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Interview / Archiv | Beitrag vom 23.06.2014

Whistleblower"Ich habe meinen Schwur nicht auf die NSA abgelegt"

Auch Thomas Drake folgte seinem Gewissen - lange vor Edward Snowden

Logo des US-Geheimdienstes National Security Agency (picture alliance / dpa)
Das Logo des US-Geheimdienstes National Security Agency (picture alliance / dpa)

Edward Snowden war nicht der erste, der die NSA verriet. Bereits 2005 informierte Thomas Drake die Öffentlichkeit über das Vorgehen des Geheimdienstes - weil er sich seinem Land und nicht der NSA verpflichtet fühlte.

Dieter Kassel: Ein Whistleblower ist jemand, der etwas verrät, was er nicht verraten darf. So einfach ist das juristisch, und deshalb ist es in Wahrheit so kompliziert. Edward Snowden hat viel verraten, was er nicht verraten durfte, und viele Menschen auf der Welt sind ihm dafür sehr dankbar. Gestern wurde ihm, natürlich in Abwesenheit, in Berlin sogar ein Preis verliehen, der extra für ihn erfunden wurde. Aber das kann nur ein schwacher Trost sein für den hohen Preis, den Edward Snowden bezahlen musste und muss.

Vor genau einem Jahr kam Snowden in Moskau an. Ein kurzer Transit-Aufenthalt, so war das geplant, aber seit dem 23. Juni 2013 sitzt er nun in Moskau fest, und für wie lange noch, das weiß niemand. Schon vor ihm hat ein anderer Whistleblower Geheimnisse der NSA verraten: Thomas Drake blieb in den USA, verlor seinen Job, verlor fast sein ganzes Leben und kam vor Gericht.

Laut ursprünglicher Anklage drohte ihm eine Gefängnisstrafe von bis zu 35 Jahren. Am Ende, über Nacht, wurde die Anklage überwiegend fallengelassen, und er bekam ein Jahr auf Bewährung. Thomas Drake ist auf Einladung der Wau-Holland-Stiftung des Chaos Computer Clubs zurzeit in Deutschland und konnte deshalb zu mir ins Studio kommen. Und ich habe ihn zu Beginn unseres Gespräches gefragt, ob er denn vor einem Jahr schon ahnte, dass Edward Snowden bis heute in Moskau festsitzen würde.

Thomas Drake: Ich dachte mir schon, dass das schwierig wird in dem Moment, wo die Amerikaner ihm seinen Pass weggenommen haben, da war mir schon klar, dass es sehr schwierig für ihn werden würde. Man wusste nur damals eben noch überhaupt nicht, wie lange er in Russland bleiben könnte und wie diese Geschichte ausgeht. Mir war schon klar, dass er längere Zeit in Russland bleiben würde. Die Frage, die sich nur damals stellte, war die, wer gewährt ihm zumindest zeitweise Asyl. Und so lange er sich in diesem Transitbereich befand, hat er ja an über 20 Länder Anträge gestellt für ein zeitweiliges Asyl. Letztendlich war es ja nur Russland, das ihm ein Asyl für ein Jahr gewährt hat.

Kassel: Ihre Geschichte ist natürlich in vielen Punkten eine andere als die Geschichte von Edward Snowden. Als Sie begonnen haben im Herbst 2005, Informationen an eine Tageszeitung zu geben, da war Ihnen wichtig, und aus Ihrer Sicht ist das bis heute so geblieben, dass sie keine Dokumente, die unter Geheimhaltung stehen, weitergeben. Das war sicherlich auch der Grund, warum Sie das aus den USA getan haben, quasi von zu Hause aus. Aber war Ihnen damals, 2005, 2006 schon klar, mit welchen Konsequenzen Sie zu rechnen hatten?

Juli 2013: Demokratie-Aktivisten demonstrieren vor dem Bundeskanzleramt in Berlin für den Ex-US-Geheimdienstler Edward Snowden. (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)Juli 2013: Demokratie-Aktivisten demonstrieren vor dem Bundeskanzleramt in Berlin für den Ex-US-Geheimdienstler Edward Snowden. (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)

"Mir war absolut bewusst, dass ich mich zum Verräter mache"

Drake: Es war ganz klar meine Wahl. Ich hatte versucht, sämtliche offizielle Kanäle, die man als Whistleblower normalerweise gehen könnte, alle offiziellen Kanäle auszuschöpfen. Darunter waren eben auch zwei Folgeuntersuchungen zu den Ereignissen des 11. September, bei denen ich auch ausgesagt habe, und es war ein sehr langer Weg, den ich gegangen bin, bevor ich mich dazu entschlossen habe, überhaupt mit einem Reporter zu reden, weil die NSA hat in den Ereignissen vom 11. September gewisse Informationen, die sie hatte, versucht zu vertuschen. Es gab auch gewisse Informationen, die einfach in ihren Databases einfach auch nicht vorhanden waren. Und dann kam es eben dazu, dass ich mich irgendwann dazu entschlossen habe, das zu machen, was man bei uns, in unserer Branche, das "dritte Gleis" nennt, nämlich, mich an die Presse zu wenden, mich an einen Reporter zu wenden. Da war mir aber absolut bewusst, dass ich mich damit sozusagen in gewisser Weise zum Verräter mache und dass man mich auch verfolgen könnte. Mir ging es nur darum, gewisse Dinge öffentlich zu machen.

Es hat beispielsweise eine Veruntreuung von Geldern in Milliardenhöhe gegeben durch die NSA. Das war ein Korruptionsskandal. Das waren alles Dinge, zu denen ich nicht länger schweigen wollte. Und als dann im Dezember 2005 in der "New York Times" ein sehr wichtiger Artikel erschienen ist, der eben auch solche Sicherheitslücken aufmerksam gemacht hat, da war sofort klar, dass das Justizministerium alles unternommen hat, um eine Untersuchung einzuleiten, wo dieses Leck entstanden sein könnte. Und da war mir sofort klar, dass einer der ersten, der zur Zielperson werden könnte, dass das meine Person sein könnte.

Kassel: Es klingt fast schon etwas harmlos, wenn Sie sagen, ich wusste, dass das FBI eine Untersuchung starten würde, und ich wusste, dass ich dann das Objekt dieser Untersuchung sein könnte. Das ist ja auch passiert, aber was bedeutet das praktisch? Was für Erfahrungen haben Sie zum Beispiel mit dem FBI gemacht?

Drake: Die "New York Times" hat dann im Sommer 2010 eigentlich zum ersten Mal veröffentlicht, was damals bei dieser kriminellen Untersuchung, was das Justizministerium damals eigentlich alles aufgefahren hat. Und dieser Artikel, den ich vorher erwähnt hatte, der 2005 veröffentlicht worden ist, da hat die  "New York Times" ja erstmalig darüber berichtet, dass es praktisch ein gigantisches Spionageprogramm gab, das alle Amerikaner ausspähen konnte. Und mir war natürlich ganz klar als Mitarbeiter der NSA, was mir blühte, wenn ich das tue, was wir eben das „dritte Gleis" nennen, das heißt, wenn ich mich an die Presse wende.

Fünf Staatsanwälte und 25 FBI-Mitarbeiter suchten nach der Sicherheitslücke

Und es war dann so, dass es insgesamt fünf Staatsanwälte gab, die sozusagen ständig, 24 Stunden damit beschäftigt waren, diese sogenannte Sicherheitslücke aufzudecken. Und es waren über 25 FBI-Agenten, die ebenfalls daran beteiligt waren. Und im April 2006, als ich versuchte, wie gesagt, mich anonym an einen Reporter von der "Baltimore Sun" zu wenden, da war dann eben klar, dass ich 18 Monate lang überwacht worden war, und zwar einerseits physisch, es gab allein zwei Autos, die immer an meiner Ausfahrt gewartet haben. Das war ganz klar, es handelte sich hier um FBI-Wagen. Aber ich bin eben auch elektronisch überwacht worden.

Mir war dann sehr schnell klar, dass, als im Jahr 2007 meine Kollegin [Name unverständlich, die Red.] in Schwierigkeiten geriet, dass es nur noch eine Frage des Wann sein wird, bis ich als Zielperson mit eingestuft werde, weil die amerikanische Regierung wirklich gnadenlos war. Das Justizministerium wollte unbedingt alles aufdecken, was dazu hatte führen können, dass die  "New York Times" Wind bekommen hatte von diesem gigantischen Überwachungsprogramm. Also es ist schon so, wenn man realisiert, dass die eigene Regierung einen so massiv überwacht und dass man beschuldigt wird, kriminellen Aktivitäten nachzugehen, dann ist das eine sehr, sehr unangenehme Erfahrung, und mir war sofort klar, dass meine Zukunft sehr unsicher sein wird, und ich musste unwillkürlich an solche Überwachungsstaaten denken wie die DDR beispielsweise, die wirklich ein fast faschistoider Überwachungsstaat war. Ich werde nicht vergessen, als ich am 20. September 2007 aufgewacht bin und aus meinem Schlafzimmer schaute, und ich sah, wie ein Dutzend von FBI-Agenten und mehrere Autos vor meinem Haus parkten und man heftig an meine Tür klopfte, da wusste ich, der Albtraum hat begonnen.

Kassel: Mir fällt bei dieser Geschichte nur eine Frage ein, von der ich finde, es ist eine furchtbare Frage, aber es ist eine, die ich Ihnen stellen muss, glaube ich zumindest: Aus jetziger Sicht, Sommer 2014, war es das alles wert?

"Ich habe einen Schwur auf die Verfassung abgelegt, nicht auf die NSA"

Drake: Ja, es hat sich gelohnt, es hat sich auf jeden Fall gelohnt, weil, ich habe einen Schwur auf die Verfassung abgelegt, und ich habe diesen Schwur nicht auf die NSA, nicht auf das Weiße Haus, nicht auf den Präsidenten abgelegt, sondern ich habe einen Schwur auf die amerikanische Verfassung abgelegt, sie eben nicht zu brechen und sie zu schützen. Und wenn meine eigene Regierung einen Verrat an der Verfassung begeht, dann muss ich reagieren. Und wenn man die Ereignisse des 11. Septembers als Entschuldigung benutzt, um die Verfassung zu brechen, dann muss ich etwas dagegen tun. Und ich sitze jetzt vor Ihnen, und ich bin wirklich wohl der einzige Mensch, den man verfolgt hat, den man heimlich überwacht hat, der eben nicht ins Gefängnis gekommen ist. Und die Verantwortlichen, die für diese Ausspionierung beispielsweise verantwortlich waren im Weißen Haus und wo auch immer, all die genießen Immunität. Und ich? Was habe ich getan?

Ich habe nur mich dagegen gewehrt, dass die amerikanische Verfassung und dass elementare amerikanische Werte verletzt werden, und ich bin als Krimineller verfolgt worden. Ich wusste einfach ein paar sehr schmutzige Geheimnisse über das, was die Regierung infolge der Ereignisse des 11. Septembers getan hatte. Und ich wollte mich einfach nicht zum Komplizen machen, und ich schätze mich sehr, sehr glücklich, und ich sage Ihnen das jetzt, wo ich hier in Deutschland sitze und es nimmt mich emotional sehr, sehr mit. Ich bin immer noch frei, und ich bin der erste Whistleblower seit Ellsberg, der verfolgt worden ist, den man einen Kriminellen genannt hat, und trotzdem sitze ich vor Ihnen jetzt hier als ein freier Mensch, der eben nicht ins Gefängnis musste.

Ich empfinde das natürlich als ein sehr, sehr großes Glück, und so ein Gut wie die Freiheit ist einfach sehr, sehr wertvoll, und ich bin ein Zeuge dafür, dass es so was wie individuelle Freiheit gibt, dass man sich auflehnen kann und für Meinungsfreiheit steht. Weil entweder gibt es eine Meinungsfreiheit, oder es gibt sie nicht.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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