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Thema / Archiv | Beitrag vom 14.05.2008

Weltmeister hautnah

Regisseurin Nina Pourlak hat Boxer Arthur Abraham und seinen Trainer porträtiert

Moderation: Liane von Billerbeck

Plakat des Films "Es geht um alles". (www.es-geht-um-alles-der- film.de)
Plakat des Films "Es geht um alles". (www.es-geht-um-alles-der- film.de)

Im Film "Es geht um alles" nähert sich die Regisseurin Nina Pourlak einem ungleichen Gespann an: Boxweltmeister Arthur Abraham und sein Trainer Ulli Wegner. Der in Armenien geborene Abraham sieht sich als halber Deutscher und ist ein lebenslustiger junger Mann. Wegner stammt aus dem Osten und hält seinen Schützling zu eiserner Disziplin an - und auch das Filmteam, wie die Regisseurin verrät.

Liane von Billerbeck: "Es geht um alles", so heißt der Film, den Nina Pourlak und Sebastian Lempe gedreht haben. Alles ist in diesem Fall das Boxen. Erzählt wird, wie der junge armenische Boxer Arthur Abraham und sein ostdeutscher Ulli Wegner zusammenfinden. Beide sind längst Stars im Boxgeschäft, Weltmeister der eine, Weltmeistermacher der andere. Nach einem sehr umstrittenen Profisport, nach Integration und unterschiedlichen Kulturen wollen wir die Regisseurin Nina Pourlak fragen. Ich grüße Sie!

Nina Pourlak: Hallo!

von Billerbeck: Waren Sie eigentlich schon immer Boxfan?

Pourlak: Schon immer kann man eigentlich nicht sagen. So in den letzten, ich würde sagen, eins, zwei Jahren habe ich, aus welchem Grund auch immer, angefangen, mich dafür zu interessieren. Ich habe Boxen im Fernsehen geguckt, und da haben sich dann auch schnell so ein paar von mir favorisierte Kämpfer herausgestellt, die einfach spannende Kämpfe geboten haben, zum Beispiel Schwergewicht finde ich nicht so interessant, wenn immer so ein Schlag am Anfang gleich schon alles entscheidet, meistens, und so ein bisschen schwerfällig auch ist. Obwohl man sagt, das sei sozusagen die Formel I des Boxens.

Aber Mittelgewicht, Cruisergewicht, das, was zum Beispiel Arthur ist, Mittelgewicht, das finde ich sehr spannend. Und damals ist Arthur mit dieser Schlumpfmütze aufgetreten, der hieß noch der Schlumpfboxer und hatte wirklich dieses Lied von den Schlümpfen und so, sodass seine Gegner völlig verblüfft waren, als er in die Arena eingezogen ist. Das fand ich sehr amüsant.

von Billerbeck: Arthur Abraham, einer Ihrer beiden Protagonisten, war das auch der, den Sie da sehr mochten, als Sie Boxen gesehen haben im Fernsehen?

Pourlak: Vor allen Dingen mochte ich die Kombination bei ihm, Trainer/Boxer.

von Billerbeck: Wie sind Sie denn nun auf die beiden Protagonisten gekommen, oder wie war die erste Begegnung mit den beiden?

Pourlak: Mein Freund ist Kameramann, der hat das an der DFFB studiert, und ich habe da auch studiert, so haben wir uns auch kennengelernt. Und wir haben dann Boxen eben öfters zusammen geguckt, und nach und nach merkten wir, Mensch, das könnte echt ein Thema sein. Und dann habe ich da auch mal ein Brief hingeschrieben, ist aber irgendwie nichts passiert.

Und dann habe ich auf Arthurs Homepage gelesen, dass er eine Autogrammstunde gibt in einem Kaufhaus, in einem Berliner Kaufhaus. Und da habe ich gesagt, Mensch, da müssen wir hin. Dann haben wir so unsere Filme zusammengepackt, die wir schon gemacht haben. Ich habe ein Exposé geschrieben, damit die auch wirklich merken, wir sind jetzt nicht irgendwelche Quatschköpfe sozusagen. Und dann sind wir dahin marschiert.

