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Interview / Archiv | Beitrag vom 25.01.2013

"Wenn man was erleben will, muss man aufs Land ziehen"

Die Filmproduzentin Sonja Moor über ihr Dasein als Ökolandwirtin in Brandenburg

Sonja Moor im Gespräch mit Jan-Christoph Kitzler

Sonja und Dieter Moor auf ihrem Demeter-Bauernhof in Hirschfelde
Sonja und Dieter Moor auf ihrem Demeter-Bauernhof in Hirschfelde (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Das Landleben ist keineswegs idyllisch, sagt die Schweizer Filmproduzentin Sonja Moor: "Sex, Crime und Rock'n'Roll jeden Tag", so beschreibt sie den Mikrokosmos im brandenburgischen Hirschfelde, wo sie mit ihrem Mann, dem TV-Moderator Dieter Moor, einen Ökobauernhof betreibt.

Jan-Christoph Kitzler: Idyllisch – so stellen sich viele das Landleben vor. Vor allem Menschen aus der Stadt, die eine Kuh nur mit Mühe von einem Pferd unterscheiden können. Und die Arbeit, die die Landwirtschaft macht, die wird dann meist ausgeblendet. Und dann gibt es natürlich auch noch die, die das alles ganz stylisch finden, auf dem Land zu leben, weil es so grün ist, so ruhig, so ursprünglich. Das kann man sich dann zum Beispiel in Hochglanzmagazinen ansehen.

Ich spreche jetzt mit einer, die auch aufs Land gezogen ist. Sonja Moor betreibt in Brandenburg Landwirtschaft. Sie ist die Frau des Fernsehmoderators Dieter Moor und unter anderem halten sie zusammen Wasserbüffel, Galloway-Rinder und Lämmer. Schönen guten Morgen, Sonja Moor!

Sonja Moor: Schönen guten Morgen, Herr Kitzler.

Kitzler: Wie idyllisch ist das denn bei Ihnen, Ihr Landleben?

Moor: Sie haben es gerade beschrieben. Dieser stylische Ansatz, glaube ich, da würde man sehr enttäuscht werden. Wenn man was erleben will, muss man aufs Land ziehen. Wir haben natürlich einen Mikrokosmos, aber da ist Sex, Crime and Rock'n'Roll jeden Tag. Da können wir eine Menge Geschichten erzählen, wie mein Mann ja auch schon versucht hat. Also ruhig und idyllisch ist es hier auf gar keinen Fall. Es ist sehr ursprünglich. Wer am Land arbeitet, hat die Schwierigkeiten, dass die Infrastruktur immer dünner wird, dass Menschen mit Fähigkeiten abwandern. Gerade in Brandenburg haben wir immer noch mehr Menschen, die weggehen als kommen und zurückbleiben. Und dann die älteren Menschen, die natürlich hier verbunden sind und nicht mehr mobil sind, und die jungen männlichen Erwachsenen mit schlechter Ausbildung, diese Mischung ist dann auch nicht gerade rasend spannend.

Kitzler: Es ist ja bei einigen ganz schön schick, wieder aufs Land zu gehen, und da kommt ja dann gleich der Vorwurf, na ja, das sind die Kreativen aus der Stadt, die genießen das gute Landleben, aber mit dem eigentlichen Arbeiten dort haben sie nichts zu tun. Bei Ihnen ist das anders. Sind Sie eigentlich aufs Land geflohen, oder einfach nur angekommen, oder wie muss man sich das vorstellen?

Moor: Nein. Der Dieter hat hier gedreht, um 2000 herum. Ungefähr acht Wochen war er in Berlin und Brandenburg. Wir waren ja vorher in der Schweiz. Dann kam er zurück und hat gesagt, wir müssen nach Berlin, da brummt der Bär. Ich habe dann einen Job angenommen, um hier in Berlin zu arbeiten, für eine Filmproduktion eine Niederlassung aufzubauen, und habe zwei Jahre lang gesucht nach einem geeigneten Platz für uns, und dann kamen wir nach Hirschfelde: mit Hof und Land und einem Dorf, das schön ist, mit Menschen, die man gerne um sich hat.

Kitzler: Und Sie haben durchaus auch eine Mission: Sie machen das mit großem Ernst und Sie wollen eine nachhaltige Landwirtschaft. Sie wollen, dass Ihre Tiere, die Sie halten, es gut haben. Sind Sie da eigentlich in Ihrem Umfeld inzwischen ein Vorbild, oder sind Sie immer noch auch so ein bisschen die, bei denen man den Verdacht hat, na ja, die könnten auch ganz gut ohne Landwirtschaft auskommen?

Moor: Natürlich können wir ganz gut auch ohne Landwirtschaft auskommen. Nur wir waren beide Mitte 40, als wir nach Brandenburg zogen, wir haben einen kleinen Hof, der immer schon eine Landwirtschaft war im Dorf, erwerben können, mit ein bisschen Land dazu, und haben uns dann einfach umgesehen, was können wir damit machen, und sind aus einem Leidensdruck nicht ausgestiegen, sondern eingestiegen in die Lebensmittelproduktion, die wesensgerecht ist, die ökonomisch, ökologisch und ethisch vertretbar ist. Das ist eigentlich der Beweis, den wir versuchen zu führen.

Wir haben immer wieder gehört, das geht alles nicht, es rechnet sich nicht, man kann das nicht, und wir versuchen einfach, diesen Gegenentwurf in die Realität umzusetzen. Und dazu brauchen wir natürlich, weil wir weder geerbt haben, noch einen Hof zur Verfügung hatten, alles anschaffen mussten, die Arbeit, die Dieter in den Medien macht, damit wir die Investitionen, die zu tätigen sind, hier einfach tätigen können. Wir brauchen Land, wir brauchen Tiere, wir brauchen Gerät, alles muss ja irgendwie von irgendwo her kommen.

Kitzler: Ihre Art, Landwirtschaft zu betreiben, ist das ein Einzelfall da in der Region, oder zieht das jetzt weitere Kreise?

Moor: Nein, nein. Die ökologische Landwirtschaft ist, glaube ich, der einzige Bereich, der in diesem Gebiet zweistellige Zuwachsraten hat, neben der Biogas-Produktion, die mittlerweile ja sehr fraglich ist, was die uns nützt. Und zwar in jeder Hinsicht sind wir in einem Bereich tätig, der expandiert.

Kitzler: Gerade läuft ja die Grüne Woche in Berlin, noch bis zum Wochenende. Sie sind da auch mit vertreten, stellen da mit aus. Was lernen Sie da eigentlich, wenn Sie dort durch die Hallen gehen, über die Landwirtschaft in Deutschland?

Moor: Wir stellen ja aus mit unserem Anbauverband Demeter. Das heißt, ich habe in der Biohalle ausschließlich Kollegen, die produzieren, entweder Urproduzenten sind wie wir, oder Händler, oder Veredeler, die Milch, Honig und so weiter anbieten, die alle nach diesen Grundsätzen arbeiten. Also das ist keine Ausnahme. Und wenn ich in die anderen Hallen gehe, sehe ich, dass das Interesse groß ist, dass man aber, glaube ich, an dem eigentlichen Zweck der Grünen Woche, Landwirtschaft darzustellen, vorbeizielt. Die Halle, wo der Bauernhof dargestellt wird zum Mitmachen, ist von konventionellen Verbänden gestaltet und die zeigen einen Bauernhof, der so nicht existiert in diesen Verbänden.

Kitzler: Dann wünsche ich Ihnen auf jeden Fall weiterhin gutes Gelingen in Hirschfelde in Brandenburg. – Vielen Dank, Sonja Moor, Bäuerin aus Leidenschaft. Haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

Moor: Danke schön – tschüss!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.