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Profil / Archiv | Beitrag vom 05.12.2011

WiseWoman jagt die Plagiatoren

Die Professorin Debora Weber-Wulff ist eine der wenigen Plagiatsjägerinnen, die offen zu ihrer Tätigkeit stehen

Von Johannes Nichelmann

Debora Weber-Wulff - Plagiatsjägerin aus Überzeugung (FH-Berlin)
Debora Weber-Wulff - Plagiatsjägerin aus Überzeugung (FH-Berlin)

Herr zu Guttenberg, Frau Koch-Mehrin aber auch jeder andere Enttarnte, wird Debora Weber-Wulffs Arbeit nicht besonders mögen. Ihre größte Leidenschaft ist es, wissenschaftliche Arbeiten zu finden, bei denen plagiiert worden ist. Auf der Plagiatsplattform VroniPlag nennt sie sich "WiseWoman".

"Ich war ja diese Streberin. Also völlig unmöglich, ich hatte ja wenige Freunde, weil ich ja eben so auf der Art und Weise Streberin war. Und ich bin ja auch stolz drauf, was ich kann. Das ist das, was mich auch interessiert."

Debora Weber-Wulff, 54 Jahre alt, gibt ihren Studierenden eine Strafarbeit und eine neue Chance, wenn sie Teile ihrer Hausarbeiten irgendwo abgeschrieben haben. Schließlich sollen sie bei ihren Abschlussarbeiten alles richtig machen und keine Betrüger sein. Betrüger an der Wissenschaft und an sich selbst. Die rundliche Frau kommt gerade von einer Tagung, sie ist Professorin für internationale Medieninformatik und Dekan an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin.

"Na, vor zehn Jahren hatte ich viele Studierenden, die viel plagiiert haben, und habe angefangen, mich damit zu beschäftigen und das ist schon ein zehn Jahre lang dauerndes Hobby."

Eine Arbeit, die zu perfekt ist oder einfach formal falsch zitierte Sätze enthält, lassen die Professorin stutzig werden. Ihrem Hobby geht sie jeden Tag nach – im Internet. Mein Mann schläft meist, wenn ich anfange auf Plagiatsjagd zu gehen, erzählt sie. Bis tief in die Nacht sitzt sie vor dem Computer. Über die Plattform "VroniPlag" analysiert und diskutiert sie unter dem Pseudonym "WiseWoman" mit vielen anderen Usern diverse wissenschaftliche Arbeiten.

"Manche liefern uns wunderbare Hinweise. Also bei zu Guttenberg war es ja ganz einfach. Da musste man ja nur googlen und man hat die Quellen gefunden. Chatzimarkakis hat uns immer die Quellen geliefert. Er hat zwar die Fußnoten gesetzt aber er hat vergessen, die Gänsefüßchen noch anzugeben und das ist einfach… Es ist ganz einfach, wie man richtig zitiert. Anfang, Ende und Beleg."

Debora Weber-Wulff ist eine der wenigen Plagiatsjägerinnen, die Interviews gibt. Andere bangen um ihren Ruf oder sogar ihre Arbeitsstelle, sollte ihr Engagement öffentlich werden. Den eigenen Chef oder die Kollegen zu enttarnen – das ist gefährlich. Es gibt Politiker, die die Gruppe um "VroniPlag" als "anonyme Denunzianten" bezeichnen.

"Deswegen bin ich ja auch mit Namen rausgegangen, weil mir kann ja nichts passieren. Ich bin ja Professorin, bin auf Lebenszeit. Aber es ist schon schwierig gewesen den Leuten zu vermitteln, dass es nicht um die Denunzianz der Person geht, sondern es geht um die Arbeit. Und die Presse hat uns dann natürlich die Personen, die dort angegriffen worden sind, die im Rampenlicht standen… Natürlich haben die daraus dann eine andere Story gedreht."

Nur einem falschen Doktor ist sie ein bisschen dankbar: Karl Theodor zu Guttenberg:

"Es ist wunderbar. Mein Ziel ist eigentlich gewesen, das jeder Dozent, jede Dozentin über Plagiat spricht. Jetzt spricht jeder Stammtisch darüber, und ich finde das richtig klasse, dass es in das Bewusstsein der Leute mehr gerückt worden ist. Dass wir darüber nachdenken müssen, diskutieren müssen, was ist gute wissenschaftliche Praxis?"

Trotz der öffentlichen Diskussion zum Thema – an vielen Universitäten sei nicht viel passiert. Mit einer gewissen Wut in der Stimme erzählt Weber-Wulff, dass es Hochschulen gibt, bei denen enttarnte Doktorarbeiten noch immer nicht zu Diskussion stünden. Da gäbe es einfach kein Interesse.

Debora Weber-Wulff ist gebürtige US-Amerikanerin. Von wo genau sie kommt, will die Wahl-Berlinerin nicht verraten. Über ihre Heimat hat sie wenig Gutes zu erzählen. Die Politik, der Egoismus der Leute und die Verschwendung nerven sie – höchstens eine Woche hält sie es dort aus. Nach der Schule kommt sie nach Deutschland – ein Land, das sie fasziniert.

"Ich komme einfach aus den USA, mein Vater ist Ingenieur, wir sind einfach immer durch die Gegend gezogen. Was weiß ich. Aber ich habe eben dieses Interesse an Deutschland gehabt, bin hier her gekommen, netten jungen Mann kennen gelernt und deswegen bin ich, für immer, zurück gekommen."

Sie sieht auf die Uhr, will aufbrechen. Sie hat eine Verabredung.

"Hi, ich versuche gerade Deine neue Telefonnummer herauszubekommen."

Ilse Schmiedecke ist ebenfalls Professorin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Beide sitzen an einem Tisch in der Ecke des Restaurants.

"Und was habt Ihr alles, schickes gemacht? - Oh, wir haben Entwicklungspolitik diskutiert. - Oh, schön!"

Debora Weber-Wulff schiebt auf dem Tisch die Kerze, den Aschenbecher und die Speisekarte zur Seite - stellt ihren Laptop auf den Tisch. Sie will ihrer Kollegin vom neuesten Fang erzählen. Auf dem Bildschirm erscheint der Artikel eines Medizinjournals.

"Es ist ein vierseitiger Artikel, etwa dreieinhalb Seiten plus halbe Seite Referenzen. Und lustigerweise gibt es zwei Autoren, die für diesen Artikel sind. Wenn wir in der deutschen Nationalbibliothek nachgucken, die verzeichnen alle Doktorarbeiten, und wir schauen hier. Da ist der gleiche Titel aus diesem Journal mit diesen vier Seiten – sind eingereicht gewesen, als Doktorarbeit an der Universität Münster im Jahr 2006, also zwei Jahre später, und das ist da als Doktorarbeit akzeptiert worden."

Außerdem gibt es jetzt nur noch einen Autoren für diese Arbeit. Ilse Schmiedecke, die Kollegin, guckt fassungslos. Debora Weber-Wulff strahlt über das ganze Gesicht. Ein guter Fund. In der Medizin, gäbe es noch eine Menge Doktorarbeiten zu durchforsten, meint sie, da fangen wir gerade erst an. Die Professorin wird nicht müde, für die Sache der Wissenschaft einzustehen. Und sie selbst? Hat sie nie irgendwann mal, irgendwo abgeschrieben?

"Ich will die Sachen selber lernen. Es würde mir nicht in den Sinn kommen. Deswegen bin ich auch so entsetzt darüber, dass es Leute gibt, die meinen, es ist völlig normal von jemand anders eine Arbeit zu nehmen und einzureichen."


Links auf dradio.de:

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