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Thema / Archiv | Beitrag vom 29.06.2012

"Wurzel der saarländischen Gesamtkultur"

Landeskunde-Direktor Delf Slotta über die Schließung des letzten Kohlebergwerks im Saarland

Moderation: Ulrike Timm

Schicht im Schacht - eine große industrielle Tradition geht im Saarland endgültig zu Ende.
Schicht im Schacht - eine große industrielle Tradition geht im Saarland endgültig zu Ende. (AP)

Nach über 250 Jahren endet der Bergbau an der Saar. Die Menschen seien dort stark durch den Bergbau geprägt worden, sagt Delf Slotta, Direktor des Instituts für Landeskunde im Saarland. Es gebe Attribute, die den Bergleuten zugerechnet werden könnten: "Stolz, Demut, Glaube, Gottvertrauen."

Ulrike Timm: Wenn morgen die letzten verbliebenen saarländischen Bergleute ins Wochenende gehen und sagen "Schicht im Schacht", dann werden sie das wohl auch mit etwas Wehmut tun und viele mit ihnen. Eine große industrielle Tradition geht im Saarland endgültig zu Ende. Kohle wird hier nicht mehr abgebaut.

Es bleibt die Erinnerung an 250 Jahre Bergbau im Saarland, aber auch die Erkenntnis, dass kein Staat auf Dauer einen Wirtschaftszweig allein mit Subventionen über Wasser halten kann.

Über die große Tradition und die prägende kulturelle Kraft des Bergbaus im Saarland sprechen wir jetzt mit dem Direktor des Instituts für Landeskunde in Saarbrücken, mit Delf Slotta. Schönen guten Tag!

Delf Slotta: Guten Tag!

Timm: Herr Slotta, die Bedeutung dieser ehemaligen Schlüsselindustrie, die hat immer weiter abgenommen. Trotzdem gilt Ihnen der Bergbau als Wurzel der saarländischen Gesamtkultur. So haben Sie es mal genannt. Woran wird das deutlich?

Slotta: Ich denke, wir haben ein Datum, nämlich das Jahr 1751. Damals ist etwas wirklich Epochales passiert. Der damalige Landesherr, ein Fürst Wilhelm Heinrich zu Nassau-Saarbrücken hat damals die privaten Gruben einfach eingezogen. Also der Staat wurde mit diesem Moment der Bergherr.

Und das war, man kann sagen, bis zum Ende des Jahrtausends so. Das heißt, wir hatten fast 250 Jahre lediglich den Staat als Unternehmer, und das hat ganz eigene Strukturen hier im Land befördert, nämlich solche, die wir in keinem anderen europäischen Revier vorgefunden haben, wo halt die privaten Unternehmer sich den Bergbau in den verschiedenen Revieren aufgeteilt haben. Und man kann sich natürlich vorstellen, was das für Konsequenzen hatte. Wir hatten bei uns im Saarbergbau nie so etwas ähnliches wie Konkurrenz. Und natürlich, wir hatten dadurch eine ganz enge Verknüpfung von Territorialgeschichte und Bergbau, weil: Wer hier an der Saar das Sagen hatte, der bekam als Mitgift automatisch dann auch die Gruben und die Abbaufelder, also die Kohlelagerstätte. Und man kennt ja den saarländischen geschichtlichen Sonderweg.

Der ist immer zwischen Deutschland und Frankreich immer hergegangen und auch, manchmal haben sich deutsche Staaten um diese Lagerstätte wirklich gekümmert, teilweise sogar gekämpft. Ja, und dieser saarländische geschichtliche Sonderweg, der ging halt wirklich um die Kohle, die ja, man kann sagen, im achtzehnten, im neunzehnten und auch noch lange im zwanzigsten Jahrhundert so entscheidend gewesen ist.

Timm: Das ist jetzt der historische Überbau. Wie merkt man das in den Familien? Wie hat das die Identitäten geprägt, wie merkt man das im sozialen Leben? Gibt es da heute noch Spuren, wo sie sagen würden, ja, das ist Saarland, kommt vom Bergbau?

Slotta: Ja, unbedingt. Also, wenn Sie mit Menschen sprechen, die erzählen Ihnen, dass sie seit X Generationen irgendwie mit dem Bergbau etwas zu tun haben. Wir hatten auch nie diese große Einwanderungsbewegung wie zum Beispiel es typisch war für das Ruhrgebiet, wo ja ganz verschiedene Landsmannschaften zusammengekommen sind.

