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Thema / Archiv | Beitrag vom 17.09.2010

"Zunächst mal war die Beweiskette nicht geschlossen"

Journalist über Hintergründe des Attentats auf das Oktoberfest vom September 1980

Ulrich Chaussy im Gespräch mit Andreas Müller

Ein Schützenverein läuft in traditioneller Tracht während des Trachtenumzuges des Oktoberfestes durch die Münchner Innenstadt. (AP)
Ein Schützenverein läuft in traditioneller Tracht während des Trachtenumzuges des Oktoberfestes durch die Münchner Innenstadt. (AP)

Vor 30 Jahren tötete eine Bombe auf dem Münchener Oktoberfest zwölf Besucher und den mutmaßlichen Bombenbauer Gundolf Köhler, den die Staatsanwaltschaft damals schnell als Einzeltäter ermittelte. Bis heute bleiben viele Fragen offen, sagt Ulrich Chaussy.

Andreas Müller: Aus München ist uns jetzt Ulrich Chaussy zugeschaltet, der sich seit Jahrzehnten mit diesem Fall beschäftigt. Schönen guten Morgen!

Ulrich Chaussy: Guten Morgen!

Müller: Politiker und Opferanwälte wollen den Fall jetzt wieder aufrollen. Warum eigentlich? Ist der Täter damals tatsächlich nicht schlüssig ermittelt worden?

Chaussy: Also, zunächst mal war die Beweiskette nicht geschlossen, was die Bombe anging. Man weiß, dass Gundolf Köhler diese Bombe gelegt hat, dass er sie gebaut hat, ist nicht nachgewiesen. Denn zwar hat er eine sogenannte Bombenwerkstatt also im Keller seiner Eltern im Haus in Donaueschingen gehabt – da hat er mit Sprengstoff, da hat er mit alten Granatkörpern rumhantiert, mit denen er sich ja übrigens auch bei der Wehrsportgruppe Hoffmann gezeigt hatte, da hat er selbstlaborierte Granaten mit Schwarzpulver gezündet –, aber die Bombe hat keinen Sprengstoff, denn man hat zwar dort unten, von Freunden bekundet, Granatkörper gesehen, aber es ist keine Mikrospur des verwendeten hochbrisanten militärischen Sprengstoffes gefunden worden. Und das andere ist das Psychogramm des Täters, der als ein frustrierter Einzelgänger beschrieben wird. Dieses Psychogramm, da gibt es einfach Fakten, die völlig dagegenstehen. Es beruht auf den Aussagen eines einzigen der Freunde von Gundolf Köhler, im Widerspruch zu allen anderen Bekundungen. Es ist so, dass derjenige, der keine Sozialkontakte gehabt haben soll, der hat sich mit einer Anzeige – der war Schlagzeuger auch – einer Band angeschlossen, hat zwei Mal in der Woche mit der geübt, auch für den Tag nach dem Attentat war er verabredet, der keine Zukunftsperspektive gehabt haben soll, weil er durch eine Uniprüfung gefallen ist, der hat in den Ferien gejobbt, der hat einen Bausparvertrag abgeschlossen und 800 DM seines Ferienverdienstes da eingezahlt. Also im Grunde genommen ... Ich vermisse übrigens diese Indizien und die Wahrnehmung dieser Fakten, die eine große Distanz zu diesem Zeugen hätte ergeben müssen in den Akten, die ich jetzt im Bundesarchiv Koblenz gelesen habe.

Müller: Das sind einige Ungereimtheiten. Welche Rolle spielte eigentlich die berüchtigte Wehrsportgruppe Hoffmann, die damals in Bayern sehr aktiv war? Ich weiß von einer Aussage Franz Josef Strauß', der gesagt hat, na, lassen Sie doch einfach mal deutsche Männer durch den Wald marschieren mit Koppel und Rucksack, wenn die Spaß daran haben. Also er relativierte diese Gruppe eigentlich.

Chaussy: Das war übrigens nach dem Verbot durch Bundesinnenminister Baum, den er sehr ... so beschuldigt hat.

Müller: Nach dem Verbot, aber vor dem Anschlag. Welche Rolle spielten die damals?

Chaussy: Also Gundolf Köhler ist zwei Mal dort gewesen, es waren Einträge auf Karteikarten, die man bei Hoffmann gefunden hat, und dann gab es eben auch diese Razzia, diese Aktion, und die Befragung einer ganzen Menge von Hoffmann-Anhängern und Hoffmann selbst unmittelbar nach dem Anschlag. Hoffmann sagte: Ich kann mich ganz schwach an den Jungen erinnern, vor zwei Jahren oder so. Alle anderen sagten: Wir können uns an den gar nicht erinnern. Und den Behörden, den Ermittlern gelang es nicht, klare Verbindungen von der Tat zu München, zu den Hoffmann-Leuten herzustellen. Aber die Ermittlungen liefen ja noch. 1981 kamen von Hoffmanns Leuten, der sich in den Libanon dann verlagert hat nach dem Verbot, kamen welche zurück, und es gibt drei Aussagen von WSG-Hoffmann-Mitgliedern, die dann beschreiben, wie Köhler bei den Übungen aufgetreten ist, Übungen, bei denen um die 100 Leute da gewesen sind. Man hat in diesem Moment nicht die Ermittlungen auf null gestellt und in diesem, ja, auf diesem Tableau, auf diesem Forum sozusagen, wo sich Rechtsextremisten aus der ganzen Bundesrepublik zu diesen Übungen trafen, dann die Ermittlungen neu aufgestellt und gesagt: Wer könnte zu Köhler Kontakt aufgenommen haben? Davon ist überhaupt nichts zu finden, denn man hatte sich mittlerweile ganz und gar auf den Einzeltäter konzentriert, der aus ausschließlich unpolitischen Motiven, aus persönlicher Verzweiflung gehandelt habe. Und das ist so interessant: Diese beiden Freunde, die engsten, die dann wichtig waren in dieser Phase der Ermittlungen, bereits im November 80, wenige Wochen nach der Tat – da hat einer gesagt: Wir haben zu dritt Wahlkampfkundgebungen besucht und wir sprachen darüber, vor allem Gundolf sprach darüber, ob man und wie man den Wahlkampf mit einer Bombe beeinflussen könne. Der andere, der darauf angesprochen worden ist, ist derjenige, der gesagt hat: Das hat nicht stattgefunden. Und der hat diese private Verzweiflungstheorie in die Welt gesetzt. Der war Jura-Student, bei dem zu Hause wurde dann ein Gesetzestext beschlagnahmt: "Nichtanzeige geplanter Straftaten" hatte er unterstrichen. Dass man diesen Mann auch bei der Faktenlage, die gegen sein Psychogramm sprach, geglaubt hat, ist eine Sache, die ich nicht nachvollziehen kann. Hier können die Ermittlungsbehörden nicht darauf setzen und dann diese Recherche im Netzwerk der Rechtsextremisten unterlassen, was von da an eigentlich nur sehr schwach betrieben worden ist.

Müller: Im Deutschlandradio Kultur spreche ich mit dem Journalisten Ulrich Chaussy, der sich seit vielen Jahren mit dem Attentat auf das Oktoberfest vom September 1980 beschäftigt. Warum, Herr Chaussy, insistierte man stets auf die Theorie des Einzeltäters, nachdem Generalbundesanwalt Rebmann noch kurz vorher gesagt hatte, das sind mehrere wahrscheinlich gewesen? Wehrsportgruppe Hoffmann war dann plötzlich auch in einem Atemzug da mit genannt. Wollte man nicht wahrhaben, dass es so etwas wie einen möglichen rechtsextremen Terrorismus geben könnte? Ich erinnere mich an eine Atmosphäre, auch nach dem Anschlag auf den Bahnhof in Bologna, dass man lange leugnen wollte, dass es so etwas wie einen organisierten rechtsextremen Terrorismus geben könnte.

Chaussy: Das ist einfach so ein Topos: Rechtsextremismus, rechtsextremistische Täter sind eigentlich immer Einzeltäter, obwohl sie es wirklich nicht sind. Das Problem – das war ja in dem Beitrag von Oliver Tolmein angesprochen – war, dass es Schuldzuweisungen gegeben hat von Franz Josef Strauß. Dieses Interview in "Bild am Sonntag" hat er gegeben, bevor am nächsten Morgen herausgekommen ist, dass Gundolf Köhler als Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann bekannt war. Strauß hatte die Idee im Kopf, dass Baum, der einige Monate zuvor mit dem damals als Freigänger vorhandenen Horst Mahler, damals noch RAF-Gründer, gesprochen hat, und hatte die Idee, dass möglicherweise andere Kreise dahintersteckten. Und in dem Moment, in dem sie bemerkt haben in der bayerischen Staatsregierung, im Innenministerium, dass das ganz furchtbar dem Strauß auf die Füße fallen könnte, hat der damalige Staatsschutzchef des Innenministeriums, Herr Hans Langemann, diese Journalisten einbestellt und hat denen gezeigt, was er unmittelbar von der Ermittlungsgruppe erfahren hat über den Köhler, hat gezeigt, dass man die Hoffmann-Leute, dass man die unter Kontrolle gehabt hat und beobachtet hat, und hat also dann im Grunde genommen in die Welt gesetzt, wir hatten immer schon ein Auge auf die Rechtsextremisten, um diesen Schaden, diesen politischen Schaden für Strauß zu begrenzen, der ja den Mann beschuldigte, den Herrn Baum, der die Gruppe Hoffmann verboten hat, als er das konnte, weil die auch in anderen Bundesländern auftraten, und er selber, Herr Strauß, hat sie groß werden lassen, vier Jahre lang verharmlost.

Müller: Wir müssen ganz kurz noch darauf kommen: Es sind Asservate vernichtet worden 1998, wertvolle DNA-Spuren kann man jetzt nicht mehr auswerten. Es gibt immer wieder die Versuche von Opferanwälten oder jetzt auch Politikern, diesen Fall neu aufzurollen. Glauben Sie, dass da noch was drin ist, beziehungsweise haben Sie eine Theorie, wer hinter diesem Bombenanschlag tatsächlich gesteckt haben könnte?

Chaussy: Diese Spekulationen verbiete ich mir. Ich finde, dass die Ermittlung, dass die Ermittlungsbehörden so viel spekuliert haben, so viel in diese Einzeltäterthese Energie reingesteckt haben. Es ist Potenzial da, die Ermittlungsakten, etwa 10.000 Blatt, liegen in Koblenz im Bundesarchiv. In Berlin, bei der Birthler-Behörde, hat Tobias von Heymann, der Berliner Kollege, mittlerweile 16.000 Seiten Akten ausfindig gemacht, ...

Müller: Stasiakten sind das.

Chaussy: ... Stasiakten. Die Stasi hat in ... auf allen Ebenen wahrgenommen, was da in Westdeutschland passierte, was bei den Ermittlungsbehörden passierte, und sie hatte IMs in der rechtsextremen Szene. Gerade dieses Netzwerk, das die Ermittler in Westdeutschland viel zu wenig sich angeschaut haben, das kann man relativ gut rekonstruieren, da kann man eine ganze Menge Erkenntnisse daraus gewinnen. Dass da nicht sofort drinsteht, wer vielleicht sich an den Köhler gewandt hat, also direkt tatbezogene Dinge, was jetzt von der Bundesanwaltschaft gesagt worden ist und weswegen man diese Akten nicht beiziehen möchte, ist eine Selbstverständlichkeit. Aber man kann diese Beziehungen sehr viel besser rekonstruieren. Es ist Material da, und ob alle Asservate wirklich vernichtet sind, wage ich auch noch zu bezweifeln.

Müller: 30 Jahre nach dem blutigen Attentat auf das Oktoberfest ist noch immer Brisanz in diesem Fall. Das war Ulrich Chaussy, Journalist und Autor des Buches "Oktoberfest-Attentat". Vielen Dank!

Chaussy: Bitte sehr!

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