Seit 09:05 Uhr Im Gespräch
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 09:05 Uhr Im Gespräch
 
 

Thema / Archiv | Beitrag vom 11.06.2008

"Wir sind das Land der Ingenieure"

Wirtschaftsexpertin Claudia Kemfert hält schnellen Umstieg auf alternative Energien für möglich

Moderation: Jürgen König

Öl wird immer teuer: Ein Tankwagenfahrer beliefert einen Privathaushalt in Bremen. (AP)
Öl wird immer teuer: Ein Tankwagenfahrer beliefert einen Privathaushalt in Bremen. (AP)

Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, hat vor weiteren drastischen Ölpreissteigerungen gewarnt. Solche Teuerungen würden die Volkswirtschaft an fast jeder Ecke treffen, sagte sie. Eine radikale Abkehr von fossiler Energie sei nötig.

Jürgen König: Das Wort Peak meint den Höhepunkt, den Scheitelpunkt einer Entwicklung. Die Theorie des Peak Oil meint jenen Zeitpunkt, an dem die Ölförderung nicht mehr erhöht werden kann, die Nachfrage aber weiterhin steigt. Die Peak-Oil-Theorie ist nicht neu. Neu ist, dass ihre Vertreter immer ernster genommen werden, die sagen, wenn dieser Zeitpunkt des Peak Oil erreicht sein wird, dann wird es vorbei sein mit dem billigen Öl, es wird teurer und knapper. Es werden ziemlich brutale Verteilungskämpfe einsetzen, ganze Industriezweige werden verschwinden. Zuletzt bricht die internationale Ordnung zusammen.

Romane, die so etwas beschreiben, die gibt es längst. Die Frage ist, wann dieser Peak-Oil-Punkt erreicht werden wird. Beim Blick auf die Preisschilder der Tankstellen wird manchem jetzt schon Angst und Bange. Der Liter Benzin heute 1,55 Euro, das Fass Öl 132 Dollar. Fragen wir Claudia Kemfert, sie leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Frau Kemfert, guten Tag!

Claudia Kemfert: Ich grüße Sie! Guten Tag!

König: Der Moment des Peak Oil, der werde zwischen 2015 und 2030 eintreten. Nun wird als häufigster Moment schon 2010 genannt, übernächstes Jahr. Was sagen Sie dazu?

Kemfert: Ja, das teilen wir nicht, dass es schon in drei Jahren sein wird, eben weil man sehr genau weiß, was in der Welt und auf welchem Boden man noch Öl finden kann. Die Geologen sind sich da sehr sicher, welche Felder noch erschließbar sind. Es ist immer eine Frage der Kosten, gerade wenn Sie tief in den Meeresboden hineinmüssen oder in Permafrostboden. Das ist alles sehr, sehr teuer, oder auch Ölsande, Ölschiefer. Das findet man in Kanada, wo Sie sehr viel Wasser und Energie aufwenden müssen, um aus solchen Schlammsanden Öl herauszubekommen. Das bedeutet, dass mit dem hohen Preis natürlich all dieses Öl auch erschlossen werden kann. Die Frage ist nur, ob die Investitionen getätigt werden, wann und wo und wie. Und da stellen sich im Moment ja einige Fragezeichen auf, wann dies getätigt werden kann, sodass, wenn alles optimal laufen würde, der Peak Oil eher im Jahre im 2020 oder 2025 zu erwarten wäre, aber nicht schon in drei Jahren.

König: Aber dass er kommt, stellt niemand mehr infrage?

Kemfert: Das stellen noch viele infrage, insbesondere viele Mineralölkonzerne, die uns weismachen wollen, dass Öl unbegrenzt immer zur Verfügung steht. Die Argumentation muss man verstehen, denn die Mineralölkonzerne gehen davon aus, dass diese selbstverständlich alle Ölfelder leer pumpen, aber dass sie auch beginnen werden, Kohle zu verflüssigen und Kohle zu vergasen, um Treibstoffe herzustellen. Und das ist natürlich etwas, was aus Klimaschutzgesichtspunkten im höchsten Maße problematisch ist, weil dabei sehr viel Energie eingesetzt wird und sehr viel Treibhausgase freigesetzt werden. Das schürt den Klimawandel. Und da kann man nur vor warnen.

Und das muss man immer wieder sagen, dass diese Prognosen, die die Mineralölkonzerne hier vorlegen, einmal sehr optimistisch sind, was die Exploration angeht von konventionellem Öl, aber auch dann davon ausgehen, dass wir andere fossile Energien einsetzen, um Brennstoffe herzustellen.

König: Die Ölproduktion stagniert seit 2005, und sie stagniert nicht, weil es nicht, weil es nicht mehr Öl gibt, sondern weil es immer teurer wird, das vorhandene Öl zu fördern. Sehe ich das so richtig?

