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Thema / Archiv | Beitrag vom 06.03.2012

"Wir sollten unsere Männlichkeit ernst nehmen"

Schriftsteller Ralf Bönt über heutige Rollenverständnisse

Moderation: Joachim Scholl

Hat ein Manifest für den Mann verfasst: der Berliner Autor Ralf Bönt (picture alliance / dpa / Frank May)
Hat ein Manifest für den Mann verfasst: der Berliner Autor Ralf Bönt (picture alliance / dpa / Frank May)

In seinem Buch "Das entehrte Geschlecht" fordert der Berliner Autor Ralf Bönt die Männer dazu auf, sich aus der selbstverschuldeten körperlichen und sprachlichen Unmündigkeit zu befreien. Bönts Ratschlag: Männer sollten sich mehr um sich selbst kümmern.

Joachim Scholl: Der Berliner Ralf Bönt ist Jahrgang 1963, promovierter Physiker, seit 1994 ist er Schriftsteller, hat sich mit Romanen, Erzählungen und Hörspielen einen Namen gemacht, zuletzt erschien 2009 der preisgekrönte Roman "Die Entdeckung des Lichts" über den englischen Physiker Michael Faraday. Bei seinem jüngsten Buch spielen die Naturwissenschaften allerdings weniger eine Rolle, hier ist vermutlich wichtiger, dass Ralf Bönt zweifacher Vater ist, denn auch darum geht es in dem Essay "Das entehrte Geschlecht". Ralf Bönt ist bei uns im Studio, guten Tag!

Ralf Bönt: Hallo!

Scholl: Im Untertitel, Herr Bönt, nennen Sie Ihr Buch "ein notwendiges Manifest für den Mann". Was ist denn für Sie so notwendig daran?

Bönt: Notwendig ist, dass die Männer sich mal als Männer begreifen und nicht nur passiv dem Feminismus gegenüberstehen und glauben, dass der ihnen vielleicht am Zeug flicken will, und sich ein bisschen gönnerhaft runterbeugen zu ihm, andererseits ein bisschen wegducken – das ist so eine doppelte Haltung, die man, glaube ich, vorfindet. Ich denke, wir müssen jetzt mal langsam anfangen, unsere eigene Rolle ein bisschen neu aufzuziehen und uns fragen, welche Freiheiten wir denn in einer antisexistischen Gesellschaft zusätzlich zu denen, die wir haben, uns noch erstreiten wollen.

Scholl: Was heißt für Sie denn Sexismus?

Bönt: Na, Sexismus ist der Rassismus der Geschlechter – das wird ja manchmal ein bisschen falsch verstanden –, also wenn man jemanden benachteiligt aufgrund seines Geschlechtes, dann ist das Sexismus.

Scholl: Beim Titel Ihres Buches "Das entehrte Geschlecht", da denkt man instinktiv, ach Gott, schon wieder so ein Buch, eines vom Feminismus frustrierten und verstoßenen Mannes, der doch wieder so ein ganzer Kerl sein möchte. Jeder Mann, der das glaubt und begierig liest, wird bös enttäuscht, denn Sie, Herr Bönt, bekennen sich rundum zu den sozialen wie politischen Errungenschaften, die Feministinnen weltweit erstritten haben. Woran aber, bitte schön, denken Sie, wenn Sie von Entehrung sprechen, welche Ehre ist denn Ihrer Meinung nach verloren gegangen?

Bönt: Na, ich glaube, dass die ganze Moderne zum Beispiel wesentlich von Männern gemacht wurde. Die ganze Wissenschaft, die uns in 200 Jahren die Lebenserwartung verdreifacht hat, ist ja von Männern gemacht worden. Sie haben auch mein letztes Buch über Michael Faraday erwähnt – das ist zum Beispiel jemand, der eigentlich überhaupt keine Chancen hatte, in die Forschung reinzukommen, genauso wenig wie eine Frau aus der Mittel- oder Oberschicht, und der natürlich nicht geklagt hat, sondern einfach gesehen hat, dass er dort reinkommt und etwas tun kann, was anderen Menschen das Leben verbessert. Und er hat das geschafft, obwohl er aus der Armut kam. Die ganze Moderne, alles, was wir uns erstritten haben, was wichtig ist, ist von den Männern gemacht, und heute wird so getan, als ob wir verantwortlich wären für jeden Krieg und für jeden Unfall und alles Schlechte in der Welt. Und wir sind ein bisschen selber dran schuld, glaube ich, weil wir dem Feminismus nicht geantwortet haben, wir haben ihn nicht wirklich ernst genommen, glaube ich, bis heute.

Scholl: Was hieße denn für Sie ernst nehmen und dann auch ernst machen?

Bönt: Zum Beispiel könnte man Alice Schwarzer einige Texte vorhalten, die sie geschrieben hat – zum Fall David Reimer oder zum Fall John Bobbitt …

Scholl: Das war derjenige, der sein Gemächt abgeschnitten bekam von seiner Frau Lorena.

