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Thema / Archiv | Beitrag vom 24.06.2011

"Wollen wir normal sein?"

Was Picasso in Palästina zu suchen hat

Fatima Abdulkarim im Gespräch mit Frank Meyer

Ein palästinensischer Sicherheitsbeamter bewacht das Picasso-Bild "Buste de Femme" (1943). (picture alliance / dpa / Atef Safadi)
Ein palästinensischer Sicherheitsbeamter bewacht das Picasso-Bild "Buste de Femme" (1943). (picture alliance / dpa / Atef Safadi)

Die palästinensische Kunstakademie hat "Buste de Femme", ein Gemälde von Pablo Picasso, nach Ramallah geholt. Noch nie ist ein so bedeutendes westliches Kunstwerk in Palästina gezeigt worden. Die Frage lautet: Welche Bedeutung kann Kunst in einem von Gewalt geprägten Umfeld entfalten?

Frank Meyer: Die "Buste de Femme", das Gemälde von Pablo Picasso, ist in Ramallah angekommen. Dass diese Ausstellung dort möglich wurde, dafür war Fatima Abdulkarim ganz wichtig, die Kuratorin der Kunstakademie in Ramallah. Ich habe vor der Sendung mit ihr gesprochen und sie gefragt: Es ist ja noch nie ein so berühmtes und so teures Kunstwerk aus dem Westen in Palästina gezeigt worden. Sie selbst haben da unglaublich viel Kraft reingesteckt in diesen Ausleih- und Transportvorgang zusammen mit ihren Kollegen. Warum das alles? Warum war Ihnen das so wichtig, dieses Kunstwerk nach Ramallah zu holen?

Fatima Abdulkarim: Das ist eine Frage, auf die wir die Antwort selber noch suchen. Diese öffentliche Ausstellung, die ja für drei Wochen in Ramallah geplant ist, die dient vor allem dazu, die Kenntnisse über die Kunst auszuweiten. Das ist eine Frage auch des ästhetischen Wertes, etwas Derartiges hier zu haben in der International Academy of Art Palestine. Das ist ein Institut, das sich vor allem der künstlerischen Bildung und Erziehung widmet, der visuellen Kunst. Und das ist das erste seiner Art in Palästina, in der ganzen Region! Und deswegen, denke ich, ist der bildende Wert ganz vorrangig in dieser Aktion. Und wir haben wirklich hin und her manövriert zwischen der Hilfe, die wir in diesem Projekt bekommen haben und den Hindernissen, die wir zu überwinden hatten. Also, die Frage stellt sich durchaus, warum hier in Palästina? Der Prozess steht im Mittelpunkt: Wie kriegen wir es hierher? Warum machen wir das, welche Hindernisse bedeutet das für uns, welche Schwierigkeiten stellen sich da? Dazu haben wir auch eine Diskussionsreihe, die Picasso Talks, im Programm, da finden Gespräche mit internationaler Beteiligung statt, und da geht es genau um diese Punkte. Und das zielt auch auf diese Fragen ab, und auch auf die Frage vor allem, was bedeutet es, Palästinenser zu sein, unter einer Besatzung zu leben und in einem Leben, wo so etwas wie Kunst – und schon gar nicht internationale! – überhaupt nicht vorkommt. Es ist schwer, darauf sofort zu antworten, auf diese Frage. Denn es beinhaltet auch die Frage: Wollen wir normal sein? Wollen wir es so darstellen, als sei die Kunst in unserem Alltag etwas ganz Normales, oder wollen wir herausstellen, dass es Schwierigkeiten gab dabei? Wollen wir die Hindernisse hervorheben und diese abnorme Situation zeigen und dann daraus lernen?

Meyer: Ihr Kollege von der Kunstakademie in Ramallah, Chaled Hurani, der Direktor der Akademie, der hat gesagt, er wolle mit dieser Aktion auch die israelische Politik entlarven. Wie das?

Abdulkarim: Für uns alle war das von Anfang an eine große Herausforderung. Und jetzt ist es so, dass dieses Projekt unsere Hoffnung auch hebt. Es lässt uns in eine bessere Zukunft blicken, in der solche Dinge vielleicht öfter vorkommen können. Und es testet gleichzeitig auch das Stehvermögen der Palästinenser aus, solche Dinge durchzusetzen. Und es ist auch mit Absicht das Porträt einer Frau gewählt worden, keine Kriegsszene, kein kämpferisches Bild, kein Guernica. Und so wollen wir, sozusagen, die Situation von innen her testen. Und dabei wollen wir gleichzeitig lernen, was die Machtverhältnisse hier bedeuten und wie wir damit umgehen können.

