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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.04.2012

Zu viel Spektakel, zu wenig Inhalt

Frank Castorf inszeniert Kafkas "Amerika" am Schauspielhaus in Zürich

Von Roger Cahn

Im Schauspiel Zürich wurde eine spektakuläre Docklandschaft aufgebaut. Viel Mühe. (Toni Suter / T+T Fotografie)
Im Schauspiel Zürich wurde eine spektakuläre Docklandschaft aufgebaut. Viel Mühe. (Toni Suter / T+T Fotografie)

Castorf interpretiert gerne Romane für das Theater. Kafkas Fragment "Amerika" über einen jungen Mann, den seine Eltern nach Amerika schickten, weil er ein Dienstmädchen geschwängert hatte, sollte auf der Bühne über sieben Stunden dauern. Vier sind es geworden - noch zu lang.

Nach fast fünf Stunden, kurz vor Mitternacht, waren alle erschöpft: das (noch) ausharrende Publikum, die Schauspieler, die vier Kameraleute (in dieser Reihenfolge). Die letzte halbe Stunde gehörte nur noch dem Bojan Krstic Orkester, das angeführt von Fanny (Irina Kastrinidis) scheinbar unermüdlich durch die lange Halle, treppauf und treppab hetzte, verfolgt von einer emsigen Filmcrew. Das war denn auch alles, was Frank Castorf zum faszinierenden letzten Kapitel des Romans noch eingefallen war: die Trompeten im "großen Naturtheater von Oklahoma".

Dabei hatte die Dramatisierung des Kafka-Romans vielversprechend begonnen: Castorf ließ das gesamte Ensemble in verschiedenen Rollen in New York einlaufen. Auf Deck wurde die Hauptfigur Karl Roßmann (hier noch dargestellt von Marc Hosemann) von seinem reichen Onkel Jakob (Robert Hunger-Bühler) in Empfang und Gewahrsam genommen. Weil Karl noch auf dem Schiff seinem eben gewonnenen Freund, dem von Schubal (Gottfried Breitfuß) ungerecht behandelten Heizer (Robert Hunger-Bühler) zu dessen Recht verhelfen wollte, begegnete er - noch ohne es zu ahnen - seinen beiden wichtigsten Kumpanen in Amerika: dem Franzosen Delamarche (Hunger-Bühler) und dem Iren Robinson (Breitfuß). Dass der Anfang ein gutes Ende nahm, verdankte Karl dem wohlwollenden Kapitän (Margit Bendokat), der/die sich im Verlauf des Abends als seine wichtigste Helferin (Oberköchin) entpuppen sollte.

Dieser geniale dramaturgische Ansatz ließ die Hoffnungen in die Höhe treiben. Auch der Eintritt in die riesige Halle des Schiffbaus, wo eine spektakuläre Dock-Landschaft aufgebaut war, weckte Erwartungen. Doch diese wurden je länger der Abend desto stärker enttäuscht. Das Spektakel entwickelte sich zum Klamauk. Theater war nur noch häppchenweise zu sehen. Dafür wurden die meisten Szenen auf zwei große Screens projiziert: "Amerika" als Public Viewing. Kafkas Ängste der kleinen Leute gingen im Klamauk von Bild und Ton unter. Differenziertes Schauspiel war da nicht mehr möglich. Das so vielversprechend gestartete Ensemble konnte einem richtig Leid tun - und Kafka auch!

Fazit: Altmeister Frank Castorf hat seinen Zenit überschritten. Nur mit teurer Szenerie allein lassen sich Inhalte nicht adäquat vermitteln. Die Zeit zum Aufhören wäre gekommen.

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