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Lesart | Beitrag vom 24.03.2016

William Giraldi: "Wolfsnächte" Dämonische Düsternis in Alaska

Von Knut Cordsen

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Ein Wolf  (picture alliance / dpa / Foto: Patrick Pleul)
Ein Wolf im Schnee (picture alliance / dpa / Foto: Patrick Pleul)

Wölfe fallen in eine Siedlung ein und holen Kinder. So erzählen es die Dorfbewohner. Doch Wolf-Forscher Russel Core ist schnell klar: nicht die Tiere stecken hinter einem Mord. In "Wolfsnächte" von William Giraldi lassen einen nicht nur die eisigen Temperaturen frösteln.

William Giraldi ist leitender Literaturredakteur der Zeitschrift AGNI und unterrichtet an der Universität von Boston. Er schreibt regelmäßig Kritiken für "The New York Times Book Review" und debütierte 2011 als Romancier. In seinem nun auf Deutsch erschienenen Roman "Wolfsnächte" fallen ganze Rudel in eine Siedlung in Alaska ein. Und nicht nur das: Die Wölfe holen Kinder. So zumindest erzählen es die Bewohner des Dorfes Keelut dem in die Wildnis Alaskas gerufenen Russel Core. Der 60-Jährige hat sich als "Naturschriftsteller" (im angloamerikanischen Raum ist das "nature writing" eine eigene Textgattung) einen Namen gemacht und das Leben dieser Tiere erforscht.

Doch schon sehr bald ist klar, dass nicht Wölfe den sechsjährigen Bailey Slone gerissen haben. Sondern er wurde von einem Menschen erwürgt. Vermutlich sogar von seiner eigenen Mutter. Aber warum sollte Medora Slone das tun? Hatte sie nicht erst Russel Core um Hilfe gebeten und ihn in dieses Kaff im winterlichen Nirgendwo reisen lassen? Diese Fragen lassen Russel Core, der selbst ein "lonesome wolf" ist, nicht mehr los.

Und plötzlich taucht ihr Mann wieder auf

Während Medora Slone spurlos verschwunden ist, taucht plötzlich ihr Mann Vernon auf. Der Vater des Ermordeten kehrt verletzt heim aus einem Krieg und zieht eine breite Blutspur durch die weißen Weiten der Tundra. Warum versucht dieser schweigsame Mann mit aller Brutalität die Ermittlungsarbeit zu verhindern?

William Giraldi versteht es, einen Thriller in der "country noir"-Tradition von Daniel Woodrell zu schreiben. Sein Figuren-Tableau besteht aus vielen Finsterlingen: ominösen Landstreichern, die mit "teuflisch bis tollwütig wirkenden" Wolfsmasken hantieren, ebenso wie hutzeligen Schamaninnen, die davon raunen, manche ließen eben "den Wolf in uns heraus". So sicher (und erhellend) der "Wolfsbote" anfangs noch über den "Infantizid" im Tierreich reden kann, so sehr verliert er alle Gewissheit im Laufe dieser Geschichte. Jack London, dem Autor von "Wolfsblut" und "Seewolf", hätte gefallen, was Giraldi erzählt.

Giraldi schreibt klar und bildmächtig

Tatsächlich gelingt es ihm in seinem schmalen Roman, eine dämonische Düsternis zu evozieren. Längst nicht nur die eisige Polarnacht lässt einen hier frösteln. William Giraldi schreibt klar und bildmächtig: "Mit Schaufeln und Spitzhacken schlugen sie seitlich ein Grab in die Schneedämme. Die Erde ließ sich ohne die entsprechenden Gerätschaften unmöglich aufbrechen. Sie arbeiteten im Licht der Scheinwerfer, und der Schnee wirbelte durch die Strahlen wie Insekten im Sommer vor einer Lampe. Die Dunkelheit dahinter war mehr als nur Nacht, es war die bewusste Negation des Tages." Die Wolfsbrut dieses schaurig schönen Buches nimmt einen wirklich wunder.

William Giraldi: "Wolfsnächte" 
Aus dem amerikanischen Englisch von Nicolai von Schweder-Schreiner
Hoffmann & Campe 2016
220 Seiten, 20,00 Euro

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