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Thema / Archiv | Beitrag vom 08.11.2013

"Zerstreuungskino ist auch ein politisches Kino"

Der Leiter des Berliner Zeughauskinos über eine Filmreihe zur Reichspogromnacht

Jörg Frieß im Gespräch mit Susanne Führer

Jörg Frieß, Leiter des Zeughauskinos am Deutschen Historischen Museum in Berlin (David Sünderhauf)
Jörg Frieß, Leiter des Zeughauskinos am Deutschen Historischen Museum in Berlin (David Sünderhauf)

Das Zeughauskino in Berlin zeigt im November das Kinoprogramm, das die Berliner vor genau 75 Jahren sehen konnten. Neben Wochenschauen und Reklamefilmen gibt es auch seltene Aufnahmen aus der Reichspogromnacht. Der Leiter des Zeughauskinos betont, dass die unterhaltsamen Filme auch eine politische Funktion hatten.

Susanne Führer: Die Reichspogromnacht von 1938 markiert einen Einschnitt in der Judenpolitik der Nationalsozialisten. Bis dahin wurden die deutschen Juden zwar diskriminiert, von da an aber offen und direkt verfolgt. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 ermordeten Nationalsozialisten etwa 100 jüdische Bürger. Sie steckten Hunderte von Synagogen in Brand und zerstörten tausende jüdische Geschäfte und Wohnungen. Es war ein Fanal, das wissen wir heute.

Das Deutsche Historische Museum in Berlin lenkt unseren Blick nun auf den kulturellen Alltag in jener Zeit, nämlich auf das Kinoprogramm, das damals gegeben wurde. Zu Gast hier im Studio ist Jörg Frieß, er leitet das Zeughauskino im Deutschen Historischen Museum und verantwortet diese Filmreihe. Ich grüße Sie, Herr Frieß, hallo!

Jörg Frieß: Hallo!

Führer: Sie zeigen also heute das Kinoprogramm, das die Berliner vor 75 Jahren zu sehen bekamen. Ist das ein Versuch, uns sozusagen eintauchen zu lassen in die Atmosphäre jener Zeit?

Frieß: So könnte man es vermuten und vielleicht wird es von dem ein oder anderen auch so wahrgenommen. Was wir im Kino allerdings erleben, ist eher eine befremdliche Erfahrung. Wir haben uns tatsächlich gefragt, was ist denn in dieser Pogromnacht in den Berliner Kinos gelaufen, und die Beobachtung, die man erst mal machen kann: Es ist eine Kinokultur gewesen, die wir heute gar nicht mehr so kennen. Es waren gekoppelte Programme, es gab den Hauptfilm, den Abendfilm, den eigentlich schon abendfüllenden Spielfilm, und diesem Hauptfilm war aber ein sogenanntes Beiprogramm an die Seite gestellt. Und diese Koppelung von Beiprogramm und Hauptprogramm ist etwas, was uns heute sehr fremd erscheint, was uns unvertraut ist und was meines Erachtens eher dazu führt, dass wir nicht so leicht eintauchen in die Pogromnacht 1938.

Führer: Zu dieser Koppelung des Programms kommen wir gleich noch. Ich würde erst noch mal gerne wissen, wie wichtig, wie populär war damals eigentlich Kino? War das sozusagen das Fernsehen von heute?

Frieß: Könnte man so sagen. Neben dem Rundfunk war das Kino, war der Film das zentrale Leitmedium im Dritten Reich gewesen. Es gab innerhalb von fünf Jahren, kann man sagen, wenn man die Spielzeit 33/34 mit der 38/39 vergleicht, eine Vervierfachung der Besucherzahlen. Es gibt Erhebungen, dass in der Zeit 33/34 etwa 250 Millionen Besucher in die Kinos gingen, und fünf Jahre später sollen das eine Milliarde gewesen sein. Das spricht zunächst einmal für eine enorme Popularität dieses Mediums auf der einen Seite. Und zum anderen, das ist weithin bekannt, haben die Nationalsozialisten, insbesondere Joseph Goebbels, natürlich ein manifestes, wichtiges Interesse gehabt, den Film zu benutzen zur Beeinflussung der Bevölkerung.

Führer: Sie haben vorhin von einer Koppelung gesprochen. Also, heute gibt es Werbung und dann den Hauptfilm. Dann kennen wir alle Wochenschauen aus der damaligen Zeit. War das so, was da so zusammen lief, ein bisschen Werbung, ein bisschen Wochenschau und dann ein Spielfilm?

