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Lesart / Archiv | Beitrag vom 03.08.2015

Zukunftsroman von Vladimir SorokinDrogenglück im zerstörten sowjetischen Großreich

Von Jörg Plath

Vladimir Sorokin (imago/ITAR-TASS)
Der russische Schriftsteller Vladimir Sorokin in Moskau im November 2014. (imago/ITAR-TASS)

2050: Die westeuropäischen Staaten liegen nach Kämpfen gegen Islamisten darnieder und im orthodox kommunistischen Moskau regiert ein Alleinherrscher. In Vladimir Sorokins "Telluria" hilft nur die Droge Tellur, das Leben im zerfallenen sowjetischen Imperium zu ertragen.

Roboter greifen einen Zug an. Autos fahren dank Kartoffeln. Plastik ist "lebendgebärend", Teig "schlau", "Gripse" können jedwede Form annehmen und selbstständig recherchieren. Zimmermänner schlagen Menschen Nägel aus Tellur ins Hirn. Es gibt riesige, zwergenhafte und normal große Menschen, manche tragen Tierköpfe. Die Salafisten haben die Schweiz erobert, Kreuzberg ist schon wieder befreit, weshalb die Türken ihrem Retter, Konrad von Kreuzberg, huldigen. Ritter aus dem Languedoc starten zum 13. Kreuzflug gegen die Salafisten im besetzten Istanbul. Es ist einiges los in "Telluria", dem neuen Roman von Vladimir Sorokin.

Der wohl bekannteste russische Schriftsteller, Jahrgang 1955, entwirft eine Dystopie. Um 2050 ist nach einigen Kriegen das russische Imperium zerfallen, auch die westeuropäischen Staaten liegen nach Kämpfen gegen Islamisten darnieder. Im orthodox kommunistischen Moskau herrscht ein Gossudar wie ein König, eine Stalinrepublik erfreut sich starken touristischen Zuspruchs. Voller Willkür und Grausamkeit wird gegen Aufsässige vorgegangen. Anders als in früheren Büchern ordnet Sorokin nun den Untergang des sowjetischen Imperiums, dessen Zerstörern Lenin, Gorbatschow und Putin er noch einmal höhnisch huldigt, in eine eurasische Perspektive ein.

Die 50 äußerst abwechslungsreichen Szenen des Romans bauen keinen Handlungsbogen auf und führen bis auf wenige Male stets neue Figuren ein. Im düster-chaotischen "Zeitalter des Tellur" verspricht Glück allein die nicht selten tödliche Schädelpenetration mit dem Nagel aus dem "Seltenerdmetall". Tellur macht alte Träume wahr: Platon zu küssen, Jesus' Apostel zu werden oder Unterlassenes nachzuholen. Nur die Salafisten brauchen kein Tellur, werden sie doch seit frühester Kindheit mit Parolen aufgestachelt. Trotz der Islamisten ist Sorokins Roman nicht mit Michel Houellebecqs "Unterwerfung" zu vergleichen. Im Mittelpunkt steht nicht der Kampf der Welten, sondern der Verlust jeden Sinns – mit Ausnahme des einen, des Sinns durch Tellur. "Telluria" erzählt Varia aus dem "Zeitalter des Tellur".

Glück bringt nur die Droge

Die Droge stammt aus der glücklichen Republik Telluria im Altai-Gebirge. Ihr Herrscher Jean-François Trocart, ein normannischer Pilot der Legion "Blaue Hornissen", fliegt regelmäßig aus seinem Palast L'Edelweiß Noir hinab, um mit seinen Untertanen die Suppe des Landes einzunehmen und sich nach ihren Sorgen zu erkundigen.

Bildungsgesättigte Ironie dieser Art trägt das Buch. In der Übersetzung des Kollektivs Hammer und Nagel, hinter dem sich einige der besten Übersetzer aus dem Russischen verbergen, darunter Gabriele Leupold, Dorothea von Trottenberg und Andreas Tretner, kommt das Grelle, Quietschbunte, Derbe, Gewalttätige, grotesk Überdrehte, kommen die Kolportage- und Genreelementen mit vielerlei Anspielungen daher. Sorokin verrührt mit einem gewaltigen Zauberstab Ginsbergs heulende Klage über die "besten Köpfe meiner Generation", kommunistische Hagiographien, Gottesanrufungen, Bittbriefe, Demoaufrufe, Schüleraufsätze, Novellen, Dramolette, Märchen und vieles mehr. Weil er dieses Neukombinieren so lässig wie kunstvoll betreibt, nicht den Weg zum nahe liegenden Kalauer sucht und sich auch nicht wie Genre-Autoren in Kampf- oder Technikbeschreibungen ergeht, entstehen zuweilen fantasmagorische Szenen. "Telluria" ist über weite Strecken ein beflügelnder Tellur-Nagel im Kopf des Lesers.

Vladimir Sorokin: "Telluria"
Aus dem Russischen vom Kollektiv Hammer und Nagel
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015
416 Seiten, 22,99 Euro

Mehr zum Thema:

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(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 09.01.2015)

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