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Wie aus einem Schadstoff ein Wundermittel wurde

Fördert Lithium die Gesundheit?

Von Udo Pollmer

Lithium gelangt über weggeworfene Batterien und Arzneimittel ins Trinkwasser.
Lithium gelangt über weggeworfene Batterien und Arzneimittel ins Trinkwasser. (Stock.XCHNG - Wanderlei Talib)

Nachdem die Wunderwirkungen der Vitamine als Blendwerk entzaubert wurden, ist nun ein Spurenelement dran: das Lithium. Es soll nicht nur die Stimmung verbessern, sondern auch das Leben verlängern. Alles Mumpitz, meint Udo Pollmer.

Ohne Hoffnung lebt sich’s schlecht. Was wäre ein besserer Hoffnungsträger als eine Pille, die unser aller Leben verlängert? Da kommt ein Spurenelement namens Lithium gerade recht. Den meisten von uns war das Element bisher nur von den Lithium-Akkus bekannt. Nun soll es nicht nur die Lebensdauer von Batterien verlängern sondern auch von Bürgern.

Begonnen hatte alles in Japan. Forscher wollen dort herausgefunden haben, dass in Regionen, in denen das Trinkwasser stärker mit Lithium belastet ist, weniger Selbstmorde geschehen. Da Lithium auch als Medikament bei schweren psychischen Erkrankungen eingesetzt wird, genauer gesagt bei manisch-depressiven Patienten, klang das erst mal logisch. Doch damit nicht genug. Die Japaner fanden in einer weiteren Untersuchung heraus, dass sogar die Lebenserwartung insgesamt – und zwar unabhängig von den Suiziden – umso höher war, je mehr Lithium im Wasser steckte.

Deutsche Forscher aus Jena und Potsdam, die an der genannten Studie mitgewirkt hatten, zeigten in einer weiteren Untersuchung, dass Fadenwürmer älter wurden, wenn sie etwas Lithium ins Futter bekamen. Die Begeisterung kannte nun keine Grenzen mehr. Die "Stabsstelle Kommunikation" der Friedrich-Schiller-Universität in Jena titelte: "Lithium: Jungbrunnen aus der Wasserleitung". Aus früheren Studien wisse man, zitiert die Uni Professor Michael Ristow, "dass eine höhere Lithiumaufnahme über das Trinkwasser mit einer Verbesserung der psychischen Grundstimmung" verbunden sei. Und nun steigt mit der Grundstimmung auch noch die Lebensdauer von Fadenwürmern. Gigantisch!

Das Fernsehen hat sich diesen Leckerbissen nicht entgehen lassen und nutzte ihn gleich für Ernährungstipps: "Man kann schon jetzt etwas für seinen Lithium-Gehalt tun: Viel Obst und Gemüse essen." Was stört es diese Ratschläger, dass bis heute verlässliche Analysen des Lithiumgehaltes unserer Lebensmittel fehlen. Angesichts dieser Tipps könnte man leicht depressiv werden, manisch-depressiv.

Doch hier helfen weder Obst noch Wasser. Für einen therapeutischen Effekt liegt die erforderliche Lithium-Dosis 100- bis 1000-fach höher. Allein die Vorstellung, es gäbe ein geheimnisvolles Element, das für gute Laune sorgt und zugleich das Leben von Würmern und Japanern verlängert, sagt viel über den Gemütszustand deutscher Universitäten. Wie schrieb doch der Namensgeber der Jenaer Uni in weiser Voraussicht: "Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens."

Versuchen wir’s trotzdem. Bei einem Blick in die Statistik wird schnell klar, wie dieser "Jungbrunnen" funktioniert. In der Hauptstadt der fraglichen japanischen Provinz werden die Menschen im Schnitt etwas älter als im Umland. Rein zufällig ist in der Hauptstadt auch etwas mehr Lithium im Wasser. Betrachtet man die Daten der restlichen 17 Regionen, dann sind die Ergebnisse völlig beliebig. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Lithium und Alter. Da aber in der Hauptstadt die meisten Menschen leben, dominieren sie die Statistik. Und was hat es mit den Fadenwürmern auf sich? Zu dieser Gruppe gehören auch allerlei Krankheitserreger für Pflanze, Tier und Mensch. Wenn die Würmer tatsächlich länger leben sollten, dann würden sie im Gegenzug das Leben anderer Lebewesen verkürzen.

Es ist schon schwierig genug, Versuche mit Labormäusen zu interpretieren. Aber die Idee, Fütterungsexperimente mit primitiven Lebensformen auf den Menschen zu übertragen, ist keck wie Mäusedreck. Da Lithium über weggeworfene Batterien und ausgeschiedene Arzneimittel bis ins Trinkwasser gelangt, ist es ausgesprochen mutig, uns diesen Schadstoff auch noch als Lebenselixier zu offerieren.

Bezahlt hat den ganzen Mumpitz übrigens das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Mahlzeit!

Literatur:
- Ohgami H et al: Lithium levels in drinking water and risk of suicide. British Journal of Psychiatry 2009; 194: 464-465
- Zarse K et al: Low-dose lithium uptake promotes longevity in humans and metazoans. European Journal of Nutrition 2011; 50: 387-389
- Schönfelder U: Lithium – Jungbrunnen aus der Wasserleitung. Informationsdienst Wissenschaft 11.02.2011
- Linke K: Jungbrunnen Trinkwasser. HR-Fernsehen: Alles Wissen 23.11.2011
- Emsley J: Nature‘s Building Blocks. Oxford University Press 2001
- Aral H, Vecchio-Sadus A: Toxicity of lithium to humans and the environment - A literature review. Ecotoxicology and Environmental Safety 2008; 70: 349–356

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