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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 03.05.2015

Wenn Pferde beim Rennsport verunglückenKein Requiem für Simply Jonathan

Von Florian Felix Weyh

Der "Crabbies 2015 Grand National" in Liverpool (picture alliance / dpa / Peter Powell)
Die Würde von Mensch und Tier in Einklang bringen. (picture alliance / dpa / Peter Powell)

In Südtirol verunglückt ein Pferd auf der Rennbahn und stirbt. Auch in Deutschland kommen regelmäßig Pferde bei Rennen zu Schaden, im Vergleich zu Skandinavien sinkt hier aber die Popularität. Pferderennen – ein Sport der Begeisterung auslöst und Leid hinnimmt.

Musik: "Hans Freese und sein Rennbahn-Orchester ´Traberlied`: Trab mein Pferdchen schnell zum Ziel / denn wir wollen siegen!`“

Maximilian Pick: "Der Hengst ist in Frankreich gelaufen mit zwei Jahren und hat über 200.000 Euro gewonnen."

Musik:Zahlt der Toto auch nicht viel / wir woll’n vorne liegen. / Ist die Konkurrenz auch groß / will man uns erdrücken / da wär doch der Teufel los / sollt es uns nicht glücken!“

Pick: "Und dann ist etwas passiert, was bei sehr vielen Vollblütern passiert: Er hat einen Sehnenschaden bekommen. Sie sehen hier vorne: Die Sehne sieht anders aus wie hier! Das ist also ein chronischer Sehnenschaden."

Musik: "Auf die Plätze eins, zwei, ab! / trab mein Pferdchen, trabtrabtrab / Nur nicht springen, ruhig Blut / dann wird alles gut!"

Pick: "Wenn man ein Pferd hat, das so gut ist, und das dann einen Schaden bekommt, dann ist das kein gutes Zeichen für den Trainer. Aber es ist halt so, weil die Pferde an ihrer Höchstleistung laufen. Und dann hat er ihn zu uns gebracht, der Besitzer, hat gesagt: ´Was mach ich denn? Sie sind doch Tierarzt, Sie können mir vielleicht raten?` Dann hab ich die Sehne gesehen, habe ich gesagt: ´Da gibt’s nichts zu raten, das Pferd wird nie wieder Rennpferd werden, das ist aus!`"

Stephan Lebert: "1974 ging das bei mir los. Mein Vater hatte... ist regelmäßig auf die Rennbahn gegangen und hat mich da mitgenommen und das hat mich von Anfang an fasziniert und gepackt, und das ist bis heute so geblieben. Ich bin jetzt also fast schon im 40. Jahr auf der Rennbahn."  

Pick: "Die haben also alle bisschen Dachschaden, und der nicht! Der hat den Menschen noch nicht so als Mörder entdeckt, die wir ja sind."

Lebert: "Es ist die Mischung! Es ist das, dass man dahin geht und für vier, fünf Stunden wirklich eine andere Welt betritt und wirklich abschalten kann wie nichts sonst."

Hagendorff: "Die Pferde sind unglaublich hektisch, sind unglaublich nervös, sie sind gestresst. Die Halter müssen also wirklich gut aufpassen, dass die Pferde nicht ausbrechen. Wenn man den Pferden in die Augen schaut, dann denk ich, sieht man, dass sie sich nicht wohlfühlen."

Familienidyll mit Pferden. Sonntagnachmittag auf der Rennbahn.

Astrid Frank: "Man kriegt die Pferde gezeigt, im Vorführring. Dann kann man sich sein persönlichen Favoriten aussuchen, entweder mit dem Glückslos oder indem man wirklich Ahnung hat. Das alles spricht natürlich auch diese Familienunterhaltung an."

Astrid Frank, Köln. Biologin und Autorin kritischer Pferdebücher für Jugendliche.

"Das ist natürlich was, was man als Familie machen kann, sagen kann: ´Findest du den Fuchs schön oder den Rappen? Auf wen sollen wir setzen?` Da kann man die Kinder mit auch involvieren. Und die können ihr Interesse kundtun. Da geht’s ums Rennen allein ja nicht. Es geht ja auch um die ganze Atmosphäre vorher und nachher."

