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"Wir brauchen einen transparenten Bankenmarkt"

Bundesbank-Vorstand Dombret begrüßt EU-Pläne, Schattenbanken zu überwachen

Skyline von Frankfurt am Main
Skyline von Frankfurt am Main (AP)

Für die Schattenbanken müssen nach Ansicht der Bundesbank die gleichen Regeln gelten wie im regulären Bankensektor. Die Aufsicht brauche einen sehr flexiblen Kriterienkatalog, sagt ihr Vorstandsmitglied Andreas Dombret.

Jan-Christoph Kitzler: Kein Finanzplatz, kein Finanzprodukt und kein Finanzinstitut darf ohne Regelung bleiben. Kommt Ihnen dieser Satz irgendwie bekannt vor? Bundeskanzlerin Merkel hat das gesagt, mehrmals, das war ihre Lehre aus der Lehman-Pleite im Herbst 2008. Doch was ist daraus geworden? Die Geschäfte der sogenannten Schattenbanken sind nach wie vor gigantisch. Nach Schätzungen wird inzwischen mindestens ein Viertel aller Finanzgeschäfte in Schattenbanken außerhalb der klassischen Banken und Versicherungen gemacht und damit auch außerhalb jeder Aufsicht. EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier hat das Problem erkannt, er will heute in Brüssel Pläne vorstellen, wie die Schattenbanken künftig besser reguliert werden sollen.

Wie kann man Finanzgeschäfte auch in diesem Bereich besser regulieren und wie notwendig ist das überhaupt? Darüber habe ich mit Andreas Dombret gesprochen, im Vorstand der Bundesbank ist er zuständig für die Bereiche Finanzstabilität, Statistik und Risikocontrolling. Und meine erste Frage an ihn war, wie sich für ihn der Bereich der Schattenbanken darstellt.

Andreas Dombret: Zuerst einmal würde ich gerne ausführen, dass hier nichts Illegales oder Unerwünschtes aus Sicht der Bundesbank geschieht. Es geht bei dem Begriff der sogenannten Schattenbanken um kreditähnliche und andere Bankgeschäfte, die aber eben nicht von Banken ausgeführt werden, sondern von Dritten. Also von Teilnehmern im Finanzmarkt, die keine Banken sind und insofern auch nicht als Banken beaufsichtigt werden. Es gibt ein grundsätzlich breites Spektrum an spezialisierten Bankdienstleistungen. Wir halten so ein breites Spektrum für vorteilhaft. Das Wichtigste für uns ist aber, dass diese sogenannten Schattenbanken systemische Risiken bergen können, also Risiken für das Finanzsystem. Und es geht nur um die systemischen Risiken. Bankgeschäfte oder bankähnliche Geschäfte haben immer Risiken und wir werden nicht versuchen, durch Regulierungen die Risiken zu begrenzen. Wir müssen aber wissen: Wo gibt es systemische Risiken und wie wirken diese systemischen Risiken auf das Bankensystem?

Jan-Christoph Kitzler: Aber es ist ja viel die Rede von den Gefahren der Schattenbanken. Wie gefährlich ist denn dieser Sektor aus Ihrer Sicht?

Dombret: Es ist wichtig, noch einmal sich daran zu erinnern, dass ja ein Teil des sogenannten Schattenbanksystems verantwortlich für den Ausbruch der Krise 2007/ 2008 ist. Man kann nicht von der Hand weisen, dass die Lehman-Krise mit verursacht worden ist durch Verbriefungszweckgesellschaften, sogenannte SPVs (Special Purpose Vehicle, Anmerkung der Redaktion), die ganz maßgeblich dazu beigetragen haben, dass bestimmte Risiken nicht gesehen werden konnten. Und dadurch, dass es keine Transparenz gegeben hat, ist die Krise 2007/2008 befördert worden. Letztendlich hatten wir zu wenig Überblick, weil man durch das Auslagern von Risiken außerhalb der Bankbilanz diese Risiken als Aufsicht nicht erkennen konnte. Insofern gibt es ganz erhebliche Risiken und das Wichtigste ist, dass man die Risiken jetzt erhebt, versteht und dann eventuell auch möglicherweise reguliert. Wir wollen eine Überwachung stärker nach dem Motto "Gefahr erkannt, Gefahr gebannt", wenn Sie so wollen.

Jan-Christoph Kitzler: Schon vor dreieinhalb Jahren, nach der Lehman-Pleite, gab es ja diese Forderung. Kein Finanzprodukt darf ohne Regelung bleiben, hat die Bundeskanzlerin zum Beispiel danach wiederholt gesagt. Jetzt ist natürlich die Frage: Was muss passieren aus Sicht der Bundesbank?

Dombret: Aus Sicht der Bundesbank ist es wichtig, dass wir eine Rechtsgrundlage erhalten, um die für uns wichtigen Daten des sogenannten Schattenbanksystems auch erheben zu können. Nur mit dieser Rechtsgrundlage und der Datenerhebung können wir die Risiken erkennen, und nur, wenn wir die Risiken auf ihr Systemrisiko wirklich beurteilen können, können wir die Risiken auch eindämmen.

Jan-Christoph Kitzler: Raimund Röseler, der oberste Bankenaufseher bei der BaFin, der hat kürzlich der "Süddeutschen Zeitung" gesagt: Weder Definition noch Geschäftsgebaren der Schattenbanken ist eindeutig zu greifen, jeden Tag entstünden neue Finanzvehikel, die zu einer Gefahr für das Finanzsystem werden könnten. Wie kann man denn diese Hydra-Logik durchbrechen, wenn da ständig was Neues entsteht?

