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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 26.02.2011

Wie lösen wir das Pflegeproblem?

Gäste: Pflege-Experte Claus Fussek und Stefan Görres, Pflegewissenschaftler an der Uni Bremen

Ein Pfleger massiert die Hand einer alten Frau. (AP)
Ein Pfleger massiert die Hand einer alten Frau. (AP)

Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt, die Zahl der professionellen Pflegekräfte sinkt: Das Thema Pflege könnte in den kommenden Jahren zur "Schicksalsfrage der Nation" werden, meinen Experten.

Die Zahl der Pflegebedürftigen wächst: Seit der Jahrtausendwende ist sie um 16 Prozent auf über 2,3 Millionen gestiegen. Mehr als zwei Drittel werden derzeit zu Hause versorgt. Gleichzeitig sinkt die Zahl der professionellen Pflegekräfte: Berechnungen des Statistischen Bundesamtes zufolge werden in 15 Jahren etwa 152.000 Pflegekräfte fehlen. Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (BPA) spricht von einem Bedarf von 250.000 Altenpflegern bis 2020.

Gesundheitsminister Philipp Rösler hat daher das Jahr 2011 zum "Jahr der Pflege" erkoren und will dem drohenden Pflegenotstand mit einer Reform entgegenwirken.

"Das ist reine Kosmetik, weil wir kein Jahr der Pflege brauchen, wir brauchen ein Jahrzehnt der Pflege. Das ist eine Schicksalsfrage der Nation!", sagt Claus Fussek, Deutschlands bekanntester Pflege-Kritiker. Seit fast 30 Jahren prangert der Mitbegründer der Vereinigung Integrationshilfe e.V. (VIF) in München die oft skandalösen Verhältnisse unermüdlich an. Dauerkatheder, Magensonden, Fixierungen, Psychopharmaka seien gang und gäbe, um Personal und Kosten zu sparen.

"Was macht man, wenn eine Gaststätte die Auflagen nicht erfüllt? Sie wird dicht gemacht. Was macht man bei einem Betrieb, der Gammelfleisch verkauft? Er wird dicht gemacht. Ich begreife nicht, warum schlechte Pflegeheime nicht geschlossen werden. Leider ist es in Deutschland immer noch möglich, mit schlechter Pflege Geld zu verdienen."

Seine Erfahrung: Die Missstände seien oft bekannt, die Ärzte wüssten es, die Schwestern, der Friseur, gesetzliche Betreuer, Seelsorger – aber alle schwiegen. Diese Schweigespirale müsse durchbrochen werden.

"Fast alle Missstände sind von Menschen gemacht. Und zu viele schauen zu und schauen weg. Wir reden hier nicht abstrakt, sondern über uns, unsere Eltern! Wie wollen wir es selber haben? Wir wissen, dass es anders geht, es ist der Faktor Mensch."

Sein Appell: Die vorbildlichen Einrichtungen fördern und zum Beispiel machen.
"Es gibt Kernsätze, die ich immer wiederhole: Der Fisch stinkt vom Kopf. Zufriedene Mitarbeiter, zufriedene Bewohner, Wertschätzung der Mitarbeiter, gute Bezahlung."

Gute Einrichtungen zeichneten sich dadurch aus, dass sich viele Menschen kümmerten. Dass die Häuser offen seien nach außen, für Ärzte, Vereine, Kindergärten, das örtliche Tierheim. Es sei erwiesen, dass Bewohner gesünder seien, die sich mit Tieren oder Kindern beschäftigen, wenn sie sich bewegen – das könnten Ehrenamtliche erledigen. "Und das Tolle ist, solche Heime kosten nicht mehr als die andern." Nur es täten kaum Heime – das ärgert ihn maßlos.
Sein Motto: "Respekt, Anstand. Pflege so, wie du selbst gepflegt werden möchtest."

"Man muss sagen, dass die Politik das Problem Jahre, wenn nicht Jahrzehnte unterschätzt hat, und es wurden die falschen Weichen gestellt", sagt der Pflegewissenschaftler Prof. Dr. Stefan Görres, geschäftsführender Direktor am Institut für Public Health und Pflegeforschung an der Universität Bremen.

"Das Hauptproblem liegt darin, dass wir eine scherenförmige Zunahme pflegebedürftiger Menschen – besonders mit Demenz – haben und eine Abnahme des häuslichen Pflegepotenzials."

Dazu komme der Fachkräftemangel. Das Problem sei schlicht unterschätzt worden, Alter und Pflege seien im Wahlkampf "unsexy".

"Wir stehen vor Versäumnissen von 20 bis 30 Jahren. Worauf man setzen müsste, ist: Bessere Ausbildung, nur die kriegen wir kurzfristig nicht hin. Damit kriegen wir auch nicht die nötigen 50.000 Pflegekräfte. Wir müssen den Beruf aufwerten, die Leute müssen besser verdienen, wir müssen Karrieremöglichkeiten schaffen. Wir müssen sicherlich auch die Familien und Angehörigen stärken. Wir brauchen kluge Überlegungen, wie wir Frauen und Männer beruflich entlasten können. Kuren reichen da nicht aus. Es muss eine bezahlte Pflegezeit her! Ulla Schmidt hatte da einen Vorstoß gemacht, der ist an der Arbeitgeberseite gescheitert, aber man wird nicht umhin kommen."

Seine Prognose: "Es wird eine Pflege geben, die gerade das Überleben sichert und ein Minimum an Lebensqualität. Und es wird Menschen geben, die sich kaufen werden, was sie brauchen. Und das wird teuer. Und es ist zu erwarten, dass es viele geben wird, die sich das nicht leisten können. Wir entwickeln uns hin zu einer Zwei-Klassen-Pflegegesellschaft."

Schon jetzt sei die Pflegeversicherung lediglich eine "Teilkasko-Versicherung".
Seine Forderungen: "Wir brauchen familien- und pflegefreundliche Arbeitnehmermodelle. Ich finde, dass die Unternehmer dies im Sinne der gesellschaftlichen Solidarität leisten müssten. Das Thema geht uns alle an. Es ist kein Einzelschicksal, sondern ein gesellschaftliches Problem. Wir müssen weg von der Trennung zwischen gesellschaftlicher und privater Verantwortung."

"Wie lösen wir das Pflegeproblem?"

Darüber diskutiert Dieter Kassel heute von 9 Uhr 05 bis 11 Uhr gemeinsam mit Claus Fussek und Prof. Dr. Stefan Görres. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 00800 – 2254 2254 oder per E-Mail unter gespraech@dradio.de.


Informationen im Internet:
Über Prof. Dr. Stefan Görres: http://www.ipp.uni-bremen.de/pages/abteilung3/aktuell.php?abtId=3

Literaturhinweis:
Claus Fussek, Gottlob Schober: "Im Netz der Pflegemafia. Wie mit menschenunwürdiger Pflege Geschäfte gemacht werden", Verlag C.Bertelsmann 2009

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