Meyer: Deutschlandradio Kultur, wir sind im Gespräch mit Fatima Abdulkarim, der Kuratorin der internationalen Kunstakademie in Ramallah. Wir reden über den Weg eines Picassogemäldes nach Ramallah, und sie haben gerade von dem Widerstand oder der Gegnerschaft auch gegen dieses Bild, gegen dieses Projekt in Ramallah gesprochen. Wie zeigt sich das denn? Was gibt es da für Widerstände?

Abdulkarim: Das ist eine laufende Diskussion hier. Es geht um die Ziele des Projektes vor allem. Die Frage, wie normal sollen wir leben in diesem unnormalen Kontext, in palästinensischem Territorium. Und es gibt auch Leute, die Gründe haben, zu glauben, dass wir uns nicht auf ein solches Kunstprojekt fokussieren sollten, sondern besser andere, weiter reichende Projekte fördern sollten. Aber unser Ziel ist auch gerade, diese Debatte zu lenken. Darauf das Licht zu werfen und aufzuzeigen, was hier passiert, und daraus zu lernen.

Meyer: Die niederländischen Museumsleute hatten ja verständlicherweise lange Zeit Angst, dass dem Gemälde – ich sage noch mal den Preis: fünf Millionen Euro –, dass dem etwas passieren könnte. Wir wissen ja, das Westjordanland ist kein sicherer Ort. Sind Sie denn sicher, dass dem Gemälde bei Ihnen nichts passieren kann?

Abdulkarim: Ich bin mir absolut sicher, dass dieses Gemälde hier gut aufgehoben ist und dass ihm hier nichts passieren wird. Wir stellen uns dieser Herausforderung zusammen mit allen Kollegen, und ich denke, dass Ramallah im Moment der sicherste Ort für einen Picasso ist, auch im Vergleich zu Paris oder Ägypten. Hier ist es absolut gut aufgehoben, und wir testen damit auch unsere eigene Standfestigkeit, unsere Fähigkeit, so etwas durchzuführen. Und wir heben unsere Ansprüche auch zu einem Niveau, das dem entspricht. Ich bin mir sehr sicher, dass es hier sehr gut aufgehoben ist.

Meyer: Gleichwohl bleibt das ganze ja – auch der Transport dorthin – ein riskantes Unternehmen. Wer versichert eigentlich so was? Wer nimmt dieses Risiko auf sich?

Abdulkarim: Die Akademie hat das ganz reguläre Ausleihverfahren, die Ausleihprozedur durchlaufen, wie das immer stattfindet, wenn Kunstwerke an andere Galerien, an andere Museen ausgeliehen werden. Wir haben eine Transportversicherung abgeschlossen. Wir sehen zu, dass die Rückgabe auf dem normalen Weg funktioniert. Und das alles wird auch in einem Film dokumentiert – ein Film des palästinensischen Regisseurs Rashid Masharawi. Die Versicherung wird auch von der Akademie bezahlt, das ist alles passiert, ganz normal – wir treffen also die Anforderungen einer ganz normalen Ausleihe, und das heißt, dass wir hochgradig verantwortlich sind für dieses Bild.

Meyer: Wie hat sich denn bei dieser ganzen Aktion die palästinensische Autonomiebehörde verhalten? Haben Sie Unterstützung von dieser Seite bekommen?

Abdulkarim: Ohne die nationale Autonomiebehörde hätten wir das so niemals geschafft. Sie haben uns die Sicherheit gegeben, dass unter regulären Bedingungen, soweit es eben möglich ist, durchzuführen. Der Premier Fajad hat persönlich garantiert, dass die Sicherheit bei der Reise gewährleistet sein wird und auch bei der Rückgabe. Das Bild hat die Checkpoints passiert und es ist jetzt sicher in der Akademie in Ramallah angekommen. Diese ganze Prozedur wurde einfach durch sie auch ermöglicht. Sie haben die Sicherheit gegeben, es sicher herzubringen, und es wird auch sicher wieder zurückkehren.

Meyer: Eine kühne Idee: Picasso nach Palästina holen. Heute Abend wird in der International Academy of Art Palestine die Ausstellung Picasso in Palästina eröffnet, mit dem Gemälde "Buste de Femme" von Pablo Picasso. Fatima Abdulkarim ist die Kuratorin der Kunstakademie in Ramallah, ganz herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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