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Radiofeuilleton - Wissenschaft und Technik / Archiv | Beitrag vom 05.10.2013

Wertvolles Fett

Neue Studie liefert Hinweise auf positive Wirkung einer fettreichen Diät

Von Sigrun Damas

Olivenöl, aber auch Raps- oder Leinöl, Sahne und Butter sind wichtige Bestandteile einer ketogenen Diät. (picture alliance / Hans Ringhofer / picturedesk.com)
Olivenöl, aber auch Raps- oder Leinöl, Sahne und Butter sind wichtige Bestandteile einer ketogenen Diät. (picture alliance / Hans Ringhofer / picturedesk.com)

Die so genannte ketogene Ernährung - viel Fett, wenig Kohlenhydrate - soll für bessere Blutfettwerte und einen wacheren Geist sorgen. Das belegt eine Studie der Berliner Charité. Die Erkenntnisse könnten vor allem Menschen mit Multipler Sklerose helfen.

Hauptsache Fett. Kristof Wagner hat beim Einkaufen ungewöhnliche Vorlieben entwickelt: Olivenöl, Rapsöl, Leinöl, Sahne und Butter landen in rauen Mengen in seinem Korb. 60 bis 80 Prozent seiner täglichen Nahrung bestehen inzwischen aus Fett.

Kristof Wagner: "Das ist erst mal gewöhnungsbedürftig. In den ersten Zeiten bin ich wahnsinnig müde geworden, weil das so schwer ist. Aber das pegelt sich ein. Und man merkt schon: es ändert sich was im Körper."

Auf seinem Speiseplan stehen außerdem jetzt viel frisches Gemüse, aber auch eiweißreiche Lebensmittel wie Fleisch und Milch. Was darin völlig fehlt sind Kohlenhydrate. Keine Nudeln, keine Kartoffeln, kein Reis, kein Brot, keine Säfte und vor allem keine Süßigkeiten. Ketogene Ernährung nennen Experten diese ungewöhnliche Kost. Und bei Kristof Wagner ist sie sogar ärztlich verordnet. Denn er hat Multiple Sklerose (MS), eine fortschreitende Erkrankung der Nerven. Die ketogene Ernährung soll dabei helfen, seine Krankheit aufzuhalten. Das ist zumindest die Hoffnung von Friedemann Paul, Neurologe am Exzellenzcluster Neurocure der Charité Berlin.

"Wir vermuten, dass diese Ernährungsumstellung zu einer schonenderen Verwertung im Gehirn führt. Und dass diese bessere Verwertung der Energie fürs Gehirn schützend ist vor schädlichen Einflüssen."

Deswegen haben die Berliner Neurologen eine Ernährungsstudie mit Kristof Wagner und 60 anderen MS-Patienten durchgeführt – viel Fett, kaum Kohlenhydrate. Bei Kindern mit Epilepsie ist die ketogene Diät als Therapie bereits etabliert. Jetzt wollen Forscher herausfinden, ob sie auch bei anderen Nervenerkrankungen einen positiven Effekt haben kann. Und es gibt Hinweise dafür.

Friedemann Paul: "Was wir heute wissen, dass bei vielen neurologischen Erkrankungen - MS, Parkinson, Alzheimer - oxidativer Stress eine Rolle spielt. Und die Vermutung im Moment ist, dass ein Zuviel an Kohlenhydraten eher diesen oxidativen Stress triggert. Wohingegen eine ketogene Ernährung eher den oxidativen Stress dämpft – also nervenschützend wirken könnte."

Oxidativer Stress – so die Vermutung der Forscher – entsteht im Gehirn immer dann, wenn der Körper zu viele und zu häufig Kohlenhydrate bekommt. Die Kraftwerke der Nervenzelle, die Mitochondrien, arbeiten dann ständig auf Hochtouren und verschleißen dabei. Das schädigt die Nervenzelle. Wer sich dagegen ketogen ernährt, also die Kohlenhydrate weglässt, der gaukelt seinem Körper eine Art Hungersnot vor. Er stellt jetzt eine Art Ersatztreibstoff für das Gehirn her: die Ketone. Sie spenden dem Gehirn Energie. Mit einem Vorteil: Der oxidative Stress bleibt aus.

Paul: "Man könnte sagen: Die Energieeffizienz steigt. Mit der ketogenen Diät kann der Körper die bereitgestellte Energie besser und effizienter verwerten."

Die ketogene Ernährung hat aber auch Kritiker. Wer sich so ernähre, sagen sie, könne Verdauungsprobleme, Stoffwechselstörungen und Leberschäden bekommen. Der Neurologe Friedemann Paul hält diese Risiken aber für vergleichsweise gering.

"Auch die konventionelle Ernährung hat ja Risiken, wenn wir sie zu viel betreiben. Fettleibigkeit, KH-Krankheiten. Auch unsere normale Diät hat ja Risiken. Und letztlich hat auch die ketogene Diät Risiken. Und deswegen ist es gut, dass nicht ohne ärztliche Betreuung zu machen. Es gibt auch Gruppen, denen man das nicht empfehlen würde: nicht gut behandelter Diabetes..."

Inzwischen ist die Studie abgeschlossen. Die Ergebnisse sind auch für die Forscher überraschend positiv. Eine Erkenntnis: viel Fett macht nicht fett. Denn die Auswertung zeigt,

"dass es bei vielen zu einer positiven Gewichtsabnahme kam. Viele haben berichtet, dass ihre geistige Wachsamkeit deutlich zugenommen hat. Der beeindruckendste Fund ist die gegen unsere Erwartung Verbesserung der Blutfette. Was zeigt, dass diese Therapie einen starken biologischen Nutzen hat. Und das ist der Hauptgrund zu sagen, wir müssen eine Folgestudie machen."

Denn die Studie hat die MS-Patienten nur sechs Monate lang begleitet – zu kurz, um eine Aussage darüber zu treffen, ob denn auch die geschädigten Nerven von einer ketogenen Kost profitieren. Die Forscher hoffen, Gelder für eine Folgestudie sammeln zu können:

"Das bedeutet aber auch, dass so eine Studie deutlich teurer wird als so eine kleine wie jetzt. Und da haben wir das große Problem, dass wir für so eine Studie kaum Gelder bekommen. Der große Teil der Forschung kommt von der Pharmaindustrie, die natürlich kommerzielle Interessen haben. Die können mit dieser Studie nicht bedient werden."

Denn eine bestimmte Ernährungsweise lässt sich nun mal nicht verkaufen. Mit oder ohne Folgestudie – Studienteilnehmer Kristof Wagner hat seine persönliche Entscheidung schon getroffen. Er will weiterhin viel gesunde Fette essen und auf Kohlenhydrate verzichten. Denn seine anfängliche Müdigkeit hat sich inzwischen ins Gegenteil verkehrt. Er fühlt sich so frisch wie schon lange nicht.

Wagner: "Ich kann jetzt wieder richtig lange gehen. Nicht nur zur nächsten Straßenbahn, sondern richtig weite Wege. Das ist schon toll."

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