Seit 11:00 Uhr Nachrichten
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 11:00 Uhr Nachrichten
 
 

Religionen / Archiv | Beitrag vom 21.09.2013

"Wir haben die gleichen Erlebnisse und Gefühle wie alle anderen"

Soufeina Hamed zeichnet Comics aus der deutsch-muslimischen Alltagswelt

Moderation: Kirsten Dietrich

Ein Comic von Soufeina Hamed (Soufeina Hamed)
Ein Comic von Soufeina Hamed (Soufeina Hamed)

Sie ist eine junge Muslima, die bewusst ein Kopftuch trägt und aus Berlin stammt. Genau dieses Leben gibt die 23-jährige Soufeina Hamed in Comic-Zeichnungen wider. Mit den Bildern möchte sie einer breiteren Öffentlichkeit zeigen, was Muslime in Deutschland ausmacht.

Kirsten Dietrich: Es ist beinahe zehn Jahre her, da fällte das Bundesverfassungsgericht ein Urteil, das ein echter Augenöffner für die deutsche Gesellschaft war. Die Lehrerin Fereshta Ludin war bis zum höchsten Gericht gegangen bei ihrer Klage darauf, an einer deutschen staatlichen Schule mit Kopftuch unterrichten zu dürfen.

Am 24. September 2003 beschloss das Verfassungsgericht, die Bundesländer müssen es regeln, wie sie im öffentlichen Dienst mit Menschen umgehen, die deutliche Zeichen ihrer religiösen Überzeugung tragen. Also vor allem mit muslimischen Frauen, die ihr Haar mit einem Kopftuch verhüllen. Seit diesem sogenannten Kopftuch-Urteil ist zumindest eines klar: In Deutschland leben Muslime, sie leben ihren Glauben öffentlich und sie fordern ihren Ort in der Gesellschaft. "Der Islam gehört zu Deutschland", zumindest mit diesem Satz wird Ex-Bundespräsident Christian Wulff in Erinnerung bleiben.

Ich spreche heute mit einer jungen Muslimin, die mit dieser Debatte aufgewachsen ist. Als das Kopftuch-Urteil gefallen ist, war Soufeina Hamed 13 Jahre alt. Soufeina Hamed ist in Berlin aufgewachsen, sie hat in Osnabrück Interkulturelle Psychologie studiert, sie ist gläubige Muslimin und zeigt das auch durch ihr Kopftuch. Und sie zeichnet ganz wunderbare, leichte Comics, in dem ihr Alter Ego, eine junge Frau mit Kopftuch, durch die Irrungen und Wirrungen des Alltags geht.

Frau Hamed, als wer werden sie wahrgenommen? Als Zeichnerin, als Akademikerin oder als Expertin für alles, was muslimisch ist?

Soufeina Hamed: Ich glaube, wenn ich es sortieren müsste, würde ich wahrscheinlich sagen - muslimisch, Expertin und dann Akademikerin. Und ich würde auch sagen, dass ich nicht nur Expertin für Muslimisches bin, ich glaube, das erstreckt sich von der Politik des Nahen Ostens bis zum Iran und Afghanistan, womit ich ja eigentlich nichts zu tun habe, aber irgendwie hat man schon das Gefühl, dass man für alles stehen muss.

Dietrich: Ist das eine Belastung oder ist das, kann man damit leicht leben?

Hamed: Es ist schon eine Belastung, und ich glaube, man muss auch, wenn man es jung erlebt, mit der Zeit herausfinden, wie man damit umgeht. Also, wie nahe will man sich damit befassen, wie genau will man auf die Fragen antworten und muss man das überhaupt? Also, das muss man dann für sich herausfinden.

Dietrich: Ist das Zeichnen für Sie eine Art, wie Sie eine Antwort auf diese Fragen geben?

