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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.08.2007

"Wovor bin ich weggelaufen?"

Einar Schleef: "Tagebuch 1977-1980", Suhrkamp Verlag 2007, 470 Seiten

Das Wiener Burgtheater - Schleefs erste Station im Westen (Stock.XCHNG / Michael Gordon)
Das Wiener Burgtheater - Schleefs erste Station im Westen (Stock.XCHNG / Michael Gordon)

"Es hat nur zwei Genies in Deutschland nach dem Krieg gegeben, im Westen Fassbinder und im Osten Schleef", schreibt Elfriede Jelinek über den Schriftsteller und Regisseur Einar Schleef. 1976 flieht er in den Westen, führt penibel Tagebuch. Man erfährt, was es bedeutet, wenn sich jemand mit seiner ganzen Existenz der Kunst verschreibt.

"Zwischen Buchstaben sickern Gedanken", notiert der 1944 in Sangerhausen geborene Einar Schleef 1980 in seinem Tagebuch, das jetzt als dritter von insgesamt fünf Bänden im Suhrkamp Verlag erschienen ist. Bereits als Achtjähriger hat er im Dezember 1952 begonnen, Tagebuch zu führen. Im ersten Band, der den Zeitraum zwischen 1953 und 1963 dokumentiert, wird als einschneidendes politisches Ereignis der 17. Juni 1953 beschrieben. Für Einar Schleefs Entwicklung aber wird ein Unfall zum Schlüsselerlebnis. 1960 fällt er aus einem fahrenden Zug. Lange Zeit ist ungewiss, ob ihm ein Arm amputiert werden muss. Seit dieser Zeit hat Einar Schleef einen Sprachfehler: er stottert.

Zunächst hat der Verlag Bedenken, Schleefs Tagebücher zu publizieren. Im Juni 2001 erhält der im In- und Ausland bekannte Theaterregisseur einen Negativbescheid. Einen Monat später, am 21. Juli 2001, stirbt Einar Schleef, und 2004 erscheint dann doch der erste Band. Schleef hat mit Inszenierungen wie "Wessis in Weimar", "Verratenes Volk" und "Sportstück" von Elfriede Jelinek Theatergeschichte geschrieben. Im Nachruf der österreichischen Nobelpreisträgerin heißt es:

"Bitte lesen Sie seine Bücher! Das muss sein! Schleef war als Dichter und als Theatermann die herausragendste Erscheinung, die ich kennengelernt habe. Es hat nur zwei Genies in Deutschland nach dem Krieg gegeben, im Westen Fassbinder und im Osten Schleef."

Schleef blieb nicht im Osten. Die DDR war ihm zu eng und bot ihm zu wenige Möglichkeiten, sein Talent zu entfalten. 1976 nutzt er einen Arbeitsaufenthalt am Wiener Burgtheater, um im Westen zu bleiben. Die Jahre nach seinem Weggang mit den Stationen Wien, Frankfurt am Main und Westberlin dokumentiert der vorliegende Band. Es handelt sich um die Jahre zwischen 1977 und 1980. Schleef feiert seinen 33. Geburtstag in Wien:

"Dass dieser Tag an mir problemlos vorbeigehen würde, (…) konnte ich mir in der DDR nicht mehr vorstellen"."

Einfach ist der Neubeginn nicht. Das Burgtheater, mit dem er Kontakt aufnimmt, vertröstet ihn. Schleef, der seine Tagebuchnotizen mit nachträglichen Kommentaren versehen hat, beschreibt die Entsolidarisierung:

""Mein Ende sollte im gegenseitigen Einvernehmen besiegelt werden. Einstimmig wurde einem die Existenz unter den Füßen weggezogen (...) es war direkte Kampfansage."

Dieser Herausforderung stellt er sich und lernt, mit Niederlagen umzugehen:

"Ich bin wie ein Toter. Ich bringe Tod."

Schuldgefühle plagen ihn. 1977 wird seine Freundin bei einem Fluchtversuch verhaftet und zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.

Nach einem Jahr im Westen hält er fest:

"Wovor bin ich weggelaufen? Alles hat mich eingeholt. Ich bin zurückgekehrt. Ich kann ohne die Mauer nicht leben. Ich bin die Mauer. Gegen wen. Gegen mich selbst. Was ist auf der anderen Seite. Dasselbe wie hier: Scheiße. Wohin jetzt."

Schleef spart in seinem Tagebuch nichts aus. Die persönlichen Katastrophen und erotischen Eskapaden werden minutiös notiert und analysiert. Er befragt sich fortwährend. Das Tagebuch ist ein Prozessbuch, in dem Schleef die Rollen des Anklägers und Richters gleichzeitig spielt. Diesen Prozess hat kein Urteil, sondern der Tod beendet.

Neben der radikalen Selbstbefragung reagiert er auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, kommentiert Zeitungsausschnitte, notiert Träume und versucht Erlebnisse literarisch zu verarbeiten. Die Tagebücher Einar Schleefs sind unverzichtbare Zeugnisse. Man erfährt aus ihnen, was es bedeutet, wenn sich jemand mit seiner ganzen Existenz der Kunst verschreibt. Zugleich lesen sie sich wie eine Chronik.

Rezensiert von Michael Opitz

Einar Schleef: Tagebuch 1977-1980
Herausgegeben von
Winfried Menninghaus, Sandra Janßen und Johannes Windrich
Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2007
470 Seiten. 30 Euro