neue, überraschende Erzählerin sei zu entdecken, lobten bedeutende Literaturkritiker des Landes. Dabei schreibt Lolita Bosch schon seit über zwanzig Jahren. Täglich, "superobsessiv”, so sei sie nun mal, nicht nur beim Schreiben, sagt sie augenzwinkernd. Wenn sie es sich mal wieder schwer macht mit einem Text, nimmt sie außer den bewährten Kochtöpfen inzwischen weitere Utensilien zur Hilfe ...

""Neben meinem Schreibtisch steht ein Punchingball, im Ernst, mit Boxhandschuhen und allem Drum und Dran ... wenn ich nicht zu meinem Erzählrhythmus finde, brauche ich einen äußeren Rhythmus. Das Boxen hilft da fantastisch, kann ich wärmstens empfehlen! Tack-Tack-Tack, okay? Mann, am Ende schafft man sich eine Ordnung - und die brauche ich zum Schreiben."

Aufs Boxleder kam sie durch einen Essay, "On Boxing", der amerikanischen Autorin Joyce Carol Oates - eines ihrer literarischen Vorbilder.

"Bei mir zu Hause stehen drei Altäre: einer für die Jungfrau von Guadalupe, einer für Adorno - der ist mein Hit, den habe ich am gründlichsten studiert - und ein Altar für Joyce Carol Oates. Dostojewski, liebe ich auch. Joseph Roth, Musil - ziemlich klassisch alles, was? Ich glaube, obendrein bin ich auch noch kitschig ...!”"

Geboren in einem katalanischen 500-Seelen-Dorf, aufgewachsen in Barcelona, ging sie mit achtzehn nach New York und Indien, dann für zehn Jahre nach Mexiko. Erst seit knapp vier Jahren lebt sie wieder in der katalanischen Metropole. Allerdings ist sie noch nicht so ganz in Katalonien angekommen. Die mexikanische Kultur habe sie stark geprägt: Zehn intensive Jahre ihres Lebens hat sie dort verbracht, studiert, zu ihrem Schreibstil gefunden, hat angefangen zu publizieren. Zerrissen zwischen Mexiko und Barcelona? Ach woher denn, im Gegenteil, sie geniesse ihr "kulturelles Doppelleben".

""Für mich ist die Sprache ein Werkzeug, es keinen Unterschied, ob ich in katalanischer oder spanischer Sprache schreibe. Ich bin absolut zweisprachig, wirklich!"

Manchmal wechselt sie sogar innerhalb derselben Erzählung die Sprache.

"In meinem Wesen fühle ich mich als Katalanin. Aber im Alltag spreche ich ebenso flüssig Spanisch und Englisch ... was soll’s?"

Sie schreibt über die Erinnerung: an eine verlorene Liebe, an gescheiterte Träume – wie in ihrem jüngsten Kurzroman "Die Person, die wir waren". Immer wieder kehrt die Erinnerung ihrer Figuren zurück in die Kindheit: für Lolita Bosch die entscheidende Phase im Leben.

"Seit sechzehn Jahren gehe ich zur Psychoanalyse, egal, wo ich gerade lebe – regelmäßig jeden Dienstag."

Lolita Bosch lebt allein. Liest, schreibt, kocht für sich und ihre Freunde. Am liebsten lädt sie Kinder ein: ihre Nichten und Neffen, einmal im Monat ist "Party". Dann liest sie vor: Lolita Bosch schreibt nämlich auch bezaubernde Kinderbücher. Den Medienrummel, auch den um die eigene Person, hält sie sich möglichst vom Leib. Ihren Fernseher hat sie vor Jahren entsorgt.

"Literaturbetrieb und Schriftstellerpose interessieren mich nicht. Im Gegenteil: lieber setze ich mich draußen auf die Treppe und knabbere Sonnenblumenkerne, fahre in die Berge, grille Würstchen oder tanze Punkmusik."

Sich als Schriftstellerin ihre eigene Wirklichkeit zu erschaffen, macht ihr Spaß - sich schreibend aus der Realität zu flüchten dagegen überhaupt nicht. Wer würde sich schon in der Welt der Bücher wohler fühlen als beim Liebemachen im wirklichen Leben? Außerdem: warum überhaupt sollte sie der Wirklichkeit den Rücken kehren?

"Ich liebe das, was ich tue. Ich bin tatsächlich eine glückliche Schriftstellerin. Selten, aber wahr!"

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