Dombret: Herr Röseler hat absolut Recht. Ein typisch deutsches Vorgehen wäre es ja üblicherweise, eine Liste aufzustellen, und anhand dieser Liste würde man genau definieren, was man unter Schattenbanken versteht. Da aber das Typische des sogenannten Schattenbanksystems ist, immer wieder mit neuen Innovationen und Umgehungsmöglichkeiten in den Markt einzugreifen, wird es mit der Liste nicht funktionieren. Das heißt, die Aufsicht braucht einen sehr, sehr flexiblen Kriterienkatalog, und je mehr Flexibilität wir hier bekommen, umso besser. Bedeutet auch, dass es mit einer einmaligen Überwachung und Erfassung nicht funktionieren wird, dass wir eine regelmäßige Überprüfung notwendigerweise brauchen. Das bedeutet, dass eine Überwachung und gegebenenfalls eine Regulierung als Daueraufgabe zu verstehen sein wird.

Jan-Christoph Kitzler: Anstatt eines flexiblen Katalogs, braucht man nicht eher einen ganz einfachen Grundsatz, nämlich den: Jeder, der mit Finanzprodukten handelt, der muss sich einem regulierten Markt unterwerfen?

Dombret: Wir brauchen vor allen Dingen eine breite Definition, was Schattenbanken sind. Warum haben wir in Deutschland im Vergleich zum angelsächsischen Markt doch einen relativ kleinen Schattenbanksektor? Das liegt daran, dass wir im Kreditwesengesetz eine breite Definition haben, was ist in Deutschland eigentlich als Bank zu verstehen? Und durch die breite Definition haben wir eine Situation, dass der Schattenbankenmarkt sich in Deutschland eigentlich nie sehr stark entwickelt hat. Das Financial Stability Board, das für die Definition und auch für die Vorschläge zum Schattenbanksystem international zuständig ist, hat auf unseren Vorschlag hin sich einer breiten Definition von Schattenbanken angeschlossen. Und wenn wir das jetzt international abstimmen und international zur Grundlage unserer Arbeit machen, haben wir die beste Möglichkeit. Also keine enge Definition, sondern so breit angelegt wie möglich.

Jan-Christoph Kitzler: Heute stellt EU-Kommissar Barnier die Pläne der Kommission vor. Nach allem, was man bisher darüber weiß, gehen diese Pläne in die richtige Richtung?

Dombret: Den Eindruck haben wir schon. Wir begrüßen auch den Vorstoß von Kommissar Barnier. Wichtig ist, dass die EU hier frühzeitig vorgeht und die Umsetzung der internationalen Vorgaben nicht spät, sondern früh angeht. Ziel des Grünbuchs von Kommissar Barnier ist die Schließung von Gesetzeslücken in der EU. Wichtig ist dabei vor allem das Schließen von Datenlücken, aber auch die Überprüfung der Wirksamkeit bestehender Regeln und die Erfassung bisher noch nicht abgedeckter Regeln.

Jan-Christoph Kitzler: Noch mal ganz konkret: Wie muss denn Regulierung in Zukunft aussehen Ihrer Meinung nach?

Dombret: Wir haben eine funktionierende Bankenregulierung. Wir müssen darauf achten, dass diejenigen, die bankähnliche Geschäfte betreiben, aber nicht formal, nicht als Bank anerkannt sind, genau den gleichen Regeln unterworfen werden, als wären sie eine Bank. Und hierfür brauchen wir als wichtigste Maßnahme die Möglichkeit, diese Risiken zu verstehen und zu erfassen. Das ist viel wichtiger. Ich möchte heute noch gar nicht sagen, ob wir dann notwendigerweise auch eine zusätzliche Regulierung brauchen. Ob wir eine Regulierung brauchen oder nicht, hängt davon ab, ob es systemische Risiken gibt. Und nur in diesem Fall sollten wir auch regulieren. Wir brauchen keinen überregulierten Bankenmarkt, sondern wir brauchen einen transparenten Bankenmarkt, in dem systemische Risiken so weit wie möglich vermieden werden.

Jan-Christoph Kitzler: Sind Sie optimistisch, dass Europa in dieser Frage vorankommt, dass es jetzt irgendwann in naher Zukunft gemeinsame Regelungen gibt?

Dombret: Wir müssen in Zukunft vorankommen, weil, wir müssen das Finanzsystem sicherer machen. In der Vergangenheit waren die sogenannten Schattenbanken vor allen Dingen – nicht nur, aber vor allen Dingen – ein Phänomen im angelsächsischen Markt. Aber die Grenzen einfach dicht zu machen, wird nicht funktionieren. Angenommen, in einer Situation, wo Deutschland keine einzige sogenannte Schattenbank hätte, gibt es immer noch die Möglichkeit für deutsche Banken, diese Dienstleistung in London, New York oder an anderen Bankenplätzen zu kaufen und sich dort anzustecken. Es ist also keine nationale Aufgabe, sondern eine internationale Aufgabe. Wir können, auch wenn wir in Deutschland Schattenbanken auf Null zurückdrängen würden, nicht die Ansteckungsgefahr dadurch verringern. Wir müssen das über andere Möglichkeiten tun.

Jan-Christoph Kitzler: Andreas Dombret war das, im Vorstand der Bundesbank ist er zuständig unter anderem für den Bereich Finanzstabilität. Haben Sie vielen Dank für das Gespräch und einen schönen Tag!

Dombret: Vielen Dank Ihnen auch!

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