Frieß: Im Großen und Ganzen ja. Wir haben drei, vier Reklamefilme jeweils ausgesucht, die in den ersten zwei Novemberwochen 1938 gestartet wurden in Berlin. Das ist die erste Etappe des Programms. Dann wird wie damals eben auch eine UFA-Tonwoche folgen. Wir haben uns konzentriert auf die ersten zwei Novemberwochen, also zeigen wir die eine Tonwoche, die in der ersten Novemberwoche startete, und dann in dem anderen Programm diejenige, die in der zweiten Programmwoche startete. Darauf folgt dann allerdings – und das unterscheidet diese Programmfolge von dem, was wir gewöhnlich mit Kinoprogramm verbinden – noch ein Kulturfilm.
Das ist so eine Art Lehrfilmgenre gewesen. Es waren zum Beispiel ethnografische Filme oder Tierfilme, die so ein Nebeneinander hatten von Spektakel der Tierwelt und Spektakel der Filmtechnik. Es gibt etwa, wir werden zeigen in einem Programm, den Film "Die Kleinsten im Golf von Neapel", ein Tierfilm, der zum einen eben diese kleinsten Lebewesen, die man im Golf von Neapel finden kann, porträtiert und da so ein Spektakel der Naturereignisse präsentiert, zum anderen aber auch Filmtechnik selbst feiert, denn das sind ungeheuerliche Großaufnahmen von diesen kleinsten Lebewesen. Das ist also diese dritte Etappe, nach der Reklame und der Wochenschau kommt dann der Kulturfilm, und dann folgt eben erst der Hauptfilm, den wir heute für gewöhnlich als den Film, losgelöst von seinem Beiprogramm, wahrnehmen.

"Seltene Aufnahmen aus der Pogromnacht werden gezeigt"

Führer: Aber wenn ich Sie richtig verstanden habe, diese Wochenschauen wurden ja wöchentlich gemacht und Sie haben die erste und die zweite Woche ausgewählt. Dann bekommen wir gar keine Wochenschau zu sehen, in der über die Reichspogromnacht berichtet wird!

Frieß: Nein, die bekommen wir nicht zu sehen.

Führer: Warum nicht?

Frieß: Weil wir uns eben beschränkt haben auf die Idee, wir wollen wissen, was in dieser Pogromnacht passiert ist. Wir werden am 9. ein Sonderprogramm machen, also am Sonntag. Da werden wir allerdings auch keine UFA-Tonwoche sehen, aber wir werden die seltenen Aufnahmen erleben, die es gibt aus der Pogromnacht selbst. Es gab ja in der Pogromnacht ein eigentlich striktes Foto- und Filmverbot, an das sich aber nicht alle gehalten haben, und es sind ein paar Aufnahmen eben aus Bühl zum Beispiel oder aus Bielefeld überliefert, und diese Aufnahmen werden wir dann am Sonntag zeigen.

Führer: Herr Frieß, dann kommen wir jetzt mal zu den Hauptfilmen, die damals gezeigt wurden und die Sie heute zeigen. Welche Filme zeigen Sie da, nennen Sie mal vielleicht ein, zwei Beispiele!

Frieß: Wir zeigen unter anderem den Film "Du und ich", einen Film, der Berliner Erstaufführung hatte am 7. November, dann auch in der Pogromnacht zu sehen war. Erstaufführung im damals größten oder zumindest einem der größten Berliner Kinos, dem Capitol am Zoo. "Du und ich" erzählt eine Familiengeschichte, eine Ehegeschichte als Firmengeschichte. Es geht um einen Strumpfhersteller, Johann Uhlig, der zusammen mit seiner Frau zunächst einen ganz kleinen Zwei-Personen-Betrieb betreibt und der dann innerhalb von fünf, sechs Jahren, dem es gelingt, mit Fleiß, Glück und Können eine sehr große Firma mit vielen Hundert Angestellten aufzubauen. "Du und ich" ist ein Film, der die Frage aufwirft, welchen Wert, welchen Sinn, welche Bedeutung hat die Arbeit, welchen Wert hat das Leben an sich.

Führer: Dann laufen ja noch so, wie wir heute sagen würden, reine Unterhaltungsfilme, "Eine Nacht im Mai" mit Marika Rökk, der unvergessenen Stepptänzerin oder "Heimat" mit Zarah Leander.

