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Fazit / Archiv | Beitrag vom 28.09.2011

Wie ein anschwellender Sturm

"Bluthochzeit" am Münchner Volkstheater

Von Christoph Leibold

Roter Vorhang
Roter Vorhang (Stock.XCHNG)

Diese Inszenierung ist kurz, aber heftig: Der serbische Regisseur Milos Lolic lässt Federico Gracia Lorcas lyrischer Tragödie "Bluthochzeit" ihre archaische Kraft entfalten – bannt dabei aber jedwede Kitschgefahr.

Diese Inszenierung ist kurz, aber heftig. Wie ein rasch anschwellender Sturm. Der serbische Regisseur Milos Lolic, der mit der "Bluthochzeit" am Münchner Volkstheater seine erste Inszenierung an einem deutschen Stadttheater vorgelegt hat, lässt Lorcas lyrischer Tragödie ihre archaische Kraft, bannt aber jedwede Kitschgefahr, die in der poetisch-pathetischer Sprache des Stücks lauert, indem er mit einer dezidiert kargen Ästhetik kontert.

Ein blutroter Vorhang, davor in einer langen Reihe nebeneinander goldene Stühle auf der ansonsten leeren Bühne, die nichts anderes zu sein behauptet als sie ist: eben eine Theaterbühne. Auf den Stühlen nehmen die Schauspieler Platz. Sie sind in Kleider geschlüpft, die Ort und Zeit von Lorcas Stück zitieren (Spanien in den 1930er Jahren), schlüpfen aber nicht in die Rollen andalusischer Bauern. Lorcas Figuren werden bei Lolic eher gezeigt als verkörpert, sie scheinen fast nur aus Sprache und Mimik zu bestehen, kaum Körperlichkeit. Wer etwas zu sagen hat, erhebt sich von seinem Stuhl und geht vor an die Rampe, Monologe und Dialoge werden dort direkt ins Publikum gesprochen.

Während vorne die Solos oder Duette stattfinden, bleiben die übrigen Darsteller hinten sitzen, lauschen konzentriert, machen manchmal chorische Einwürfe (die oft Szenenanweisungen gleichkommen) und vor allem: klopfen, klatschen und stampfen. Das lässt an Flamenco denken. Und tatsächlich steigert sich das anfänglich den Text nur akzentuierende, musikalisch rhythmisierende Klopfen und Klatschen in der Hochzeitsszene zu einem berauschten Tanz, den hier alle um das Brautpaar tanzen. Aber da ist die Braut längst schon in Gedanken bei ihrem früheren Liebhaber, mit dem sie wenig später durchbrennen wird. Der verschmähte Bräutigam nimmt die Spur auf, das Stampfen und Trampeln der Schauspieler wird nun zum donnernden Hufgetrappel der berittenen Verfolger.

Klirrendes Gitarrengetöse, düstere Klangkaskaden aus dem Lautsprecher und dumpfe Schläge auf ein Mikrophon, die dem Zuschauer in die Magengrube wummern, markieren den finalen Showdown, als sich Bräutigam und Brauräuber gegenseitig umbringen. Der infernalische Sturm ist entfesselt. Ohne einen einzigen Tropfen Bühnenblut zu verspritzen, hat Milos Lolic einen soghaften Blutrausch inszeniert. Eine überwältigende Theaterstunde.