Kemfert: Na, es könnte schon ausgeweitet werden. Derzeit fördert man ja 87 Millionen Barrel pro Tag. Die Nachfrage ist ungefähr auch auf dieser Höhe. Und die Frage ist, warum man jetzt nicht weiter ausweitet. Man will ja bis 2020 auf 100 Millionen Barrel pro Tag, das ist eine sogenannte Peak, das Ölfördermaximum, was ich denke, was auch realistisch ist, wenn man sich anschaut, welche Öllagerstätten es noch gibt. Die Frage ist nur, wir müssen sehr viel Geld investieren, um das Öl zu gewinnen, auch teilweise in sehr schwierigen Regionen, auch politisch instabilen Regionen, teilweise auch in Länder, die kein ausländisches Kapital unbedingt mehr wollen, die das alles selbst kontrollieren wollen. Und selbst die Internationale Energieagentur hat ja kürzlich gesagt, dass sie wahrscheinlich sehr optimistisch war, als sie gesagt hat, dass eben 116 Millionen Barrel pro Tag bis 2030 ohne Weiteres möglich sind. Das ist wahrscheinlich nicht zu halten.

Und all diejenigen, die sich mit Ölmarkt auskennen und das tun auch viele Analysten, sehen dies natürlich als absoluten Warnschuss an. Und selbst die Internationale Energieagentur, das ist eine sehr konventionelle Einrichtung, hat immer gesagt, es wird genügend Öl geben, die dann plötzlich mit solchen Nachrichten kommt. Das ist schon eine kleine Revolution. Und insofern verstehe ich auch, warum der Ölmarkt jetzt panisch reagiert. Wünschenswert wäre natürlich schon, wir würden jetzt das Angebot möglichst schnell ausweiten. Das kann man auch, rein physikalisch ist das möglich. Rein ökonomisch auch, weil der Preis im Moment sehr hoch ist. Aber es gibt halt viele Länder, die sträuben sich gegenüber ausländischem Kapital. Und das ist im Moment ein Problem.

König: Die Analysten, die Sie erwähnen, sagen auch, der Ölpreis könnte auf 200 Dollar je Fass steigen. Wie sehen Sie das?

Kemfert: Nichts ist unmöglich. Ich habe auch mal diese Zahl genannt, weil ich auch das deutlich machen wollte, wie drastisch sich der Preis entwickeln kann. Damit aber dies nicht eintritt, müssen wir möglichst schnell auf alternative Energien umsteigen und sehr viel mehr tun zum Energiesparen und wegkommen müssen von fossiler Energie insgesamt, auch aus Klimaschutzgründen. Und insofern würde ich mir wünschen, wir würden diesen Preis nie sehen, sondern jetzt verstehen, dass wir fünf nach zwölf haben und jetzt in alternative Kraftstoffe hineinmüssen und uns auch gegen die Mineralölwirtschaft, die sehr stark ist in der Welt, durchsetzen müssen, die natürlich Öl verkaufen wollen, aber hier die Alternativen stärker voranbringen, die Wirtschaft wird das vermutlich allein nicht tun, weil es sich ja im Moment so lohnt, Öl zu fördern, weil es auch sehr teuer ist und damit sehr hohe Gewinne einbringt. Aber wir müssen letztendlich weg vom Öl und müssen alternative Kraftstoffe an den Markt bringen.

König: Welche Folgen werden die hohen und weitersteigenden Ölpreise in Deutschland haben? Bedenkt man, dass ja auch die Gaspreise, die an den Ölpreis gekoppelt sind, weiter steigen werden. Können Sie das mal anhand einiger Beispiele aufschlüsseln?

Kemfert: Ja, mit dem hohen Ölpreis steigt natürlich der Gaspreis, steigen dann aber die Strompreise und damit alle Energiekosten, auch die Benzinpreise und Heizölpreise. Das heißt, letztendlich trifft es die Volkswirtschaft an fast jeder Ecke, dass Öl oder Energie insgesamt ist das Blut der Volkswirtschaft. Wenn es sehr, sehr teuer wird, trifft es alle Sektoren. Es trifft natürlich in erster Linie die energieintensiven Branchen, die Metallverarbeitung ist hier zu nennen, Chemie, Papier, die teilweise Energiekosten haben, die 40 Prozent ihrer Kosten insgesamt ausmachen. Und die haben natürlich dann Probleme, obwohl man im Moment sagen muss, der schwache Dollar puffert natürlich einiges ab.

Uns trifft dieser hohe Ölpreis, gemessen in Euro, dann nicht so stark, weil der Dollar sehr schwach ist. Aber nichtsdestotrotz, diese hohen Energiepreise sind Gift für die Volkswirtschaft. Sollten sie lange so hoch bleiben, wird das erhebliche volkswirtschaftliche Belastungen nach sich ziehen. Und letztendlich sind auch dann alle Privathaushalte betroffen, weil die Produkte teurer werden, wenn Energiekosten steigen. Der Transport wird teurer, Logistikunternehmen, auch die Bahn. Alle werden erhöhte Energiekosten hinnehmen müssen und die Privathaushalte, sodass insgesamt die Volkswirtschaft dann sehr stark belastet sein wird.