Und die Menschen, die jetzt hier im Saarland sind, die sind, glaube ich, sehr, sehr stark durch diesen Bergbau geprägt worden. Also, es gibt ja so Attribute oder, nennen wir es vielleicht mal Werte, Eigenschaften, die den Bergleuten so zugerechnet werden. Zum Beispiel Belastbarkeit, Sparsamkeit, Kreativität, Solidarität. Ich denke auch so an Kameradschaft, Zusammengehörigkeit, Kraft. Und dann noch ganz wichtig, Stolz, Demut, Glaube, Gottvertrauen.

Das sind Dinge, die in den Menschen weiterleben, die ständig weitergegeben worden sind, und das sind natürlich solche Hinweise darauf, was hier mal 250, 260 Jahre los gewesen ist.

Timm: Ich möchte das gern noch mal um den Schmutz und die Hitze ergänzen. Unter Tage arbeiten, immer wieder unter gefährlichen Umständen im Dunklen, in der Hitze, unter Lebensgefahr. Wie hat das das soziale Leben über Jahrhunderte geprägt?

Slotta: Ich glaube, dass das ganz entscheidende Dinge sind. Also, wenn Sie sich nicht nur historische, sondern auch aktuelle Aufzeichnungen mal von Bergleuten ansehen, wie die gefühlt haben, als sie die erste Untertagefahrt gemacht haben, und das hat sich eigentlich niemals dann auch in den nächsten Jahren ihrer Tätigkeit dann verändert, da, da war das ein, man kann schon fast sagen, Schockerlebnis.

Und diese, sage ich mal, Ehrfurcht vor dem, was da unter Tage tatsächlich auf einen wartet, das hat die Menschen ganz, ganz stark nicht nur in ihren Bann gezogen, sondern das hat sie auch tatsächlich ruhig werden lassen, demütig, ich habe vorhin Glaube, Gottvertrauen angesprochen.

Das sind so Eigenschaften, die diesen Menschen, die ja eben nach außen hin eine sehr raue Schale vielleicht haben, aber doch sehr eigen sind, weil man merkt direkt unter Tage, dass man da alleine überhaupt nichts ausrichten kann, dass man da nur im Team, also mit den anderen Kameraden gemeinsam zum Erfolg kommen kann. Und das sind natürlich solche Eigenschaften, die lässt man nicht unter Tage.

Sondern wenn man dann über Tage wieder ist, dann verbringt man auch seine Freizeit genau mit denselben Kameraden, auf die man unter Tage angewiesen ist. Also ich denke, da gibt es schon ganz, ganz enge, eigene Beziehungen zwischen den Menschen in diesem Berufszweig.

Timm: 2008 gab es ein Erdbeben, das die Abwicklung dann noch beschleunigt hat. Die Arbeit ist gefährlich und hat sich kaum noch gelohnt. Die Romantik ist immer groß, wenn man mit der Realität nicht so viel zu tun hat. Wird da inzwischen nicht auch vieles verklärt?

Slotta: Unbedingt. Ich denke, es muss vor allem, was die Zukunft angeht, ein umfassendes und differenziertes Bild des Bergbaus gezeigt und auch gezeichnet werden, weil ich denke, dieser Bergbau, der hat auf der einen Seite einen gewissen Wohlstand diesem Land gebracht, er hat aber auch natürlich enorm viele Beeinträchtigungen hinterlassen zu Zeiten, als Umwelt, Ökologie noch keine Rolle gespielt hat. Da sind wirklich viele, viele Dinge passiert.

Timm: Dreck in der Luft, Brachflächen, dicke Luft im wörtlichsten Sinn. Also ich flechte das nur mal ein - es war ja nicht alles toll.

Slotta: Um Gottes Willen! Wir haben Altlasten, wir haben Kontamination in den Böden. Das sind alles Hinterlassenschaften des Bergbaus, die auch, wenn man alles, was dieser Bergbau diesem Land gegeben hat, auch aufsummieren muss, und das ist ein ganz, ganz wichtiger Faktor, und bei dieser Zeichnung dieses abgerundeten Bildes dieses Bergbaus, da dürfen natürlich diese beiden Facetten, diese beiden Seiten nicht, sag ich mal, in eine Richtung verklärt werden.

Auf der anderen Seite denke ich, dass wir im Moment eine sehr, sehr interessante Diskussion führen über das, was wir so nennen Erbe. Das ist ein bauliches Erbe, das sind bauliche Zeugnisse in der Landschaft, vom Förderturm bis hin zur Fabrikhalle. Das sind Halden, die jetzt neu entwickelt werden, und natürlich auch diese Frage, die ich vorhin schon angedeutet habe, wie wir diese Werte, die für den Bergbau so typisch sind, vielleicht auch nutzen für die Zukunft.

Timm: Und über all das sprechen wir im Radiofeuilleton von Deutschlandradio Kultur mit Delf Slotta. Heute gehen im Saarland 250 Jahre Bergbau zu Ende. Wer hinschaut, der stolpert ja auf Schritt und Tritt über die Geschichte. Es gibt die Brachflächen, die Industriegebäude, Wohnviertel, denkmalgeschützte Anlagen. Was wird damit?

Slotta: Ja. Eine gewaltige Zukunftsaufgabe. Ich denke, dass es wichtig sein wird, zunächst einmal in der breiten Öffentlichkeit Bewusstsein zu schaffen über den Wert dieser Dinge. Wir haben ja eigentlich in den letzten Jahren und Jahrzehnten, in denen, ich nenne es jetzt mal Altindustrieregionen, in Deutschland und auch in Europa, eigentlich erst einen langsamen Prozess zu beobachten, dass man sich dieses Erbes tatsächlich nicht nur annimmt, sondern dass man auch es, wie man so schön sagt, wertschätzt.

Timm: Ja, aber Sie haben beschrieben, dass die Leute davon so geprägt sind über Jahrhunderte, die Anlagen stehen da seit Jahrhunderten rum. Da muss man eigentlich nicht Bewusstsein schaffen, da sollte man eigentlich davon ausgehen, dass es eine tägliche Frage ist, wie geht das weiter.

Slotta: Ja, ich denke, so einfach ist das Ganze dann doch nicht. Weil, es ist so alltäglich gewesen, dass es als wertvoll gar nicht angesehen worden ist. Und dann kommt natürlich noch dazu, anders als bei einer Kirche oder bei einem Rathaus, der Industrie ist eigentlich eigen, dass sie Dinge, wenn sie nicht mehr gebraucht werden, einfach abreißt und dafür dann Neues baut.

Und hier jetzt geht es um ganz komplizierte Prozesse. Einen Förderturm folgezunutzen, zum Beispiel industriell oder gewerblich, das ist eine große Aufgabe, und ich denke, wir müssen hier Spagate machen.

Auf der einen Seite geht es um solche Fragen wie Denkmalpflege, die Dinge sind Denkmäler und müssen einfach erhalten werden. Und bei anderen, da geht es darum, Mittel freizubekommen, um ganz einfach dann in diese alten Bereiche, ob es jetzt Brachen sind oder auch Brachen mit Gebäuden drauf, neue Nutzungen reinzubringen, um tatsächlich diesem Land dann auch auf diesen historischen Orten dann neue ökonomische Möglichkeiten zu eröffnen.

Timm: Nun ist ja eine Menge organisiert. Die 1500 noch dort Beschäftigten werden Ersatzarbeitsplätze bekommen, zumindest eine erkleckliche Zeit. Das Ende ist lange beschlossene Sache. Wie gespalten sind die Menschen im Saarland eigentlich noch über das Ende dieser Tradition des Bergbaus?

Klaus Meiser, Innenminister des Saarlandes steht auf der Treppe der St. Blasiuskirche in Saarwellingen und schaut sich die Schäden an, die durch herabfallende Steine entstanden sind.Ein Beben der Stärke vier hatte 2008 in zahlreichen saarländischen Ortschaften Schäden an Gebäuden verursacht. (AP)Slotta: Also ich denke, die Gesellschaft ist bei uns wirklich noch sehr uneins darüber, ob man jetzt dieses Ereignis, in Anführungszeichen, feiern oder es wirklich verteufeln sollte. Die letzten Jahre des Bergbaus, und da spreche ich nur mal die Themen Bergsenkungen, aber auch dann diese Bergbeben an, hat dazu geführt, dass sich in der Gesellschaft vieles polarisiert hat.

Und ich denke, das wird ein ganz wichtiger Prozess sein, die Menschen wieder zusammen zu bringen. Die Risse gingen durch die Familien. Es sind da Freundschaften kaputt gegangen und auch heute noch ist es so, dass sich also Bergbaubefürworter und Bergbaubetroffene zum Teil sehr kontrovers gegenüberstehen und die Positionen noch überhaupt nicht irgendwie angenähert sind zueinander. Und da sind viele, viele aufgerufen, das zu moderieren und also einen Prozess in Gang zu bringen, um hier die Reihen wieder zu schließen.

Timm: Morgen heißt es dann zum letzten Mal "Schicht im Schacht", wenn die letzten Kumpel aus dem Bergwerk kommen. Delf Slotta, war das, der Direktor des Instituts für Landeskunde in Saarbrücken, über das Ende von 250 Jahren Bergbau im Saarland. Herzlichen Dank für das Gespräch!

Slotta: Dankeschön!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.