Christine Felsinger: "Wenn Sie daran denken, dass es mal eine sehr fleißig geschaute Fernsehserie ´Rivalen der Rennbahn` gab, wo wirklich die Creme dé la Creme der deutschen Schauspieler in einer Abendserie aufgetreten ist, in diesem Rennbahnzirkus. Da hatte das Ganze noch einen gewissen gesellschaftlichen Nimbus."

Christine Felsinger, Stuttgart. Fachjournalistin und langjährige Chefredakteurin der Zeitschrift "Cavallo".

"Inzwischen ist es doch so, dass viele Rennbahnen schließen müssen, dass Rennbahnen tatsächlich auch Schwierigkeiten haben, noch Publikum anzuziehen."

Pferderennbahn in Südtirol (Foto: Florian Felix Weyh)Ticekt von der Pferderennbahn in Südtirol (Foto: Florian Felix Weyh)

Familienidyll mit Pferden: 3. August 2014, Sommerurlaub in Südtirol – mal etwas ganz anderes machen an diesem Sonntagnachmittag! Das Ippodromo di Merano, die Pferderennbahn in Meran, liegt eingebettet zwischen Bergen, eine landschaftsarchitektonisch wunderschöne Anlage. Der Putz an den Gebäuden bröckelt zwar deutlich, aber das trübt nicht die vital-fröhliche Rennbahnatmosphäre.

Pick: "Der Hintergrund der Rennen sind eigentlich zwei: Einmal will man eine gute, harte Pferderasse züchten, da gibt’s die sogenannten Zuchtrennen."

Dr. Maximilien Pick. Ehemaliger Rennbahntierarzt in München-Riem. Fachtierarzt für Pferde und Fachtierarzt für Tierschutz.

"Aber es gibt die breite Masse der Ausgleichsrennen. Ausgleichsrennen heißt, dass ein schlechtes Pferd wenig Gewicht trägt, ein gutes Pferd viel Gewicht trägt. Im Idealfall kommen die zwölf Pferde, die da starten, in einer Linie durchs Ziel. Was natürlich der Fall ist, weil es halt dann doch Unwägbarkeiten gibt. Das nennt man Ausgleichsrennen, die haben mit der Zucht eigentlich nichts zu tun! Und das ist die Mehrzahl der Rennen. Da geht’s nur um Geld!"

Stephan Lebert: "Bei normalen Rennen kriegt der Sieger so zwei-, dreitausend Euro, und der Zweite kriegt dann tausend oder achthundert."

Stephan Lebert. Seit seiner Kindheit begeisterter Rennbahnbesucher und zeitweiliger Mitbesitzer eines Rennpferd. Im Hauptberuf Redakteur bei der Wochenzeitung "Die Zeit".

"Das kann sich ein ´Zeit`-Redakteur nur deshalb leisten, weil wir zu siebt waren, und dann geht es. Wir haben damals einen gekauft, der kostete 12.000, und der kostete im Monat 1.200 Euro. So was, ja? Aber 1.200 Euro ist einfach too much für einen alleine, zumindest bei der ´Zeit`. Aber wenn man dann 250 sagt, dann geht’s... unvernünftig ist es total, aber es hat sensationellen Spaß gemacht!"

18 Pferden laufen ein "Cross-Country"

Geld, jedoch in kleiner Münze, investiert die Urlauberfamilie auch – ebenfalls um Spaß zu haben. Im vierten Lauf dieses Meraner Renntags setzen die Kinder zwei Euro auf Zulu King und zwei auf Romis. Im Gegensatz zum vor­an­ge­gan­genen Rennen mit 18 Startpferden ist dies ein "Cross-Country"-Lauf, über Hür­den. Eine Herausforderung für die tierischen Athleten.

Pick: "Die Hürden stehen natürlich im Weg, und sie haben gar keine Möglichkeit mehr zu taxieren."

Felsinger: "Denn man muss sich einfach vor Augen halten, dass es ein großer Unterschied ist, ob ein Pferd ein so genanntes Flachrennen geht, wo keine Hindernisse stehen, oder ob da auch noch Hindernisse stehen, die in wirklich rasanter Geschwindigkeit überwunden werden müssen."

