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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 11.05.2006

Wenn der Rubel rollt

Fußball als Spiegel unserer Gesellschaft?

Von Hajo Schumacher

Hajo Schumacher (privat)
Hajo Schumacher (privat)

Wer erinnert sich noch an Jürgen Pahl? Er war Torwart bei Eintracht Frankfurt von 1978 bis 1987. Immerhin wurde er UEFA-Cup-Sieger mit den Hessen und holte den DFB-Pokal. Pahl war ein besonderer Spieler. Denn er kam vom Halleschen FC. Zusammen mit Norbert Nachweih war er geflohen bei einem Länderspiel der DDR in der Türkei, im Oktober 1976.

Pahl hat alles mitgemacht, was man als Profi erleben kann. Er hat sich zum Beispiel mit Bauherren-Modellen verspekuliert, wie viele Frankfurter Kicker damals. Sie waren von Geschäftemachern planmäßig ausgenommen worden. Geld und Fußball, lernte Pahl, das gehört zusammen.

Heute lebt Jürgen Pahl in Paraguay. Von dort, sagt er, habe er den besseren Überblick. Sein Urteil über den Fußball ist verheerend. Für das Monatsgehalt eines deutschen Kickers kickt ein Kollege in Paraguay ein ganzes Leben, kritisiert er. Loyalität könnten sich die Vereine in Europa mit Millionengehältern dennoch nicht erkaufen. Wenn's läuft, lasse ich mich feiern, wenn's nicht läuft, wechsle ich den Verein, sagt Pahl. Es regiere die Gier, bei Spielern und allen anderen, die mit dem weltweiten Volksport zu tun haben.

Ist der Exilant Pahl nicht ein Apokalyptiker? Vertritt er nicht überholte Ansichten? Ist Fußball denn nicht eine große Jobmaschine, die Polizisten, Würstchenverkäufern, Busfahrern und T-Shirt-Druckern Arbeit gibt? Ist Fußball nicht Motor für die lahme Binnenkonjunktur und mithin unangreifbar? Dürfen wir den Fußball überhaupt kritisieren, wenige Tage vor Beginn der WM?

Ja, wir dürfen - ein letztes Mal noch, bevor der Irrsinn das Land erfasst. Dann, so geloben wir als gute Patrioten, werden wir auch artig jeden Morgen zum Heiligen Franz beten.

Es gibt tatsächlich ein paar Auswüchse, die man nicht mehr normal finden kann, zum Beispiel folgenden: Konsequent werden wesentliche Kosten für die WM vergesellschaftet, die Millionengewinne aber privatisiert.

Polizeieinsätze, Müllabfuhr. Sicherheit und Krankenwagen, die zahlen Kommunen und mithin die Bürger. Die Gewinne aus Tickets, Reklame und Fernsehrechten, die aber kommen nur einigen wenigen zugute. Über 200 Millionen Schweizer Franken Gewinn machte der Weltfußballverband im vergangenen Jahr. Steuern zahlt die FIFA dafür keine in Deutschland. Franz Beckenbauer übrigens auch nicht, er wohnt zwecks Steuervermeidung in Kitzbühel.

Nehmen wir ein anderes Beispiel: Jeder TV-Moderator, der die gelbe von der roten Karte unterscheiden kann, der glotzt uns derzeit aus Zeitungen und Fernsehen an, und verspricht uns, wie prima Bier und Baumarkt seien. Manchmal wissen sogar die Sender von diesen einträglichen Privatgeschäften.

Jetzt die spannende Frage: Ihre Popularität haben diese Moderatoren dem Medium Fernsehen zu verdanken, meist einem öffentlich-rechtlichen Apparat. Die Kosten für ihre Ausbildung, ihre ersten Flops, die Fußballrechte, mit denen sie berühmt geworden sind - all diese Ausgaben sind vergesellschaftet worden. Sie wurden aus Gebührengeldern bestritten. Die Früchte dieser öffentlich subventionierten Popularität aber ernten die Fernsehkünstler allein. Entdecken wir da etwa die gleiche Grabschmentalität wie Fußballern? Sender und Moderator sollten halbe-halbe machen.

Nehmen wir Auswuchs drei: In wenigen Tagen werden sich die Spielstädte in Sperrgebiete verwandeln. Die Sponsoren der WM haben sich ganze Straßenzüge vertraglich als frei von anderen Reklameschriftzügen garantieren lassen. Das geht soweit, dass bei Monitoren in den Lounges die kleinen Herstellernamen überklebt werden müssen. Wir werden den bizarren Moment erleben, wenn Sponsoren ihre Werbefreiheit einklagen und polizeilich durchsetzen lassen. Wird Haus um Haus nach verbotenen Getränkedosen durchkämmt? Setzt Schäuble doch noch die Bundeswehr ein? Am Ende jedenfalls zahlt wieder die Allgemeinheit.

Es geht in den nächsten Wochen eben nicht nur um Fußball, sondern zu einem guten Teil auch um ökonomischen Irrsinn. Daran wird sich nichts ändern lassen, auch nicht von dem Fußball-Flüchtling Pahl. Der immerhin hat aus dem fernen Paraguay einen frommen Wunsch geäußert, um die krause Verwertungslogik dieser WM durcheinander zu bringen. Er hoffe, sagt der Unpatriot Pahl, dass Paraguay Weltmeister werde. Seine Hungrigen sollen den Satten doch mal zeigen, dass es anders geht.

Die Idee ist nicht schlecht, lieber Illusionist Pahl. Aber was würde denn wirklich passieren? Es ginge doch kein Ruck durch die Fußballwelt, sondern ein Agent zu den Spielern. Sie bekämen Verträge mit Weltfirmen und reichen Vereinen. In wenigen Tagen wäre auch die Unschuld Paraguays dahin. Und alles wäre so wie immer.


Hajo Schumacher, Journalist: Nach Abschluss der Münchner Journalistenschule schrieb Hajo Schumacher für die "Süddeutsche Zeitung". Dann arbeitete er rund zehn Jahre beim "SPIEGEL", zuletzt als stellvertretender Leiter des Berliner Büros und stellvertretender Ressortleiter Deutsche Politik. Anfang 2001 wurde Hajo Schumacher Chefredakteur von "Max". Nach seinem Ausscheiden arbeitet er jetzt als freier Journalist.

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