Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Feature
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Feature
 
 

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.10.2007

Wenn einfach niemand stirbt

José Saramago: "Eine Zeit ohne Tod", Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2007, 253 Seiten

Warum wird denn niemand mehr beerdigt? (Stock.XCHNG / Jenny Erickson)
Warum wird denn niemand mehr beerdigt? (Stock.XCHNG / Jenny Erickson)

Der Roman "Eine Zeit ohne Tod" ist Teil einer Reihe von Texten José Saramagos mit betont philosophischem Hintergrund. Seine Losung in diesem Buch: Kampf dem Anti-Aging-Wahn. Wie kaum ein anderer Dichter und Denker stellt sich der Portugiese den existenziellen Fragen unserer Gesellschaft.

Ein Gedanke von Ludwig Wittgenstein steht als Motto über dem Text. "Denk z.B. mehr an den Tod – & es wäre doch sonderbar, wenn Du nicht dadurch neue Vorstellungen, neue Gebiete der Sprache kennenlernen solltest." Auf 250 Seiten hat José Saramago (Jahrgang 1922) den Ausspruch des Philosophen illustriert. "Am darauffolgenden Tag starb niemand." So beginnt der jüngste Roman des Portugiesen.

Dann wird das Ungeheuerliche ausgemalt: Wie an einem ersten Januar (und an den Folgetagen) in einem Land ohne Namen kein Mensch zu Tode kommt, weder gewaltsam, noch auf friedliche Weise. Welch "ungeheure Verwirrung" das Phänomen bei den Bürgern auslöst. Wie hilflos die Politiker reagieren, stammelnd, angesichts einer noch unklaren Katastrophe ...

Reporter scharen sich um jene ersten Moribunden, die nicht dahingehen mögen. (Selbst die Königinmutter, längst todgeweiht, verharrt im Schwebezustand.) Bald melden sich Betroffene. Der Klerus, schockiert: "Ohne den Tod gibt es keine Auferstehung, und ohne Auferstehung gibt es keine Kirche". Die Bestatter melden "die schwerste kollektive Notlage seit Gründung des Nationalstaats", und bitten um Gratisdarlehen für eine Umstrukturierung ihrer Industrie: Künftig könnten per Regierungsdekret doch Haustiere beerdigt werden.

Auch die Versicherer, die Träger von Pflegeheimen und Krankenhäusern, alle stoßen sie "mit dem Kopf an die Klagemauer". Findige Bürger bringen derweil liebe Verwandte über die Grenze, auf daß sie dort das Zeitliche segnen. Und die "Maphia" macht aus dem Notstand rasch ein Geschäft.

Stillstand im Staate Namenlos, kein Toter, monatelang. Aber dann passiert etwas. Der Intendant des nationalen TV-Senders erhält einen Brief auf violettem Papier, von Damenhand beschriftet. Frau "tod" meldet sich ("a morte" kommt im Portugiesischen klein und weiblich daher), mit einer Botschaft an das Fernsehvolk: Ab sofort werde wieder gestorben; der Streik sei Mahnung, Warnung gewesen.

Sie wollte, schreibt die Sensenfrau, "den Menschen, die mich so sehr verabscheuen, mit einer kleinen Kostprobe demonstrieren, was es für sie bedeuten würde, immer, sprich, ewig zu leben".

"Eine Zeit ohne Tod" – der Roman ist Teil einer Reihe von Saramago-Texten mit essayistischem Charakter und betont philosophischem Hintergrund. Die Bücher der Serie wirken wie Varianten des immer gleichen Themas. Ein Kafka-Sujet: Das hilflose Individuum, mit einer Grenzerfahrung, in einem bürokratischen Regime.

Und alle zeigen ähnliche Charakteristika. Eins: Ein surrealistischer Stoff, gewonnen durch paradoxe und bösartige Zuspitzung der Folgen eines "Unfalls" (alle Menschen werden blind, alle verweigern die Stimmabgabe bei den Wahlen, alle werden vom Tod verschmäht).

Zwei: Der trockene Humor des Verfassers (wie er sich etwa in den bizarren Verlautbarungen von Behörden und Verbänden zeigt).

Drei: Die Texte sind Parabeln, allgemeingültig (Land und Figuren haben keine Namen).

Vier: Jeder Roman ist gut erzählt, spannend und melancholisch, ein Lesevergnügen mit stilistischen Marotten – Zitate ohne Kennzeichnung, entlarvende Dialoge, liebevoll-umständliche Abschweifungen, der Hang zu skurrilen Bildern, der erfrischende Wechsel von kleiner (persönlicher) und großer Geschichte (Draufblick), ein allwissender Erzähler.

Fünf: Saramago verspottet für sein Leben gern die weltliche und die geistliche Obrigkeit samt ihren Heilsversprechen. Ein Kardinal und der Premier telefonieren miteinander.

"Was macht der Staat, wenn nie wieder jemand stirbt, Der Staat wird versuchen zu überleben, auch wenn ich ernsthaft daran zweifle, daß er das schafft, aber die Kirche, Die Kirche, Herr Premierminister, hat sich so sehr an die ewigen Antworten gewöhnt, daß ich mir gar nicht vorstellen kann, wie sie je andere geben könnte, Auch wenn die Wirklichkeit dem widerspricht, Wir haben doch von Anfang an nie etwas anderes getan, als der Wirklichkeit zu widersprechen, und hier stehen wir nun..."

Ein Magier ist dieser Autor, ein Provokateur, auch ein Pädagoge. Seine Losung in diesem Buch: Kampf dem Anti-Aging-Wahn. Wie kaum ein anderer Dichter und Denker stellt sich der Portugiese den existenziellen und existenzbedrohenden Fragen unserer Gesellschaft.

Das Nobelpreis-Komitee befand 1998, Saramago mache "mit Gleichnissen, getragen von Phantasie, Mitgefühl und Ironie, ständig aufs Neue eine entfliehende Wirklichkeit greifbar". Die Wirklichkeit – greifbar? Der 85-Jährige scheint da nicht so sicher. Ein zweites Motto über seinem Text lautet: "Wir werden bald immer weniger wissen, was ein Mensch ist."


Rezensiert von Uwe Stolzmann


José Saramago: Eine Zeit ohne Tod
Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2007, 253 Seiten, 19,90 Euro

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur