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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.09.2009

Widerstreit elterlicher Ratschläge

Francois Lelord: "Hector & Hector und die Geheimnisse des Lebens", Piper, München 2009, 224 Seiten

Papa erklärt die Welt leider gänzlich anders als Mama. Wem soll Hector glauben?
Papa erklärt die Welt leider gänzlich anders als Mama. Wem soll Hector glauben? (AP)

Kindgerecht die Welt erklären, ist spätestes seit Jostein Gaarders Welterfolg "Sophies Welt" von 1993 eine fast schon todsichere Methode, um die Bestsellerlisten zu erklimmen. Auch der französische Psychotherapeut François Lelord hat sich auf dieses Rezept verlegt. Und seine Hector-Bücher ("Hectors Reise und die Suche nach dem Glück", "Hector und die Geheimnisse der Liebe", "Hector und die Entdeckung der Zeit") haben prompt sowohl in Frankreich als auch bei uns Leser gefunden, deren Zahl in die Hunderttausende geht.

Glück, Liebe, Zeit - das sind natürlich Themen, die schon für sich genommen immer "gehen". Doch Lelords Erfolg erklärt sich nicht nur durch die Stoffe und die Kinderperspektive. Das lässt sich an seinem neuesten Buch, "Hector & Hector und die Geheimnisse des Lebens", sehr schön zeigen. Das Reizvolle an dieser Einführung in die "Geheimnisse des reifen Lebens", die dem kleinen Hector hier zuteilwerden, liegt nämlich keineswegs in den Lektionen, die dem aufgeweckten Jungen in Elternhaus und Schule, durch Freunde, Feinde, Lehrer und die erste Angebetete mit dem schönen Namen Amandine zuteilwerden.

Natürlich liest man auch das mit zunehmendem Vergnügen, denn die Durchsetzungskämpfe auf dem Pausenhof oder die Distinktionsgewinne durch Einladungen zu Kinderparties, deren teilnehmender Zeuge "Petithector", Klein-Hector also, wird, - sie unterscheiden sich von der Welt der Erwachsenen nicht so sehr.

Nein, was das Buch zu einem auch intellektuell anregenden Vergnügen macht, das ist in erster Linie der heimliche (und für Klein-Hector natürlich nicht ganz nachvollziehbare) Konflikt zwischen zweierlei Weisen, die Welt zu betrachten, den der Autor am Beispiel von Hectors Eltern inszeniert.

Etwa ab der Hälfte des Buches verändert sich damit auch der Aufmerksamkeitsfokus des Lesers. Interessiert ihn anfangs noch hauptsächlich die Perspektive des kleinen Jungen, so fragt er sich alsbald, wie werden sich wohl die Eltern wieder kabbeln. Denn eins ist klar: Hectors Mutter ist die klassische Idealistin. Sie erzieht ihren Jungen, mit dem sie sonntags immer die Heilige Messe besucht, zu den Kardinaltugenden der Zehn Gebote, und zwar ohne Wenn und Aber.

Ihr Mann hingegen ist Pragmatiker, hat aber auch Anteile von Machiavellismus, ja von Zynismus. Er ist der Typ, der auf dem Standpunkt steht: Man darf bei Klassenarbeiten nicht abschreiben und schummeln. Aber fast noch wichtiger findet er das Gebot: Und ganz und gar nicht darf man sich dabei erwischen lassen. Oder Thema Mädchen. Petithector, der sein Hingezogensein zu Amandine durchaus auch bereits körperlich spürt, bekommt von seiner Mutter stets zu hören, zu Mädchen muss man nett sein, auf sie eingehen.

Der Herr Papa hat andere Lehren im Gepäck. Er findet vielmehr, dass es wichtig ist, wenn Hector bei den kurzen Zusammenkünften auf dem Schulhof derjenige ist, der beim Gespräch den Schlusspunkt setzt und auch als erster geht: SIE solle IHM nachschauen, nicht umgekehrt, ein Junge müsse seiner Freundin immer schön vermitteln, dass er auch andere Mädchen interessant findet - und die ihn!

Versteht sich, dass Klein-Hector manches Mal verwirrt ist, wenn er abends versucht, in seinem Notizheft Resümee zu ziehen. Gekonnt gibt Lelord die kindlichen, vereinfachenden Sätze, und der Leser schmunzelt und denkt: Ach, wenn der Kleine doch die ganze Wahrheit wüsste! Oder auch: Wie gut, dass es noch nicht so weit ist!

Besprochen von Tilman Krause

Francois Lelord: Hector & Hector und die Geheimnisse des Lebens
Übersetzt von Rolf Pannowitsch
Piper, München 2009
224 Seiten, 16.95 EUR