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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 05.10.2013

Zirkus Brokkoli

Verkrampfte Suche nach heilenden Substanzen im Kohl

Von Udo Pollmer

Brokkoli enthält Sulforaphan, das im Körper in Stoffe umgewandelt wird, die womöglich Nervenschäden verursachen. (Stock.XCHNG - Rainer Berg)
Brokkoli enthält Sulforaphan, das im Körper in Stoffe umgewandelt wird, die womöglich Nervenschäden verursachen. (Stock.XCHNG - Rainer Berg)

Gern wird die gesundheitsfördende Wirkung des Brokkoli hervorgehoben. Dabei sind die vermeintlichen vor Krebs schützenden Stoffe des Kohlgemüses bloß im Reagenzglas nachgewiesen worden. Und das Sulforaphan im Brokkoli kann sogar gesundheitsschädlich sein.

Dass Brokkoli gesund ist, haben die meisten inzwischen gelernt. Leider weiß bis heute niemand so recht, warum. Deshalb haben sich weltweit zahllose Forscherteams auf den Weg gemacht, das Geheimnis des Gesundheitskohls zu lüften. Dafür braucht man allerdings Geld. Am leichtesten erhält man Forschungsgelder, wenn man den Endsieg gegen den Krebs in Aussicht stellt. Wenn die scharfen Waffen der modernen Medizin gegen den Tumor nicht wirken, dann greift man unten ins Gemüsefach und präsentiert den Patienten einen Kohlkopf. Bei Experimenten mit Zellkulturen, heißt es dann geheimnisvoll, hätte Brokkoli irgendwelche Krebszellen im Reagenzglas erschreckt.

Die erste Substanz aus Brokkoli, die jahrelang als Hoffnungs- und vor allem Umsatzträger bei den Nahrungsergänzungsmitteln diente, war das Indol-3-Carbinol. Inzwischen ist der Krebsschutzstoff vom Tisch, nachdem er im Tierversuch die Leberkrebsrate versechzigfacht hatte. Außerdem wird er den Dioxinen zugeschlagen, also der Stoffgruppe rund um das Sevesogift. Indol-3-Carbinol gilt in der Fachpresse als "natürliche dioxinartige Verbindung". Dümmer kann es für einen Krebsschutzstoff gar nicht laufen. Armer Brokkoli.

Nur im Labor positive Wirkungen

Also musste ein neuer Wunderstoff aufs Schild gehoben werden: Die Mediziner entschieden sich für Sulforaphan. Im Grunde genügte es, bei den Werbeschriften und Forschungsanträgen das Wort Indol-3-Carbinol durch den Begriff Sulforaphan zu ersetzen. Auch Hoffnungen werden recycelt und zum Geldsammeln benutzt.

Warum kommt bei Versuchen mit einer Zellkultur so Vielversprechendes heraus, und spätestens beim Test am Menschen lösen sich die Versprechungen in beißendem Rauch auf? Das hängt damit zusammen, dass man heute weiß, was man mit einem Testsystem alles anstellen muss, damit es das gewünschte Ergebnis liefert. Es gibt bei solchen Labortests zahllose Stellschrauben, die es ermöglichen, zu zeigen, dass – sagen wir mal – eine Flasche Kräutersoße oder ein Eimer Hühnermist oder was auch immer alles enthält, um Krebs, Alzheimer oder die Schuppenflechte zu besiegen.

So dreht sich das Karussell beim Brokkoli immer weiter und neue Wunderstoffe tauchen auf, sobald die werbliche Wirkung der bisherigen verblasst. Aber wäre es nicht voreilig auszuschließen, dass beim Sulforaphan nicht doch irgendetwas dahintersteckt, bevor man es nicht ausprobiert hat? Das ist im Prinzip richtig – doch schon jetzt ist absehbar, dass es wohl wieder in der Versenkung verschwinden wird: Denn Sulforaphan und seine Verwandten werden im Körper in Dithiocarbamate umgewandelt. Und die kennen wir nur zu gut.

Neuer Hoffnungsträger: Quercetin

Dithiocarbamate sind wichtige Pestizide, meist Pilzvernichtungsmittel, deren Einsatz jedoch eingeschränkt werden musste: Sie stehen im Verdacht Nervenschäden, Schilddrüsenkrankheiten und Krebs auszulösen. Greenpeace warnt regelmäßig vor Rückständen auf Obst und Gemüse. Wenn die Sache mit den Dithiocarbamaten rauskommt, dann sollte man schnell den nächsten Wunderstoff aus dem Kohl beziehungsweise dem Hut zaubern.

So wie es aussieht, hat sich die Branche fürs Quercetin entschieden. Wenn die Vertreter der Medien der Pressekonferenz lauschen, werden sie erfahren, man hoffe, der neue Stoff könne neben Krebs auch die Makuladegeneration des Auges heilen und wirke gegen die Schweinegrippe – natürlich nur im Reagenzglas. Bleiben sie dran, Fortsetzung folgt.

Wenn Sie Brokkoli eh nicht mögen, speisen Sie doch seinen edlen Verwandten, den Blumenkohl. Den essen sogar die meisten Kinder gerne und er stand auch nie im Verdacht gesund zu sein. Also die allerbesten Voraussetzungen für eine gelungene Mahlzeit! Mahlzeit!


Literatur:
Stoner G et al: Development of a multi-organ rat model for evaluating chemopreventive agents: efficacy of indole-3-carbinol. Carcinogenesis 2002; 23: 265-272

Wilker C et al: Effects of developmental exposure to indole-3-carbinol or 2,3,7,8-tetrachlorobenzo-p-dioxin on reproductive potential of male rat offspring. Toxicology and Applied Pharmacology 1996; 141: 68-75

Hanlon N et al: Repeated intake of broccoli does not lead to higher plasma levels of sulforaphane in human volonteers. Cancer Letters 2009; 284: 15-20

Rath NC et al: Dithiocarbamate toxicity - an appraisal. In: Stoytcheva M (Ed): Pesticides in the Modern World - Effects of Pesticides Exposure. InTech, Rijeka 2011, S.323-340

Hayes WJ, Laws ER: Handbook of Pesticide Toxicology. Academic Press, San Diego 1991

Mahlzeit

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