Bönt: Ja, und das hat Frau Schwarzer bejubelt in einer Art und Weise, die einem wirklich den Magen umdreht. Das war 1994, also kurz bevor ich mein erstes Kind gezeugt habe. Ich bin jetzt erst auf den Text gestoßen. Männer kennen den nicht, Frauen kennen den immer – ich hab natürlich rumgeguckt, als ich das Buch geschrieben habe. Und ernst nehmen heißt, ihr den vorhalten und fragen, was sie wirklich da sagen wollte, ob sie es ernst meint.

Scholl: Bleiben wir mal bei der Anatomie, wenn Sie sie schon ansprechen: Es geht ganz konkret auch um die männlichen Genitalien in Ihrem Buch, sie werden sogar abgebildet. Das hat mich allerdings – Halten zu Gnaden, Herr Bönt – stark an die späten 70er-, frühen 80er-Jahre erinnert, als in der Männergruppe das Verhältnis zum eigenen Penis thematisiert wurde und man sich gemeinsam den Schniedel besah. Ich meine, Sie, Jahrgang 1963, sind eigentlich genau der Jahrgang dafür.

Bönt: Ja, da habe ich natürlich überhaupt nicht mitgemacht, und was ich sehr schön finde, ist die Definition von dem Psychoanalytiker Hans Jellouschek, der sagt, dass der Softie, auf den Sie hier anspielen, eigentlich nur die Rückseite des Macho ist, und beide sind Muttersöhnchen. Beide leben im Ressentiment gegen ihre eigene Männlichkeit, meistens geschieht es dann, wenn man keinen Vater zur Verfügung hatte, der auch gezeigt hat, wie man als Mann körperliche Zuwendung spendet, und beide bringen uns überhaupt nicht weiter. Ich plädiere ja nun für was ganz anderes, nämlich dass wir unsere Männlichkeit ernst nehmen, in jeder Hinsicht, und dass wir sie verteidigen und auch die schönen Seiten richtig auskosten.

Scholl: Sie schreiben an einer Stelle, die Männer hätten sich von ihrem Geschlechtsorgan schon verabschiedet, bevor die Feministinnen kamen – wie meinen Sie das denn?

Bönt: Na ja, ich weiß nicht genau, ehrlich gesagt, wann das Bilderverbot entstanden ist, da muss man mal einen Kunsthistoriker vielleicht konsultieren, aber wir haben ja heute ein Abbildungsverbot fürs männliche Genital, man darf das nicht fotografieren, während Frauen ständig ihren Körper zeigen dürfen und der als begehrt angesehen wird, in der Werbung auch so eingesetzt wird. Und der Künstler und Fotograf Will McBride hat mal gesagt, damit geht es eigentlich schon los, dass man seine Verletzlichkeit nicht zeigen darf. Schon der kleine Junge lernt, dass sein Genital etwas Schlechtes ist, und damit schließt man den aus seiner Persönlichkeit eigentlich gerne aus.

Scholl: Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit dem Schriftsteller Ralf Bönt. Er hat ein Manifest für den Mann verfasst. Was mir an Ihrem Buch weniger gefällt, Herr Bönt, ich sag’s Ihnen ganz offen, ist, dass der Aspekt der Macht von Männern über Frauen und das heißt auch der körperlichen Gewalt kaum angesprochen wird. Und wir waren jetzt schon beim männlichen Genital, und egal, wie verkorkst unser Verhältnis dazu ist, Tatsache ist auch, dass es auch immer noch als Waffe benutzt wird. Im Krieg wird es als Vergewaltigungsinstrument eingesetzt, es kommt zu Vergewaltigungen immer noch hunderttausendfach weltweit, und vor diesem Hintergrund fällt es mir einfach schwer, von mir als einem Opfer zu sprechen.

Bönt: Im Vietnamkrieg sind, ich glaube, 58.173 Amerikaner getötet worden, davon acht Frauen – nicht 8000 oder 800 oder 80, sondern acht Frauen. Deswegen verstehe ich diese Abwehr über das Reden des Mannes als Opfer eigentlich gar nicht. Ich finde, das ist eine wahnsinnige Schieflage. Ich hab ja diese Gespräche auch probeweise jetzt zwei Jahre immer wieder geführt, und ich sehe, dass ich an der Stelle kaum weiterkomme. Mir ist das nicht verständlich. Ich finde …

Scholl: Aber Männer werden eben in der Regel nicht zu Opfern sexueller Gewalt, und das ist ja damit gemeint.

Bönt: Na ja, in Abu-Ghuraib schon, aber das will ich jetzt hier nicht anführen. Sie haben vollkommen recht, dass Sie sagen, dass ich dort polarisiere, und in meinem Buch stehen Dinge, über die nicht gesprochen wird – über die anderen Dinge wird ja gesprochen. Und ich verneine natürlich überhaupt nicht, dass es sexuelle Gewalt gegen Frauen gibt – darüber habe ich übrigens auch schon mal geschrieben.

Scholl: "Du sollst dein Leben ändern" heißt es in einem berühmtem Rilke-Gedicht – Sie werden es bestimmt kennen, Herr Bönt. Wie sollen denn Ihrer Meinung nach wir Männer unser Leben ändern, in diesem neuen feministischen Geist, den Sie beschwören, wo denn anfangen?

Bönt: Oh, ich beschwöre den feministischen Geist gar nicht, ich glaube nicht, dass man als Mann Feminist sein kann – es ist ein großer Fehler, wenn man glaubt, das tun zu können. Und ein Ratgeber bin ich übrigens auch nicht, ich mache überhaupt keine Vorschläge, wie man jetzt zu leben hat, wobei ich schon denke, dass man zur Krebsvorsorge gehen sollte, den wir sterben viele Jahre vor den Frauen, und diese Lücke hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg stetig vergrößert. Es gibt jetzt erst jüngst das Wort Männergesundheit, es gibt Männergesundheitszentren, und es gibt leichte Hinweise darauf, dass sich die Lücke von sechs bis sieben Jahren in Deutschland, nach Ost und West getrennt, ein bisschen verringert hat. Aber wir sind selber Schuld, dass wir kürzer leben – auch da, auch wenn es Ihnen nicht gefällt, der Mann als Opfer seiner eigenen Rolle.

Scholl: Weil Sie es gerade so vehement ablehnen, ein Feminist zu sein, Sie werden sehr persönlich in dem Buch, wenn es um ihre Kinder geht. Sie sagen, der Feminismus habe Ihnen das schönste Geschenk gemacht: Ein intaktes emotionales Verhältnis zu meinen Kindern. Dann müsste jede Frau eigentlich seufzen, wenn sie das liest, und sagt: So einen will ich auch! Haben Sie schon Reaktionen von Frauen bekommen auf Ihre Schrift?

Bönt: Ja, sehr, ich hatte ja vorher schon einen Artikel geschrieben in der "Süddeutschen Zeitung", und da waren aus dem Journalismus die Reaktionen fast nur von Frauen, deswegen war ich ein bisschen skeptisch. Ich bin sehr froh, dass jetzt auch viele männliche Journalisten sich für das Buch interessieren. Ich hab auch Reaktionen auf das Verhältnis zu meinen Kindern sehr früh bekommen, also das haben schon Frauen immer gesehen, dass ich sehr gut mit meinem Sohn umgehen konnte, aber ich habe ja auch lange gebraucht – das beschreibe ich in dem Buch. Ich musste zweieinhalb Jahre erst mal Frust schlucken, bis ich mich formulieren konnte und sagen konnte, ich will Zeit mit ihm alleine erleben. Und ich beobachte in vielen Beziehungen um mich herum, dass Frauen das gar nicht so gerne haben, denn es ist eine Liebesbeziehung, in der auch Konkurrenz herrscht.

Scholl: Übermorgen ist der internationale Frauentag, da wird es wieder sehr viel darum gehen um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, um die Gleichberechtigung, um die Quote. Sie schreiben an einer Stelle, ja, auch ziemlich provokativ: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist für den Mann aber nicht schwierig wie für die Frau, sie ist unmöglich.

Bönt: Es wird gar nicht drüber geredet. Ich bin ja übrigens einer Meinung mit Kristina Schröder, die den Satz – zu meinem Entsetzen, als ich ihn schon im Buch stehen hatte, aber das Buch noch nicht fertig war – in der "Süddeutschen Zeitung" auch in einem Interview sagte: Wir müssen natürlich, wenn wir die Situation in den Familien verbessern wollen, erst mal den Männern Zugang zum Familienleben gewähren, der ist ja gar nicht da. In der Familie ist die Frau am Zuge, nach wie vor, und der Mann ist im Nachteil.

Scholl: Das heißt, Sie wären auch mal für einen internationalen Männertag?

Bönt: Es gibt diesen Männertag, ich hatte auch Anfragen sogar, im Herbst, und es wurde aber in den Redaktionssitzungen dann gerne dann doch wieder gekippt, und der Welt-Männertag wurde dann plötzlich in kleinen Bemerkungen hier und da als Weltmänner-Tag verstanden, was natürlich komisch ist.

Scholl: "Das entehrte Geschlecht. Ein notwendiges Manifest für den Mann", so heißt das Buch von Ralf Bönt. Es ist im Pantheon-Verlag erschienen mit 158 Seiten zum Preis von 12,99 Euro. Danke für Ihren Besuch, Herr Bönt, und Ihnen alles Gute!

Bönt: Ich danke!


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