"Menschen reagieren auf Visuelles anders als auf Worte"

Hamed: Ja, mit Sicherheit. Also, ich beantworte nicht politische Themen, ich gehe ungern außerhalb von Deutschland auf Religiöses oder auf Politisches ein, aber auf Dinge, die in Deutschland passieren, reagiere ich gern mit Bildern, weil ich glaube, die sind oft eingängiger als Texte vielleicht. Also Menschen reagieren auf Visuelles anders als auf Worte.

Dietrich: Können Sie einen Cartoon beschreiben, der so eine Reaktion auf eine aktuelle Frage ist?

Hamed: Es ist vielleicht nichts Aktuelles, aber was mir im Moment einfällt, ist etwas, was eigentlich dauerhaft leider so ist, und zwar ist das vielleicht ein Cartoon, auf dem zwei Frauen zu sehen sind, eine mit Kopftuch, eine ohne, und beide schauen sich etwas skeptisch an, und jede denkt, ach, die andere mag mich bestimmt nicht. Und das zeigt, dass wir irgendwie Angst voreinander haben, Vorurteile auch voreinander haben. Also es ist eigentlich nie einseitig. Und dass das eigentlich die Kommunikation behindert und den Dialog. Und das sind meistens Gedanken, die dann in Realität gar nicht zutreffen.

Alt-TextSelbstporträt (Bild: Soufeina Hamed)


Dietrich: Erzählen Sie ein bisschen vom Zeichnen. Wann haben Sie damit angefangen? Haben Sie das richtig gelernt oder wie sind Sie dazu gekommen?

Hamed: Also, ich hab eigentlich schon immer gezeichnet, seit ich kleines Kind bin, auch schon da immer Comics mit meiner Schwester. Aber ich habe eigentlich nie eine richtige Ausbildung gemacht. Ich hatte in der Schule den Leistungskurs Kunst gewählt, aber im Grunde nie richtig eine Ausbildung gehabt. Und ich hab das immer gemacht, und seit ich das online veröffentlicht habe, ist so ein bisschen mehr Feedback gekommen und, ja, hat sich ein bisschen was Größeres herausgestellt, als ich am Anfang erwartet hatte.

Dietrich: Ist das für Sie eher so ein Zeitvertreib, ein Hobby, oder ist das richtig so ein Lebensinhalt? Also wie wichtig ist das für Sie?

Hamed: Es ist ein Hobby definitiv, aber ich könnte mir eigentlich kein mehr Leben mehr ohne das Zeichnen vorstellen. Also ich brauche das immer wieder zwischendurch, und egal, wie meine berufliche Zukunft vielleicht aussieht, ich glaube, das Zeichnen wird immer ein Teil davon sein.

Dietrich: Sie sagen, Sie stellen das Ganze online – was für Reaktionen gibt es darauf?

Hamed: Das ist ganz unterschiedlich. Die meisten sind sehr positiv, also sowohl von muslimischer Seite, die irgendwie das Gefühl haben vielleicht, dass ich ein Sprachrohr auch für sie bin, aber auch von Nicht-Muslimen, die mir dann sagen, dass ich ihnen die Augen geöffnet hab, also dass sie Dinge jetzt sehen, die sie vorher nicht gekannt haben oder sich nicht gedacht hatten. Und ab und zu gibt es natürlich auch negatives Feedback sowohl von muslimischer als auch nicht-muslimischer Seite. Für manche bin ich zu offen vielleicht, zu wenig streng, von muslimischer Seite, und von nicht-muslimischer natürlich kommt auch Islam-Hass, kommt Fremdenangst, und die spürt man dann einfach.

Dietrich: Also Dinge, die gar nicht direkt mit Ihren Zeichnungen zu tun haben, sondern die einfach nur sich an Sie richten, weil da eine Muslimin als Ansprechpartnerin greifbar ist. Nun sind Sie ja als Muslimin leicht zu erkennen. Sie tragen ein Kopftuch – seit wann tragen Sie das?