Pick: "Wenn wir normale Turnierreiter auf ein Hindernis zureiten, dann versuchen wir, es dem Pferd passend zu machen. Also wir schätzen ab: Jetzt haben wir noch drei Galoppsprün­ge, eins – zwei – drei – hopp! Dann ist das dem Pferd passend gemacht. Aber wenn ein Pferd im vollen Tempo gegen ein Hindernis rast, dann hat es diese Möglichkeit nicht."

Lebert: "Bei Hürdenrennen kann man sich wieder streiten, mag ich jetzt persönlich nicht. Aber das ist schon ne Welt, wo ich glauben – würd ich jetzt mal behaupten! –, wenn Pferde selber abstimmen könnten, würden sie nicht dafür stimmen, dass das verboten gehört."

Pick. "Und wenn der Absprung nicht passt, wenn er zu früh kommt oder wenn er zu spät kommt, dann besteht die Gefahr, dass das Pferd stürzt."

Das Meraner Rennen dauert insgesamt weniger als drei Minuten. Schon nach fünf­zehn Sekunden ist der erste Wetteinsatz verloren: Zulu King stürzt hinter der ersten Hürde und scheidet aus. Das ist zwar ärgerlich, aber spannender als erwartet: Was wird noch passieren? Kommen die anderen an?

Peter Höffken: "Das Traurige ist auch, dass viele Zuschauer das schon einkalkulieren. Viele wollen so was auch sehen, sind ein bisschen sensationslüstern und wissen: Ja, da kann es zu Unfällen kommen. Dann geht natürlich ein Raunen durchs Publikum."

Peter Höffken. Zuständiger Referent für "Tiere in der Unterhaltungsbranche" bei der Tierschutzorganisation PETA, Stuttgart.

"Aber die Zuschauer nehmen das heutzutage hin, weil man einfach davon ausgeht, dass das zum Pferderennen gehört. Und das ist natürlich eine falsche Entwicklung, der wir auch entgegentreten möchten."

Thilo Hagendorff: "Ich denk, die Pferde werden in allererster Linie einfach als Sportgeräte betrachtet. Sie werden auch wie Sportgeräte optimiert und behandelt und sie werden als Sportgeräte sicherlich auch sehr geachtet und sehr respektiert! Aber eben nicht darüber hinaus."

Thilo Hagendorff, Soziologe und Tierethiker an der Universität Tübingen.

Felsinger: "Es wird kein Reiter, der einigermaßen bei Verstand ist, behaupten, das Pferd sei nur ein Sportgerät. Auch Sportreiter wissen ganz genau, wenn sie ihr Pferd nur als Sportgerät betrachten, werden sie mit dieser Herangehensweise von ihrem Pferd nicht die Leistung erwarten können, die sie im Sport auch verlangen müssen. Also nur Sportgerät, da fährt wirklich die Kiste an die Wand, wenn die Reiter ihr Pferd so definieren."

Stürze und Kreischen am Rande der Rennbahn

An der letzten Hürde, kurz vor der Zielgeraden, kommt es für die Zuschauer auf der Meraner Tribüne – zumindest für die ohne Fernglas – zu einer zunächst unübersichtlichen Situation. Ein kleines Kind begreift es als erstes. Es kreischt, immer wie­der. In diesem Moment geht der zweite Wetteinsatz verloren. Romis stürzt wie zuvor Zulu King, rollt sich ab, rappelt sich wieder hoch. Während des Sekundenbruchteils am Boden fällt Simply Jonathan über Romis. Ein drittes Pferd stolpert und wirft dabei seinen Jockey ab, läuft aber weiter. Alle drei Reiter bleiben unversehrt.

Simply Jonathan rührt sich nicht mehr. Simply Jonathan ist tot.

Pferderennbahn Meran in Südtirol (Foto: Florian Felix Weyh)Das verunglückte Pferd Simply Jonathan auf der Pferderennbahn Meran in Südtirol. (Foto: Florian Felix Weyh)

Das Rennen, ohnehin nur noch ein paar Sekunden im Gang, geht weiter. Der Stadionsprecher ignoriert den Vorfall. Drei gestürzte Pferde, eines tot – das ist offenbar nicht von Belang. Dutzende von Zuschauern strömen an den Ort des Geschehens. Aus etwa 100 Meter Entfernung können sie Folgendes erleben: Zunächst einmal sehen sie einen absolut wütenden Jockey...

Höffken: "Wir haben auch noch keine Tränen der Trauer bei irgendeinem Pferdebesitzer oder Jockey gesehen, der in so einem professionellen Rennsport sein Tier verliert."

Jutta Pick: "Das ist einfach passiert! Was wollen Sie dann hinterher noch machen? Ich mein, Sie können den Jockey nicht bestrafen, weil er sich im Moment geärgert hat."

Jutta Pick, ehemalige Amateur-Rennreiterin, heute aktiv in der Rennleitung der Galopprennbahn München Riem. Gattin von Maximilian Pick, dem ehemaligen Rennbahntierzart.

Pick: "Ich find’s entsetzlich, ich find’s ganz, ganz fürchterlich. Aber es ist leider nicht zu verhindern. Ich mein, ich bin froh, dass wir in München keine Hindernisrennen mehr haben, muss ich sagen! Also da hab ich jedes Mal vorher eigentlich Angst gehabt, dass mal irgendwas passiert."

Auf den wütenden Jockey folgt ein ebenfalls stinkwütender Mann in gepflegter Klei­dung – offenkundig der Pferdebesitzer. Einige Minuten später kommt dann noch eine junge Frau herbeigeeilt. Tränen laufen ihre Wangen hinab. Die Pferdepflegerin. Vermutlich.

Maximilian Pick: "Nur wenn’s Frauen sind – und junge Frauen sind! –, die haben noch eine Beziehung zum Pferd. Die älteren Damen, die wollen ihre Hüte präsentieren, sie klopfen ihrem verschreckten und verängstigen Pferd noch auf den Hals und sehen aber diese verschreckten Augen des Pferdes gar nicht. Die haben kein Gefühl für Pferde! Für die sind Pferde nur Prestigeobjekte!"

...sagt Maximilian Pick. In Meran ist derweil Schluss mit der Transparenz. Helfer errichten eine Spanische Wand, obwohl sich dahinter gar nichts Schlimmeres mehr ereignen kann. Simply Jonathan ist schließlich schon tot. Der Aufbau scheint einer geübten Routine zu folgen.

Lebert: "Ich hab das neulich auch gesehen, in Hoppegarten, in Berlin, da ist ein Pferd gestürzt oder – es war gar nicht ersichtlich! – hat’s einen Herzkollaps oder was gehabt? Auf jeden Fall lag’s da. Und das war schon schrecklich, weil die ziehen dann professionell eine Wand auf, eine riesige Wand, und dahinter weiß man dann, was geschieht."

Maximilian Pick. "Das Direktorium verlangt, dass man, bevor man das Pferd einschläfert, eine spanische Wand aufstellt. Ich hab gesagt: ´Ich schläfere das Pferd dann ein, wenn es geht! Ich warte nicht auf die Spanische Wand!` Und hab das Pferd meistens schneller eingeschläfert, eh die spanische Wand da war, weil ich... die Leute sollen ruhig sehen, was auf der Rennbahn vor sich geht."

Lebert: "So denkt man: Was machen denn die da, ja? Also das sind schon Momente, die grausig sind, das finde ich auch."

Musik: "Trab mein Pferdchen schnell zum Ziel / denn wir wollen siegen! / Zahlt der Toto auch nicht viel / wir woll’n vorne liegen. / Ist die Konkurrenz auch groß / will man uns erdrücken / da wär doch der Teufel los / sollt es uns nicht glücken!"

Entsorgung eines Pferdes

Kein Requiem für Simply Jonathan. Sondern stattdessen eine Entsorgung. Mit einem Frontlader...

Frank: "Es wird ein Kadaver von 500 Kilo entsorgt, der einfach auch anders ja nicht weg zu transportieren wäre."

...wird das Tier aufgeladen und fortgeschafft. Das nächste Rennen findet fast plan­mäßig statt. Ich... bin bestürzt. Ich bin kein Pferdenarr. Ich reite nicht und war im Leben nur ein halbes Dutzend Mal auf Rennbahnen – als Begleiter, zum puren Zeitvertreib, ohne suchtartige Leidenschaften. Mithin ein Teil jenes Publikums, über dessen Ausbleiben die Rennver­an­stalter klagen, denn der Branche geht es wirtschaftlich miserabel.

Lebert: "Es ist ja insgesamt ein Niedergang! Als Fan muss ich das Wort ´leider` sagen. Im Gegensatz zu Frankreich und Schweden und Amerika, wo’s nach wie vor boomt, ist es Deutschland am Sterben eigentlich. Ein sterbendes Milieu. Weil es ist irgendwie auch untypisch: Man wartet eine halbe Stunde, bis das nächste Rennen ist. Man muss sich ein bisschen beschäftigen damit und so. Man kann nicht konkurrieren gegen die Unterhaltungsindustrie, wo ununterbrochen was passiert."

Es sei denn, es passiert das Exzeptionelle, das Tragische, der Unfall als Garant von Spannung. Ich kann mich nicht freisprechen: Als Zulu King an der ersten Hürde strauchelt, treibt das meinen Adrenalinspiegel hoch. Doch nicht aus Empörung, sondern aus Sensationsgier. Meine Stimmung kippt erst in dem Moment in Bestür­zung um, als ich den leblosen Kör­per von Simply Jonathan unweit von mir liegen sehe. Eben noch majestätisch, mächtig und vital – jetzt ein Kadaver. Der Bruch in der Wahrnehmung ist kaum zu bewältigen.

Lebert: "Pferde – und das kann man wirklich als langjähriger Beobachter sehen – Pferde sind, wenn man in so einem Stall ist, die vibrieren, die sind aufgeregt! Das sieht man vorm Rennen. Aber die sind aufgeregt, nicht weil sie Angst haben, sondern weil sie wie Leistungssportler wie vorm 100-Meter-Lauf sind."

Maximilian Pick: "Nein! Sie haben Angst! Sie sind voller Angst! Die Rennpferde sind voller Angst! Man spricht vom Angstherz des Vollblüters. Das ist ein stehender Ausdruck."

Lebert: "Das kann jetzt ein bisschen romantisch gefärbter Blick von mir sein, aber ich bin da doch deutlich dieser Meinung!"

Jutta Pick: "Das Rennen selber ist… das geht so schnell vorbei! Das ist irgendwo auch faszinierend, Aber das Training hat mich so fasziniert. Ich hab allerdings mit meinem Pferd ein bisschen mehr gemacht wie normalerweise gemacht wird. Ich bin mit ihm noch spazieren geritten und hab’s auch immer auf die Koppel gebracht. Aber die Geschwindigkeit ist schon auch irgendwo berauschend. Und es ist ein unheimliches Gefühl, auf einem Pferd, was schön galoppiert, zu galoppieren."

Meine Bestürzung wird nicht geringer, als ich später entdecke, dass der Meraner Rennveranstalter das komplette Rennvideo auf seiner eigenen Webseite ins Internet gestellt hat – inklusive aller Stürze, inklusive des regungslos liegengebliebenen Simply Jona­than.

Maximilian Pick: "Die Rennbahner haben gar kein Unrechtsbewusstsein."

Felsinger: "In der Tat muss man vermuten, wenn Videos von solchen Vorgängen nach wie vor im Netz sind, dass ein Unrechtsbewusstsein da nicht vorhanden ist und dass auch das als Normalität letztendlich hingenommen wird. Das ist im Rennsport tatsächlich ein großes Problem."

"Mistgabel" für die Pferderennban

Aber spiele ich vielleicht nur einen zufällig miterlebten Einzelfall hoch? Das wäre immerhin möglich – ist aber nicht so. Die Zeitschrift "Cavallo", so erzählt mir Chri­stine Felsinger, verlieh genau dieser Meraner Rennbahn schon einmal den Negativpreis "Mistgabel". Warum?

Felsinger: "Im Jahr 2012 war es so, dass Anfang September in Südtirol auf dieser Meraner Rennbahn zwei Galopper tödlich verunglückt sind. Sie mussten nach Stürzen bei verschiedenen Hindernisrennen eingeschläfert werden. Und man muss eben auch sehen, dass in beiden Rennen von jeweils sechs gestarteten Pferden nur zwei beziehungsweise drei ins Ziel kamen."

Und bevor die Zeitschrift die "Mistgabel" verlieh, versuchte sie damals, die Umstän­de zu ergründen.

Felsinger: "Wir mussten feststellen, dass es unglaublich schwierig war, durch das Dickicht an Mauern zu gelangen. Die Informanten, die unser italienischer Autor herbeigezogen hat, waren dann auch nicht mehr erreichbar. Also es war schon ganz stark spürbar, dass da einfach versucht wird, Stillschweigen zu wahren und dass da irgendwo auch alle unter einer Decke stecken. Das, was wir auch in der ´Mistgabel`thematisiert haben, haben wir dann auch von Stuttgart aus noch einmal nachrecherchiert und mit Hilfe einer italienischen Tierschutzvereinigung den Text so verfasst, wie wir ihn verfassen konnten."

Damals hieß es:

"Sonny Richichi von der italienischen Tierschutzvereinigung IHP sieht eine der Hauptursachen für derartige Unfälle darin, dass unzureichend trainierte Pferde auf die Meraner Hindernisbahn geschickt würden. (...) Ein einziges schlecht geschultes Pferd ist auf so einem Rennkurs nicht nur eine Gefahr für sich selbst, sondern auch für alle anderen Pferde und ihre Reiter."

Höffken: "Man muss aber wirklich sich vor Augen halten, dass die Pferde ja auch dafür gezüchtet sind, entweder schnell zu rennen oder auch gut springen zu können. Das sind also ganz verschiedene Ausprägungen. Nicht destotrotz bedingt auch diese Zucht, dass die Tiere teilweise sich auch gar nicht mehr richtig in der Balance halten können."

Man könnte noch einen Einwand vorbringen, dass man nämlich ausländische Ereignisse nicht unzulässig auf deutsche Verhältnisse übertragen dürfe. Meran liegt in Südtirol, Südtirol ist Italien. Doch der Einwand ist nicht stichhaltig.

Höffken: "Das waren 46 Tiere, die für Galopprennen in Deutschland auf den Bahnen oder unmittelbar nach Bahnen gestorben sind."

... erläutert Peter Höffken von der Tierschutzorganisation PETA die Erkenntnisse eine Zweijahresuntersuchung.

Höffken: "Es gab zwischen 2011 und 2013 eine bestimmte Anzahl von toten Tieren für Galopprennen, und diese Anzahl wurde auf den Verbändeseiten selber publiziert. Das heißt also, wir haben von Woche zu Woche jedes Pferderennen durchgesehen und haben letztendlich feststellen können: Wie hoch ist denn die Anzahl der Tiere, die unmittelbar auf oder nach dem Galopprennen sterben in Deutschland?"

Maximilian Pick: "Ich war 20 Jahre lang auf der Rennbahn Tierarzt, ich hab jedes Jahr so drei, vier Pferde auf dem Geläuf eingeschläfert. Drei bis vier, und das mal zwanzig, nicht … also so viele Pferde habe ich dann ungefähr eingeschläfert."

Felsinger: "Ich habe jetzt die Erfahrung gemacht bei einer Recherche zum Thema ´alte Pferde`, dass das Durchschnittsalter der Gesamtpopulation sehr stark zugenommen hat. Gleich­zeitig sagen aber Versicherungsverbände, das Durchschnittsalter des deutschen Reitpferds hat im Prinzip abgenommen. Wobei die eben auch vor allem die Sportpferde betrachten. Also insofern ist es sehr, sehr schwierig, da tatsächlich eine stichhaltige Zahl zu nennen. Und das würde ich definitiv nicht machen wollen!"

Maximilian Pick: "Ich arbeite auch PETA relativ viel zu, aber ich bin zum Beispiel nicht der Meinung, dass man die Pferderennen ganz verbieten sollte, wie PETA das fordert."

Höffken: "Wir setzen uns für ein Ende des Pferderennsports ein. Dazu gehört also nicht nur die Galopprennen, die oftmals tödlich enden. Dazu gehört die Vielseitigkeit, wo viele Stürze an der Tagesordnung sind, und natürlich auch die Trabrennen. Diese Spitzen der Tierquälerei, die synonym für uns sind mit dem professionellen Pferderennsport, die sollten verboten werden."

Lebert: "Die Idylle Reitpferd, also das kann es geben? Aber was sollen Pferde in der modernen Welt tun?"

Maximilian Pick: "Ich meine, Pferderennen sind eine wunderschöne Sache. Nur: Sie müssen halt nach dem Tierschutzgesetz stattfinden und nicht gegen das Tierschutzgesetz! Und die Pferderennen sind nicht tierschutzgerecht."

Musik: "Noch ein Speed mit letzter Kraft"

...ein Speed, der sich nicht von selbst einstellt.

Maximilian Pick: "Es steht im Tierschutzgesetz drin: ´Niemand darf einem Pferd ohne vernünftigen Grund Schmerzen bereiten.` Und die Peitsche verursacht Schmerzen."

Musik: "Gleich mein Pferdchen ist’s geschafft"

Geschafft ist das Pferd. Aber nur, wenn man es dazu zwingt.

Lebert: "In Norwegen und Schweden ist es verboten, und da gibt es Probleme, dass Pferde – Tierschützer müssen jetzt mal weghören! – die gewohnt sind, dass sie zum Schluss aufgefordert werden, die dann sich nicht motivieren lassen: ´Ah, heute gibt’s keine Peitsche! Also bleib ich auch weg!` Gibt also große Pferde, die in Skandinavien gar nicht an den Start gehen."

Musik: "Nun durchs Ziel, wir halten Wort / Dreimal hoch der Trabersport"

Maximilian Pick: "Jeder, dem ich mit der Peitsche eine rüberziehen würde, würde ´Au!` schreien. Und die Pferde schreiben eben nicht `Au!`. Wenn sie ´Au!` schreien würden, wäre die Rennbahn ein einziges Geschrei."

Lebert: "Aber ich wär sofort dafür sie abzuschaffen!"

Maximilian Pick, der langjährige Münchner Rennbahntierarzt, erzählt, er habe vor vielen Jahren einmal einem Traberverein 10.000 Mark geboten, wenn dieser ein Rennen ohne Peitsche durchführe. Ein einziges Rennen.

"Er hat’s abgelehnt. Und er hätte dringend die 10.000 DM gebraucht. Er war nicht imstande, das durchzuführen."

Vielleicht aber wären Rennveranstalter – jenseits der radikalen Selbstauflösung, wie sie PETA fordert – im Unglücksfall wenigstens dazu imstande, die Würde des Tieres durch ein vorbereitetes Ritual zu respektieren?

Lebert: "Eigentlich glaube ich, haben Sie recht, man müsste sich was überlegen. Zum Beispiel, ne Musik fänd ich gut, ja? Wenn man die spielt. Wenn man es abbricht die Veranstaltung... weiß ich nicht, ob das so das Richtige ist, ja? Aber irgendwas sich zu überlegen, wie man damit umgeht. Dass man vielleicht noch mal kurz… ja fast ne Schweigeminute fänd ich gut!"

Frank: "Hätte das für Sie was gerettet?"

Lebert: "Oder dass man bittet, sich für das Pferd zu erheben. So was fände ich würdevoll."

Hagendorff: "Also natürlich könnte man auch im Sport ne gewisse Respektkultur gegenüber den Tieren ausbilden. Aber – um beim Pferdesport zu bleiben – was hilft es dann einem Pferd, dessen Tod oder Verletzung durch ein Rennen provoziert worden ist? Es hilft ihm ja nichts!"

Nein, es wäre ganz egoistisch und menschenzentriert: Es hülfe nur dem Publikum über seine Bestürzung hinweg. Für Simply Jonathan kommt jedes Requiem zu spät. Aber die Sendung macht ihn ein klein wenig unsterblich.

Lebert: "Dass man das einfach vergessen soll jetzt und schnell weiter, find ich auch irgendwie … pietätlos."

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Tierschutz - Zwischen Gnadenhof und Altersheim
(Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 11.09.2014)

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