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Kommentar / Archiv | Beitrag vom 04.02.2006

Zusammenprall der Zivilisationen

Von Dieter Jepsen-Föge

Auch in Pakistan gab es Proteste gegen die Mohammed-Karikaturen in dänischen Zeitungen. (AP)
Auch in Pakistan gab es Proteste gegen die Mohammed-Karikaturen in dänischen Zeitungen. (AP)

Hat er doch Recht, der amerikanische Politikwissenschaftler Samuel Huntington? Werden wir Zeuge eines Zusammenpralls der Zivilisationen? Die wütenden Proteste in islamischen Ländern gegen die Veröffentlichung von Karikaturen, die als beleidigend empfunden werden, sind Belege schlimmster Befürchtungen.

Ja, Morddrohungen gegen Angehörige der Staaten, in denen die Karikaturen veröffentlicht wurden, die gewaltsame Erstürmung und Beschießung von diplomatischen Vertretungen und Boykottaufrufe wirken wie die unfreiwillige Bestätigung einer Karikatur, die den Propheten Mohammed mit einer Bombe unter dem Turban zeigt.

Die Gewalt und die Drohung mit Gewalt gegen Dänemark und die Zeitung "Jyllands-Posten", in der die Zeichnungen zuerst veröffentlicht wurden, sowie in der Folge gegen die europäischen Staaten, in denen diese nachgedruckt wurden, zeigen Wirkung. Der dänische Ministerpräsident versichert in Gesprächen und im arabischen Fernsehen, dass sein Land nicht die Gefühle Gläubiger verletzen wolle. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen gar äußert seine Besorgnis über den eskalierenden Streit und sucht zu vermitteln. Die Pressefreiheit müsse den Glauben anderer Religionen respektieren. Es ist wie in Berthold Brechts Geschichte vom Herrn Keuner über die Gewalt. Herr Keuner begründet sein Nachgeben so: "Ich habe kein Rückgrat zum Zerschlagen. Gerade ich muss länger leben als die Gewalt."

Dass Pressefreiheit nicht alles darf und auch Satire nur fast alles ist so selbstverständlich, dass kein ernst zu nehmender Journalist in einem freiheitlichen demokratischen Rechtsstaat daran erinnert werden muss. So hat die Pressefreiheit die Persönlichkeitsrechte und auch den Glauben anderer zu respektieren. Die Karikaturen, die die Gewalt im Namen des Islam thematisieren, haben die religiösen Gefühle gläubiger Muslime verletzt, allein dadurch, dass sie überhaupt ein Bild des Propheten gezeichnet haben. Die Proteste dagegen sind jedoch keineswegs ein Aufschrei verletzter Seelen. Denn die Karikaturen wurden bereits im September vergangenen Jahres erstmals abgedruckt.

Ob im Gaza-Streifen, in Saudi-Arabien oder in Pakistan: Vielerorts wird der Protest organisiert und instrumentalisiert. Innerarabische Konflikte und religiöser Richtungsstreit entladen sich in Aggression gegen Ungläubige. Staaten und ihre Bevölkerungen werden haftbar gemacht für Zeichnungen in einer Zeitung. Größer kann das Unverständnis über Pressefreiheit, ja über Freiheit und Demokratie nicht sein. Dies darf man mit Fug und Recht einen Zusammenprall der Zivilisationen nennen.

Die europäischen Staaten und viele Menschen reagieren wie Herr Keuner. Sie beugen sich der Gewalt. Denn wer will denn auch sein eigenes Rückgrat und das anderer brechen lassen? Also sagen manche Sätze, die auch ungesagt selbstverständlich sind, wie die Feststellung, dass religiöse Gefühle anderer nicht verletzt werden dürfen. Noch deutlicher muss aber hinzugefügt werden, dass das selbstverständliche Recht, gegen Beleidigungen zu protestieren und zu demonstrieren, Gewalt ausschließt. Allein die Relativierung der Gewalt mit dem Hinweis auf verletzte Gefühle wird Gewalt nicht eindämmen, sondern geradezu ermutigen.

Glücklicherweise mehren sich die besonnenen Stimmen, auch und vor allem von Vertretern der Muslime. Sprecher der Türkischen Gemeinde in Deutschland wie islamischer Gruppen haben sich erfreulich deutlich von Gewaltaufrufen distanziert. Diese schadeten nur dem Islam selber. Hoffentlich gewinnen mahnende, besonnene Stimmen auch in den arabischen Ländern die Oberhand. Wahrscheinlicher ist, dass die internen politischen und religiösen Auseinandersetzungen zunehmen und sich immer wieder aus unterschiedlichen Anlässen entladen werden. Aufgabe der westlichen Demokratien kann es nur sein, die gemäßigten Kräfte zu stärken und den Konflikt der Zivilisationen in zivile Bahnen zu lenken.

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