Frieß: Genau, mit Zarah Leander, ein großer Starfilm, der 1938 auch enorm erfolgreich war. "Heimat", ein Melodram, das davon erzählt, wie eine Frau, die vor acht Jahren das strenge Elternhaus verlassen musste, dann nach acht Jahren als erfolgreiche Sängerin aus Amerika zurückkommt in eine deutsche Residenzstadt und dort auf einen nach wie vor sehr strengen Vater trifft. Ein Film, der um das Thema kreist, welchen Wert hat die Heimat, welchen Wert hat Karriere, wie möchte ich das beides zueinander in Beziehung setzen.

Führer: Siegfried Kracauer schrieb ja Ende der 20er-Jahre in einem seiner berühmten Feuilletons in der "Frankfurter Zeitung", die Lichtspielhäuser Berlins sind nicht Kinos mehr, sondern Paläste der Zerstreuung. Kann man sagen, dass das der Hauptzweck war, also Zerstreuung, gar nicht die ideologische Erziehung der Deutschen?

Frieß: So mag es scheinen, ich bin mir da unsicher. Auf den ersten Blick würde ich sagen, ja, es sind Unterhaltungsfilme. Kennzeichnend für den Großteil der Filme ist ja, dass sie tatsächlich kaum Hinweise auf die nationalsozialistische Gegenwart enthalten. Wir sehen in diesen Filmen keinen Hitlergruß, wir sehen in diesen Filmen keine Fahnen mit Hakenkreuzen, wir sehen keine Porträts von Hitler in den Amtsstuben. Wir sehen eigentlich sehr viel nicht, was damals zum nationalsozialistischen Alltag gehörte. Wir erleben ein Genrekino, ein melodramatisches Kino, das vor allem – das war ja auch Goebbels Forderung – die Gefühle, die Gemüter, die Wünsche anspricht, auf der einen Seite. Auf der anderen Seite besteht der Clou dieses NS-Kinos natürlich darin, diese Gefühle anzusprechen, zu wecken, und dann aber auch zu bahnen, sie in bestimmte Richtungen zu lenken. Insofern ist dieses Zerstreuungskino natürlich trotzdem auch ein politisches Kino.

"Filme nicht künstlerisch wertvoll, aber interessant"

Führer: Ich habe mich gefragt, Herr Frieß, Sie zeigen ja im Zeughauskino häufig Filme, die begleitet werden auch von Diskussionen und Veranstaltungen. Diesmal haben Sie darauf verzichtet. Warum?

Frieß: Wir haben nicht komplett darauf verzichtet. Wir haben tatsächlich zwei Veranstaltungen, für die wir Filmhistoriker eingeladen. Das ist zum einen das Programm mit den Aufnahmen aus der Pogromnacht selbst. Da gibt es einen Historiker, der dazu gearbeitet hat. Und zum anderen machen wir ein Programm auch zum Umgang zur thematischen filmischen Auseinandersetzung mit dem Sudetenland. Dazu gibt es auch einen Historiker. Aber im Großteil setze ich darauf - und das glaube ich, dass es auch funktioniert, das ist zumindest mein Eindruck vom letzten Dienstag -, dass sich in der Koppelung dieser verschiedenen Filme Bezüge herstellen und historische Einordnungen, die es gestatten, jedem, der im Zeughauskino sitzt, einen Zugang auch zu der politischen Funktion dieser Filme zu erlangen.

Führer: Sie haben jetzt ja viele Filme gesichtet, nehme ich mal an, für dieses Programm, gesichtet, gesehen. Sind da eigentlich auch welche darunter, auch wenn sie aus dem Jahr 1938 stammen, die Sie gerne gesehen haben, die Sie heute noch für künstlerisch wertvoll halten?

Frieß: Künstlerisch wertvoll, nein. Das ist schon ein Kino, das mich relativ fremd anschaut, aber das nichtsdestotrotz nicht uninteressant ist. Also, "Heimat" ist schon ein interessanter Film, wenn er am Ende … Er hat eine sehr lange Exposition, die, ehrlich gesagt, relativ langweilig ist, aber Carl Froehlich, dem Regisseur, gelingt es dann doch schon zusammen mit dem Kameramann, am Ende eine Dichte im Melos, in der Melodramatik herzustellen, die mich auch heute noch ergreift.

Führer: Das sagt Jörg Frieß. Er leitet die Kinemathek und das Zeughauskino im Deutschen Historischen Museum Berlin, und dort wird gerade die Filmreihe "Als die Synagogen brannten" gezeigt. Ich danke Ihnen für Ihren Besuch hier, Herr Frieß!

Frieß: Ich danke Ihnen auch!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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