"Ich trage das Kopftuch, seit ich in die Oberschule gekommen bin"

Hamed: Ich trage es, seit ich in die Oberschule gekommen bin. Für mich war das ein ganz natürlicher Übergang irgendwie, ich hatte nie von meinen Eltern Druck oder gesagt bekommen, ab da wirst du es tragen. Es war für mich selbstverständlich. Ich hab es auch so empfunden, und – ja, also klar werde ich als Muslimin immer erkannt. Ich hab auch das Gefühl, das ist das Erste, was wahrgenommen wird. Und dann kommen natürlich die ganzen Assoziationen, die damit verbunden sind, zum Ausdruck.

Dietrich: Und welchen Stellenwert hat das Kopftuch für Sie. Sie sagten, Sie könnten es sich nicht anders vorstellen, ist das so?

Hamed: Ja. Also es ist für mich wichtig. Es ist für mich etwas Spirituelles, ich habe das Gefühl, dass ich damit meinen Glauben besser auslebe, dass ich eine engere Beziehung zu Gott habe, und das ist für mich eines der grundlegenden Dinge.

Also, ich will es weniger als politisches Zeichen sehen und ich möchte auch niemanden damit abschrecken oder so, aber es ist für mich schon ein Teil meiner Religion und ich möchte es auch gerne in meinen Alltag einbinden.

Dietrich: Die Religion ist Ihnen wichtig, das Zeichnen ist Ihnen wichtig. Wie geht das zusammen?

Hamed: Ganz gut. Keine Probleme eigentlich. Ich versuche, wie man sieht, das zu verbinden, indem ich die Themen, die ich habe, also die Themen meiner Bilder oft religiös sind oder mit meinem Glauben zu tun haben. Manchmal aber auch nicht, manchmal ist das ganz normaler Alltag, aber dadurch, dass ich halt das Kopftuch trage, ist es irgendwie immer integriert. Ja, für mich passt das wunderbar zusammen.

Alt-TextDie Expertin (Bild: Soufeina Hamed)


Dietrich: Ich frage das deswegen, weil man natürlich Islam und Zeichnen auch mit so Dingen verbindet wie dem Karikaturenstreit und mit der Frage danach, ob vielleicht Muslime einen schwierigeren Umgang mit dem gezeichneten Bild oder mit dem Bild allgemein haben.

Hamed: Ja, ich glaube, der Karikaturenstreit ist was Extremes. Ich meine, da ist der Inhalt mehr im Vordergrund als das Medium des Zeichnens oder der Kunst. Ja, der Islam hat nicht so eine Tradition des Zeichnens, aber für mich, ich habe mich mit dem Thema lange auseinandergesetzt, und für mich gibt es da keine Konflikte eigentlich zwischen diesen beiden Bereichen. Ich nutze das Zeichnen als Medium, wie andere das Schreiben oder das Filmen oder wie auch immer. Und für mich ist es kein Problem, und es gibt auch eine große muslimische Zeichner-Community, für die das auch kein Problem ist.

Dietrich: Das heißt, Sie haben durchaus, Sie stehen da in einer Gemeinschaft. Sie sind da nicht so ein Einzelfall, als der das jetzt hier aus der deutschen Mehrheitsgesellschaftsperspektive so erscheint.

Hamed: Ja. Ich weiß nicht, in Deutschland habe ich tatsächlich eher weniger Zeichner gesehen, aber ich glaube auch, weil das Medium Comic an sich in Deutschland noch nicht so weit vorangeschritten ist zum Beispiel wie in Frankreich oder in den USA. Und es gibt tatsächlich eine internationale Community, die sich irgendwie gefunden hat, weil uns die gleichen Themen interessieren, und weil der Islam weltweit ähnliche Erfahrungen in den Medien und in der Presse hat, dass wir ähnliche Themen in unseren Bildern einbringen. Ja, also es gibt schon mehr, als man denkt, glaube ich.

Dietrich: Die Zeichnungen, dienen die dem Zweck, den Islam besser verständlich zu machen, was islamisches Leben heißt? Oder ist das einfach nur ein zufälliger Gegenstand, steht das Zeichnen im Vordergrund und es sind eben, weil es Muslime und Musliminnen sind, die zeichnen, geht es eben um diese Themen. Also, wie ist das gewichtet, Inhalt und Form?