König: Stellen wir uns noch einmal eine Welt ohne Öl vor. Aus Öl wird ja nicht nur Benzin gemacht, Öl steckt in bald allem, was unsere moderne Welt ausmacht. Gibt es in Ihrem Institut Forscher, die solche Szenarien, wie sie Romanschriftsteller zum Beispiel sich ausdenken, entwerfen und sich wirklich überlegen, was man tun kann, um in einer Welt ohne Öl die Konflikte möglichst gering zu halten?

Kemfert: Nein, solche Szenarien der Zukunftsvisionen erstellen wir nicht. Aber man kann natürlich seiner Kreativität hier freien Lauf lassen und sehen, dass wir natürlich wegkommen müssen vom Öl. Und wir sind, genau wie ich auch mein Team, sehr technikgläubig. Wir denken, dass durchaus es möglich sein wird, alternative Kraftstoffe innerhalb der nächsten zehn Jahre flächendeckend an den Markt zu bringen, gerade weil die Preise der Fossilenergie immer weiter steigen.

König: An welche denken Sie da?

Kemfert: Zum Beispiel Biokraftstoffe, zum Beispiel Wasserstoffe oder das Solarauto, Elektroauto. All dies ist möglich. Wir haben Menschen auf den Mond gebracht. Es wird dann ja wohl möglich sein, die individuelle Mobilität auch ohne Öl aufrechtzuerhalten. Das kann ich einfach nicht glauben, dass das so nicht stattfinden kann. Man muss ja auch sehen, dass da bestimmte Interessen von Automobilkonzernen oder großen Mineralölkonzernen dahinterstehen, dass bisher so wenig passiert ist. Und gut, bei den Biokraftstoffen muss man sagen, dass die natürlich andere Gefahren bergen. Die müssen produziert werden, nachhaltig produziert werden, aber auch nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Und wenn man das sicherstellen kann, ist es ganz sicher, dass auch da ein kleiner Teil weltweit abgedeckt werden kann. Aber es wird mit Sicherheit andere, neue Technologien geben, die uns die Mobilität ermöglichen.

Aber da ist auch die Politik gefragt. Wir müssen mehr Geld in die Erforschung neuer Techniken stecken. Die Wirtschaft allein wird dies nicht tun wollen. Und deswegen muss die Politik einmal selbst handeln. Aber zum anderen auch sich mit der Wirtschaft zusammensetzen und Szenarien erarbeiten.

König: Woher nehmen Sie Ihren Optimismus?

Kemfert: Den nehme ich, dass ich sehe, was in der Vergangenheit passiert ist. Wenn man daran denkt, dass man vor 100 Jahren oder selbst vor 50 Jahren niemals da dran gedacht hätte, dass man so leben kann, wie wir heute leben, mit all den Kommunikationsmedien, die wir haben und mit den technischen Neuerungen, die uns heute umgeben und auch die Tatsache, dass wir mittlerweile im All auch zu Hause sind, wird uns doch wohl auch die Möglichkeit verschaffen, mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen, die wir wissen, über Klimawandel, über die Knappheit fossiler Energie die Alternativen zu erarbeiten. Gerade Deutschland hat hervorragende Wissenschaftler. Wir sind ein Land mit Know-how, wir sind das Land der Ingenieure. Und diese wissen die Antworten, da bin ich ziemlich sicher. Es geht nur darum, dass wir sie wirtschaftlich in den Markt bringen müssen.

König: Mögen Sie recht behalten. Das Öl wird knapper und teurer, wie das unsere Gesellschaft verändert. Ein Gespräch mit Claudia Kemfert, Abteilungsleiterin Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Frau Kemfert, vielen Dank!

Thema

Karl der GroßeKunstsinniger Barbar
Eine Figur Karls des Großen steht am 16.06.2014 in Aachen (Nordrhein-Westfalen) im Centre Charlemagne. Die Ausstellung "Karl der Große, Macht, Kunst, Schätze" ist vom 20.06.2014 bis zum 21.09.2014 in Aachen zu sehen.  (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Er war einer der Gründungsväter Europas: Karl der Große hat die karolingische Renaissance eingeleitet. Eigentlich sei es ihm aber nur um die Legitimierung seiner Macht gegangen, meint Kunsthistoriker Michael Imhof. Mehr

DDR-GeschichteSieg über den Ort des Grauens
Der ehemalige politische Gefangene Gilbert Furian in einer Gefängniszelle der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus vom Verein Menschenrechtszentrum in Cottbus (Brandenburg). (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Weil er in der DDR Interviews mit Punks publizierte, kam Gilbert Furian in den Cottbuser Knast. In der heutigen Gedenkstätte wird er nun in der Oper "Fidelio" mitsingen - um einen "großen Rucksack Bitterkeit" erleichtert.Mehr

Agenturfotos"Das ist sicher ein Aufbruch"
Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin des US-amerikanischen Internetkonzerns Facebook  (picture alliance / dpa / Foto: Jean-Christophe Bott)

Die Karrierefrau, die am Schreibtisch sitzt, oder das schamlose Zeigen von Terroropfern in Afrika - Sheryl Sandberg von Facebook und Pam Grossman von der Bildagentur Getty Image wollen solchen Klischeefotos etwas entgegensetzen. Sie haben die Datenbank "Lean In Collection" gegründet. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur