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Wessen Haut ist eigentlich hautfarben?

Susan Arndt: "Die 101 wichtigsten Fragen: Rassismus", C.H. Beck, München 2012, 159 Seiten

Kampf gegen den US-Rassismus: Rosa Parks in einem Bus in Montgomery
Kampf gegen den US-Rassismus: Rosa Parks in einem Bus in Montgomery (AP)

Gab es Rassismus schon in der Antike? Gibt es eine Welt ohne Rassismus? Susan Arndt bietet in diesem Buch Einblicke in Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Rassismus, in das Wissen, das ihn trägt und jenes, das ihn hinterfragt.

Rassen gibt es beim Menschen nicht, da ist sich die Wissenschaft mittlerweile einig. Was es noch gibt, ist Rassismus – die Geringschätzung und Benachteiligung von Menschen aufgrund einer ihnen zugeschriebenen "Rasse", oder meist simpler: aufgrund einer an ihnen wahrgenommenen Hautfarbe.

Dass das Problem Rassismus nicht nur Restbestände von Ewiggestrigen oder marginale rechtsextreme Kreise betrifft, führt das neue Buch der Anglistin und Afrika-Spezialistin Susan Arndt sehr wirkungsvoll vor Augen. Denn Rassismus ist nicht einfach eine Haltung, die der aufgeklärte Zeitgenosse leicht von sich weisen kann, sondern auch eine Struktur, die tief in der Geschichte Europas und des Rests der Welt eingelagert ist.

Schon die Tatsache, dass sich "weiße" Mitteleuropäer mit Rassismus im allgemeinen nicht auseinandersetzen müssen, ist ein Privileg, das sie oft blind macht für die vielen kleinen rassistischen Erbstücke, die in unserer Kultur nach wie vor existieren. Das fängt schon bei der Unterscheidung zwischen "weißen" und "schwarzen" Menschen an.

Jeder, der auch nur kurz darüber nachdenkt, weiß, dass die Hautfarbe von eingeborenen Mitteleuropäern nicht "weiß", sondern eher rosa bis beige ist. Eine Tatsache, der auch mit dem Begriff "Hautfarbe" Rechnung getragen wird – typischerweise bekommt ja, wer nach "hautfarbener" Unterwäsche fragt, keine weiße Wäsche vorgelegt, sondern eben beige.

Es bedarf also beträchtlicher Phantasie, wenn man einen der vielen Töne im Spektrum der menschlichen Pigmentierung als "weiß" einstuft – eine Phantasie, die nicht zuletzt auf die christliche Farbsymbolik zurückgeht, wie Arndt zeigt, und mit dem Selbstverständnis von Europäern als guten, reinen und unschuldigen Christen zu tun hat.

Susan Arndts Buch enthält solche grundsätzlichen Überlegungen, aber auch viele Details. Wie der Titel schon besagt ist es in "101 wichtigste Fragen" und ihre Antworten gegliedert: Die kurzen Abschnitte behandeln knapp und prägnant unterschiedliche Aspekte des Themas. So die Geschichte des Rassismus bis zurück in die Antike und in seiner wissenschaftlichen Entwicklung im 19. Jahrhundert, die Geschichte des transatlantischen Sklavenhandels und des europäischen Kolonialismus, inklusive bis heute wirksamer kolonialer Fantasien, etwa über "edle Wilde" und "primitive Völker".

Manche Abschnitte enthalten biographische Vignetten zu wichtigen – und oft vergessenen – Figuren, etwa zu der schwarzen amerikanischen Abolitionistin Sojourner Truth oder zum ersten schwarzen Philosophieprofessor in Deutschland im 18. Jahrhundert (!), Anton Wilhelm Amo.

Wieder andere Fragen definieren die unterschiedlichen Formen rassistischer Diskriminierung (etwa Antisemitismus und "Antiziganismus"), erläutern die Problematik rassistischer Sprache und wie man sie vermeiden kann, oder diskutieren die aktuelle Lage der Antidiskriminierungsgesetzgebung.

Der schmale Band ist stellenweise sperrig und oft bedrückend, in der Masse an Unrechtsgeschichte, die er ins Bewusstsein bringt, aber er bietet einen sehr informativen Einblick in wichtige und hierzulande noch immer zu wenig diskutierte Fragen. Kein schönes Thema, aber unbedingt empfehlenswert.

Besprochen von Catherine Newmark

Susan Arndt: Die 101 wichtigsten Fragen: Rassismus
C.H. Beck, München 2012
159 Seiten, 10,95 Euro

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