"Wir haben unsere Religion, aber sind im Grunde wie alle anderen"

Hamed: Ich glaube, es ist beides. Ich würde es vielleicht nicht so bezeichnen, dass wir islamisches Leben oder den Islam besser verständlich machen, sondern wir wollen die Muslime verständlich machen. Also wir wollen die Menschen zeigen. Ich möchte jetzt auch nicht für alle sprechen, jeder hat seine eigenen Motive natürlich, aber das ist eben mein Motiv. Ich möchte zeigen, dass wir – klar, wir haben unsere Religion, und die sieht man vielleicht stärker als bei anderen Menschen, aber wir sind im Grunde genauso, haben genauso die gleichen Erlebnisse und Gefühle wie alle anderen. Ja, und ich möchte am liebsten das transparent machen, das irgendwie – begreiflicher für die Öffentlichkeit.

Dietrich: Sie veröffentlichen auf einer Plattform, die heißt "Deviant Art", also "Abweichende Kunst", wenn ich mal versuche, das zu übersetzen. Da finden sich natürlich auch noch ganz andere Sachen, das ist jetzt nicht eine speziell religiöse Plattform. Da sind auch ganz explizit sexuelle Inhalte drauf – wie gehen Sie denn damit um?

Hamed: Ja, ich klick es einfach weg. Ich muss mir das nicht anschauen. Klar ist meine Religion eher – sollte man sich davon fernhalten. Und mich reizt das jetzt auch nicht, solche Bilder zu sehen. Es gibt auch natürlich auch auf dieser Seite Bilder, die zum Beispiel das Hakenkreuz verherrlichen und so weiter, das kann man schlecht kontrollieren oder verbieten. Ich kann dagegen nichts tun und jeder darf das äußern und zeichnen, was er mag. Und ich kann es einfach wegklicken.

Dietrich: Aber das ist schon der bewusste Wunsch auch, auf einer Plattform zu veröffentlichen, die eben offen für viele ist, wo es eine weite Verbreitung gibt, kein spezieller Schonraum in irgendeiner Form?

Hamed: Nein. Auf alle Fälle. Also, "Deviant Art" hat mir ganz viel offengelegt. Seit ich auf dieser Plattform bin, haben sich echt viele Chancen und Türen geöffnet für mich. Und wahrscheinlich liegt das genau daran, dass das so offen ist und dass es ein breites Publikum gibt sozusagen.

Dietrich: Sie selber haben gerade einen Abschluss in Interkultureller Psychologie gemacht. Wie geht das denn jetzt für Sie weiter?

Hamed: Ich werde als Psychologin im Wirtschaftsbereich arbeiten, also im Personalbereich, mir macht das total viel Spaß. Und ja, ich hoffe, irgendwann mal in Zukunft das Teilzeit zu machen und Teilzeit eben meine Kunst so ein bisschen mehr in den Vordergrund zu setzen. Vielleicht an einer Graphic Novel zu arbeiten. Das wäre so eine Vorstellung.

Dietrich: Die Zeichnerin Soufeina Hamed über Comics, Kopftücher und die Erwartungen, die muslimische Akademikerinnen an die Gesellschaft haben. Zeichnungen von Soufeina Hamed können Sie sehen auf unserer Homepage dradio.de. Dort wählen Sie Deutschlandradio Kultur und dann die Sendung Religionen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Religionen

Yoga, Karma und Lotussitz"Buddha hat gerne Sachen übernommen"
Eine liegende Buddha-Figur in Laos (AFP / Christophe Archambault)

Viele Elemente des buddhistischen Glaubens sind aus anderen Lebensbereichen übernommen und in die Lehre integriert worden: Selbst der Lotussitz ist aus dem Hatha-Yoga entliehen. Die buddhistische Lehre wurde oft ergänzt. So entstanden verschiedenste Glaubensströmungen.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur