Mittwoch, 26. November 2014MEZ02:31 Uhr

Kulturpresseschau

Aus den Feuilletons"Es gibt keine Sammlung Gurlitt"
Christoph Schäublin, Stiftungsratspräsident des Kunstmuseums Bern, am 24.11.2014 in Berlin bei der Pressekonferenz zur Unterzeichnung der Vereinbarung zum Nachlass des Kunstbesitzers Cornelius Gurlitt.

Wenn "SZ" und "FAZ" dieselbe Überschrift haben, dann muss es schon ein besonderes Thema sein: die Pressekonferenz des Berner Museums zu Gurlitt. Nicht einer Meinung sind die Zeitungen allerdings bei der Deutung der Situation.Mehr

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Fazit

Gurlitt-NachlassSchwieriges Erbe
Das Kunstmuseum in Bern von außen.

Die Sammlung von Kunsthändler-Sohn Cornelius Gurlitt geht an das Kunstmuseum Bern - mit Ausnahme der Werke, die unter Raubkunst-Verdacht stehen. So weit, so gut. Was aber passiert mit der "entarteten Kunst"?, fragt Claudia Wheeler.Mehr

KinoEine Freundschaft im Krieg
Der Dokumentarfilm "The Green Prince" des israelischen Regisseurs Nadav Schirman

Der eine ist Palästinenser und Sohn eines Hamas-Führers. Der andere Israeli und Geheimdienstler. Eigentlich müssten sie Feinde sein, aber sie werden Freunde. In "The Green Prince" erzählt Dokumentarfilmer Nadav Schirman ihre Geschichte. Mehr

SerbienMissbraucht, gefälscht, verschwiegen
Ein Museum in Sarajevo erinnert an das Attentat vom 28. Juni 1914, das zum Ersten Weltkrieg führte: Der Mörder Gavrilo Princip (links) und sein Opfer, der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand.

Der Umgang ihres Heimatlandes mit der eigenen Geschichte lässt zu wünschen übrig, findet die serbische Historikerin Dubrovka Stojanovic. Sie fordert eine neue Erinnerungskultur und ist damit nicht allein.Mehr

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Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.07.2012

Wenige kleine Verlage werden überleben

Auch der griechische Buchhandel hat sich verspekuliert

Von Konstantinos Kosmas

Wegen der Krise bekommen auch Buchhandlungen und die Verleger keine Kredite mehr.
Wegen der Krise bekommen auch Buchhandlungen und die Verleger keine Kredite mehr. (picture alliance / dpa - Orestis Panagiotou)

Wie viel kann Literatur in einem Land bewirken, dessen verunsicherte oder gar verarmte Bürger Bücher als Luxus betrachten? Der Buchmarkt selbst leidet unter einer tiefen Rezession, die als exemplarisch für die soziale und wirtschaftliche Krise Griechenlands gelten kann.

Schön gebundene Klassiker für nur 50 Cent preisen zwei obdachlose Verkäufer auf einer Decke am Rand einer Fußgängerzone unterhalb der Akropolis an. Käufer finden sich dafür jedoch kaum.

Das gleiche Problem hatte der Verlag "Ellinika Grammata", dessen Name Programm war: "Griechische Literatur". 2001 kaufte der mächtige Medienkonzern "Dimosiografikos Organismos Lambraki" den Traditionsverlag und verpasste ihm ein neues Profil. Aus dem kleinen, akademisch orientierten Unternehmen wurde ein Verlag, der auf Mainstream setzte - mit serienmässiger Popliteratur sowie Starautoren, die anderen Verlagen abgekauft wurden, ähnlich wie im Fussballgeschäft: 2006 wurden noch 423 Titel publiziert. Dann ging das Geschäft rapide bergab. Mit über 4 Millionen Euro Schulden ging der Verlag "Griechische Literatur" im Jahr 2010 mit seinen 96 Angestellten in Konkurs.

Unmittelbar bedroht dürften sich auch andere, wichtige Verlage fühlen: Der 1881 gegründete "Hestia"-Verlag, der Verlag der linken Intelligenzia "Kedros" und der anspruchsvolle "Kastaniotis"-Verlag sind drei von vielen Verlagshäusern, die ihre angestellten und externen Mitarbeiter nur noch unregelmässig bezahlen können. Der Verlagschef Thanassis Kastaniotis sieht die allgemeine Verarmung als den wichtigsten Grund für die Krise des Buchmarktes:

"Wir sollten wahrnehmen, dass sich Griechenland heute in einer Sackgasse befindet, wir erleben eine nationale Tristesse. Wir erleben eine Rezession von 40 Prozent. Und weil die Finanzlage Griechenlands so schwierig ist, werden von den ausländischen Unternehmen keine Kredite mehr für den Import von Papier und sonstigen Rohstoffen gegeben, alle Lieferanten aus dem Ausland wollen bar bezahlt werden."

Die meisten Verleger sind sich in einem Punkt einig: Seit Mitte der 1990er-Jahre wuchs die Anzahl der Großbuchhandlungen drastisch.

"Riesen mit zerbrechlichen Beinen aus Ton waren die neuen Großbuchhandlungen; es sind meistens Zwischenhändler, die sich nur für die Maximierung ihrer%e interessieren. Sie werden für ihre Schaufenster bezahlt, genauso wie die Supermärkte",

so brachte es der Verlagslektor und Kulturjournalist Anteos Chrysostomìdis in der Zeitung "Avgi" auf den Punkt. Ähnlich klingt Nikos Liverios, Inhaber der kleinen, populären Buchhandlung "Politìa" in Athen:

"Die Großbuchhandlungen wuchsen, und das war eine Blase. In ihrem Kampf um die beste Positionierung auf dem Buchmarkt haben sie die Realität aus den Augen verloren. So gesehen, sind die großen Buchhandelsketten anfällig geworden. Die Lage der unabhängigen Buchhandlungen ist sicher besser, nur gibt es nicht mehr so viele davon."

Was erschwerend hinzukommt: Die Lesekultur ist bei den Griechen nicht sehr verbreitet. Das bemängelt auch Sofika Eleftheroudaki, die Inhaberin der gleichnamigen Großbuchhandlung in Athen. Von 1995 bis 2011 residierte sie in einem 8-stöckigen Haus in der Panepistimiou-Straße im Zentrum Athens. Letztes Jahr zog sie in ein viel kleineres Haus um. Moderne Räume, doch die Regale sind leer. Weil sie gerade umräumen, sagt Sofika Eleftheroudaki; weil die Verlage keine Bücher auf Kommission mehr liefern, sagt man draussen. Zum Teil sind Rechnungen im sechsstelligen Bereich offen, und einige Verlage machen Großbuchhandlungen wie "Eleftheroudakis" für ihre Liquiditätsprobleme verantwortlich.

Die Schuldfrage bleibt freilich offen, doch in einem Punkt ist sich Sofika Eleftheroudaki mit den Verlegern einig:

"Die Griechen lesen sicher nicht viel, verglichen mit den anderen Ländern. Die Schüler lernen nicht, in der Freizeit zu lesen, Bücher aus Bibliotheken zu leihen und sie lernen leider auch nicht, in die Buchhandlungen zu gehen. Was wiederum daran liegt, dass die Schulbücher umsonst verteilt werden. Am Ende werden die Bücher weggeworfen, verbrannt, was jährlich Millionen kostet."

Staatliche Eingriffe und Misswirtschaft sorgten dafür, dass Lobbyisten und Scheinverleger von der Staatskasse profitierten. Samis Gavriilidis ist gelernter Setzer und Verleger – etwa des erfolgreichen Krimiautors Petros Markaris. Das kleine Verlagshaus unweit des Monasteraki-Platzes ist voller Bücher, Satzkästen und alter Druckmaschinen. Im lauschigen Hintergarten gibt es auch ein Café. Dort sitzt Gavriilidis:

"Die Wirtschaftskrise hat bloß eine Situation verschärft, die wir Buchmenschen haben kommen sehen. Die Buchwelt in Griechenland ist nicht in der Lage, neuen Herausforderungen zu begegnen, denn sie hat kein Fundament. Es existieren keine Bibliotheken, der größte Verleger und zugleich Buchhändler ist der Staat – er druckt alle Schulbücher und kauft alle Bücher für die Universitätsstudenten, das heißt: wir haben keine Basis. Die Krise war vorprogrammiert."

Ein Meteoriteneinschlag führte vor vielen Millionen Jahren zu Nahrungsknappheit auf der Erde und diese zum Aussterben der Dinosaurier. Nach den großen Reptilien kamen dann die kleinen, anspruchslosen Säugetiere. Dieses Bild kommt einem in den Sinn, wenn man den Buchmarkt im krisengeplagten Griechenland vor Augen hat. Der Autor Petros Markaris bringt das auf den Punkt.

"Die Kleinen und Vernünftigen werden es überleben, das ist nunmal sicher, du wirst es sehen. Einige Verleger bezahlen nun den hohen Preis für ihre riskanten, masslosen Geschäfte. Sie haben nie bedacht, ob ihre Geschäfte mit den Buchhandlungen tragbar waren. Wenn man einfach so Bücher in Kommission gibt, ohne zu überlegen, wenn er nur 10 verkaufen will, warum soll ich ihm dann 100 geben? Nun sind die Schulden einiger Buchhandlungen so hoch, dass es unmöglich ist, sie zu tilgen. Das kommt für die Verleger einem Erdrutsch gleich.

Solange das Bankensystem auf die Art funktionierte, wie es vor Kurzem noch üblich war, war das Problem nicht sichtbar, wie übrigens im ganzen Land das Problem nicht sichtbar war. Jetzt sind die Banken pleite, daher bekommen die Buchhandlungen und die Verleger keine Kredite mehr für ihre Bücher. So ist das ganze System verstopft."


Mehr zum Thama auf dradio.de:
Beginn der Kontrollen in Griechenland - Medien: "Die Troika hat viele rote Karten im Gepäck", (Dradio, Aktuell vom 24.7.2012)