Seit 01:05 Uhr Tonart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 01:05 Uhr Tonart
 
 

Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.09.2008

Wie auf dem Kinderspielplatz

"Die Kaperer" am Staatstheater Mainz

Von Bernhard Doppler

Philipp Löhle, 30 Jahre alt, ist eine erfreuliche Dramatiker-Entdeckung der letzten Saison: erfolgreich beim Heidelberger und Berliner Stückemarkt und bei den Mühlheimer Theatertagen. Erfreulich ist dabei auch, dass seine Stücke nicht nur Eintagsfliegen in der betriebsamen, doch oft in sich selbst kreisenden Dramatikerförderung sind, sondern sich auch im Repertoire des deutschen Stadttheaterbetriebs durchzusetzen scheinen.

Als "Deutsche Erstaufführung" werden seine "Kaperer" in Mainz nun deshalb angekündigt, weil dieses Stück, ein Auftragswerk des Berliner Stückemarkts, bereits im Ausland, in Österreich, im "Wiener Schauspielhaus", in Szene gesetzt wurde, wo es noch den biblischen Untertitel: "Reiß nieder das Haus, erbaue ein Schiff!" trug. Die Zweitproduktion in Mainz ist allerdings leider nicht nur wegen des gekürzten Titels eine oberflächliche Reduktion des Stückes.

Philipp Löhle hatte in der Zeitschrift "Theater der Zeit" bekannt, seine Vorbilder seien gleichzeitig die Trickfilmserie "Die Simpsons" und Samuel Beckett: eine tolle Vorgabe! Als Beckett-nahen Simpson kann man sich vor allem den Helden von "Die Kaperer" vorstellen: Mörchen. Doch was soll man von Mörchen halten? Ein Esoteriker, ein genialer Erfinder, ein Spinner? Mörchen reagiert – im Gegensatz zu seiner passiven Umwelt von Ökologiebanausen – auf die Klimakatastrophe: Er erfindet ein Haus mit Hydraulik, eine Arche Noah, die jede Überflutung überstehen kann und darüber hinaus auch keine Heizung braucht. So etwas interessiert auch die Industrie. Mörchen ein Ökopionier, der seiner Zeit voraus ist? Oder doch vor allem einer jener Spießer, dessen Lebensziel es ist, als Familienvater ein krisensicheres Eigenheim in kostengünstiger Lage zu erwerben? Grundstücke in Wassernähe werden wegen der Klimakatastrophe ja immer billiger.

Mörchen muss leiden. In einer Passage von Löhles Text, die in Mainz gestrichen ist, wird er mit dem Heiligen Nepomuk verglichen, der vom König in die Moldau geworfen wurde, aber später als Heiliger für Brücken und Wasser verehrt wurde. Die Erprobungsphase von Mörchens Hydraulikhauses fällt ausgerechnet in eine Trockenperiode und das zur Demonstration nötige Hochwasser will nicht kommen. Alle "Simpsonfiguren" (Mörchens Frau Biene, sein Freund Arne und der Industrielle Hosenbein) werden nervös und interpretieren Mörchen falsch, eine schwere Heimsuchung. Seine Ehe geht unter solchen Bedingungen kaputt. Als das Hochwasser endlich kommt, funktioniert zwar das Hydraulik-Haus, doch Mörchen selbst löst zu spät einen Schalter und stirbt in seinem eigenen Konstrukt.

Die Mainzer Aufführung reduziert das Stück leider nicht nur auf sechs Personen, sondern lotet in der Inszenierung von Maria Aberg weder die Komik, noch die Tragikkomik der Figuren tiefer aus. Schauplatz ist eine Art Kinderschauplatz. Am lustigsten noch die Kampfsportschläge, die Nele (Tatjana Kästel) Mörchen (Felix Mühlen) zufügt, als sie glaubt Biene, Mörchens Frau, rächen zu müssen. Philipp Löhles "Die Kaperer. Reiß nieder das Haus, erbaue ein Schiff" verdient bald eine weitere Inszenierung - und zwar in größerem Rahmen als im Mainzer Studioformat. Löhles Drama ist aktuell, voll bösem Humor und sehr publikumswirksam. Was will man mehr?

Philipp Löhle: Die Kaperer
Deutsche Erstaufführung am Staatstheater Mainz
Inszenierung. Maria Aberg

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsDie Entkolonialisierung der Universität
Seminarzentrum in der Freien Universität in Berlin. (picture-alliance / dpa-ZB / Jens Kalaene)

Studenten der FU Berlin wollen ihre Hochschule "entkolonialisieren". Den Studierenden ist aufgefallen, dass in der Vorlesungsreihe "Klimawandel in Afrika" kein afrikanischer Professor unterrichtet, meldet die "taz". Das Feuilleton der "FAZ" entschuldigt derweil Amerikas Intellektuelle.Mehr

weitere Beiträge

Fazit

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur