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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.11.2012

Zeitlose Kurzgeschichten

Kurt Vonnegut: "Hundert-Dollar-Küsse. Sechzehn unveröffentlichte Geschichten“, Kein & Aber, Zürich 2012, 304 Seiten, 19,90 Euro

Der Schriftsteller Kurt Vonnegut im Jahr 1973 (AP / Jill Krementz)
Der Schriftsteller Kurt Vonnegut im Jahr 1973 (AP / Jill Krementz)

Der amerikanische Schriftsteller Kurt Vonnegut finanzierte seine Arbeit in den 50er-Jahren durch den Verkauf von Kurzgeschichten und Erzählungen an Zeitschriften. Aus dieser finanziell erfolglosen Zeit stammt die Sammlung "Hundert-Dollar-Küsse", die 16 bissige Milieustudien umfasst.

Er hat alles Mögliche gemacht, um an Geld zu kommen: Werbetexte verfasst, Nachhilfe gegeben, sogar als Autoverkäufer hat er sich versucht. Das war in den 50er-Jahren. Kurt Vonnegut wollte seinen Landsleuten Limousinen von Saab andrehen, aber die fuhren lieber Chevy und Cadillac. Für den Misserfolg hätten sich die Schweden gerächt, witzelte der Autor später. "Sie haben mir den Nobelpreis vorenthalten."

Aus dieser finanziell erfolglosen, literarisch aber reichen Zeit stammen die "Hundert-Dollar-Küsse". Bis Vonnegut mit dem Kriegsroman "Schlachthof Nummer 5" über die Bombardierung Dresdens zum Literaturstar werden sollte, musste noch ein Jahrzehnt vergehen. Währenddessen schrieb er seine bissigen Milieustudien, sie spielen in für uns nostalgischen Kulissen, es gibt Sekretärinnen mit Diktaphonen, die Chefs heißen noch Herr Direktor, und bei verwitweten Damen ist ein Zimmer zur Untermiete frei.

Aber die Dramaturgie der 16, von Harry Rowohlt lässig pointiert übertragenen Geschichten ist zeitlos und packend. Der Vertreter einer Kühlschrank-Firma hat sich wie Pygmalion eine Geliebte geschaffen: ein umgebauter Kühlschrank mit dem Namen der Exfrau, die ihn verlassen hat. Der spendet dem Einsamen Trost in Gestalt fürsorglicher Produkte: Auf diese Fortschrittsidee macht sich Vonnegut seinen eigenen, bitterwitzigen Reim.

Oder die Stenografin, die ein brisantes Band abhört. Ein Mörder hat sich auf dem Firmengelände versteckt. Angeschossen von der Polizei und seit Tagen in einer Lagerhalle darbend, hat er der Dame eine Botschaft zugeschmuggelt. "Gibt es vielleicht ein Mädchen, das diesem Jungen etwas zu essen bringe würde?", flüstert die Stimme auf dem Band, und ob in dieser Versuchung, bei etwas Kriminellem mitzutun, für den verwalteten Menschen ein Ausweg aus der Entfremdung liegt, auch darauf hat der Autor eine raffinierte Antwort.

Viele solcher vom Leben verbeulten Gestalten tauchen auf: die ältere Dame, die ihrem im Weltkrieg gefallenen Sohn zuhause ein Mausoleum errichtet; der Reporter, der endgültig aufräumen will mit dem Weihnachtsrummel und am Ende mehr weiß von Innerlichkeit als alle, die ihn zynisch finden; der trockene Säufer, der zur Feier des Tages anstoßen will: nur ein einziger Drink, ehrlich, kein Problem.

Moralisch sind diese Erzählungen im besten Sinne; sie haben einen kritischen Ansatz, und der wird mit Humor verkauft. Vonnegut schrieb viel für Zeitschriften, da musste es unterhaltsam sein, verständlich, uneitel. Mit den Short Storys eines Hemingway oder Raymond Carver haben diese Geschichten nichts zu tun. Es gibt keine Ehepaare, die sich über Seiten anschweigen, und im Finale läuft keine Katze über den Hof und beschäftigt Generationen von Philologen, die darüber spekulieren, ob das Tier für einen verdrängten Kinderwunsch stehe (siehe Hemingways "Katze im Regen").

Vonneguts Prosastücke hingegen sind explizit, die Überraschung gibt es zuverlässig am Ende. Weil man von dieser tollen Art, verblüfft zu werden, nicht genug kriegen kann, liest man begeistert weiter.

Besprochen von Daniel Haas

Kurt Vonnegut: "Hundert-Dollar-Küsse. Sechzehn unveröffentlichte Geschichten". Aus dem Amerikanischen von Harry Rowohlt. Kein & Aber, Zürich 2012, gebunden, 304 Seiten, 19,90 Euro.

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