Arthur stand in der Traube von Jugendlichen usw. und hat mir erst mal ein Autogramm in die Hand gedrückt, bevor ich überhaupt dazu kam, eine Frage zu stellen. Und dann habe ich halt ein bisschen gewartet. Dann haben wir mit ihm gesprochen. Natürlich waren dann nicht gleich alle Türen offen, da mussten wir noch sehr viele Stationen beschreiten, immer wieder unser Projekt präsentieren, bis Ulli Wegner dann schließlich sagte: Na okay, wann wollt ihr denn kommen? Wollt ihr nächste Woche kommen? Und dann musste auf einmal alles ganz schön schnell gehen.

von Billerbeck: Ein armenischer Boxweltmeister, ein Profiboxweltmeister, Arthur Abraham, der den Spitznamen "King Arthur" hat, Jahrgang 1980, und ein ostdeutscher Boxtrainer, Ulli Wegner, der "Der General" genannt wird, geboren 1942. Das klingt nach Vater-Sohn-Beziehung. Was ist das für ein Verhältnis zwischen den beiden?

Pourlak: Ja, es ist ziemlich viel. Es ist so, Meister/Schüler. Es ist Vater/Sohn. Es geht immer um Status, es geht immer hin und her. Der Ulli Wegner sagt, Arthur hat alles, was man zum Boxen braucht. Der hat wirklich Boxintellekt. Der steht richtig. Der hat das einfach auf dem Kasten. Aber gerade natürlich für ihn ist es dann schwer zu sehen, wenn so jemand dann halt manchmal nicht so trainingsfleißig ist, wie er sich das vielleicht vorstellt. Wenn wir, unsereins diesen Film guckt, dann denkt man natürlich immer, er ist wirklich sehr fleißig. Das kann man nicht unter normalen Maßstäben messen.

Und Arthur ist ein strahlender junger Mann, sage ich mal, ein Sportler, aber natürlich auch jemand, der auch ein bisschen leben will. Der hat natürlich zum Beispiel, als er da zum Helden geworden ist, dann wollte er das natürlich auch zelebrieren und diese Zeit auch ein bisschen genießen.

von Billerbeck: Und was hat sein Trainer dazu gesagt?

Pourlak: "Er hätte schon ein bisschen früher aufs Fahrrad gehen können wieder". So was hat er gesagt, natürlich.

von Billerbeck: Das ist ja immer so eine Zweierkonstellation. Sportler/Trainer und Sie als Filmemacherin oder als Filmemacher, in der Mehrzahl, stehen dann zwei Leuten gegenüber. Schlägt Ihr Herz da für einen besonders oder behandeln Sie beide gleich?

Pourlak: Nein, ganz gleich konnte man sie nicht behandeln, aber nicht in den Wertigkeiten, sondern einfach im Umgang. Ganz klare Sache zum Beispiel, Ulli Wegner wird von all seinen Boxern gesiezt. Da kann ich ja nicht dahinkommen und ihn duzen, also sieze ich ihn. Arthur aber ist ja ungefähr, nicht ganz in meinem Alter, aber so jetzt mir nicht so fern. Natürlich haben wir uns geduzt. Und so war das dann auch weiterhin im Umgang. Zum Beispiel hatte Ulli Wegner jetzt zu E-Mail usw. jetzt nicht so viel Zugang, sage ich mal. Da musste man einfach anders mit beiden umgehen. Aber in den Wertigkeiten waren sie wirklich für uns beide gleich.

von Billerbeck: In dem Film, da sagte Arthur Abraham über seinen Trainer, er ist wie Stalin, aber wenn er aufhört, dann höre ich auch auf. Das hört sich so ein bisschen so an wie bei den Sikhs, wo die Ehefrau mitverbrannt wird, wenn der Mann stirbt. Hier, ich höre auf, wenn er aufhört. Er ist ja nun aber viel jünger. Ist das ernst gemeint?

Arthur Abraham verteidigt seinen Weltmeistertitel im Mittelgewicht gegen Elvin Ayala in Kiel. (AP)Arthur Abraham verteidigt seinen Weltmeistertitel im Mittelgewicht gegen Elvin Ayala in Kiel. (AP)Pourlak: Natürlich ist er viel jünger. Aber er ist jetzt auch nicht jemand, der, bis er 40 ist oder so, boxen will, glaube ich. Ich kann mir vorstellen, dass er die Titel vereinigen will. Das heißt, diese vier Verbände, die es gibt, diese Weltverbände, dass er mehrere Titel vereinigen will, das heißt gegen jemand anderen, der auch Weltmeister ist, antreten will und dann Super-Champ werden möchte und dann vielleicht noch mal eine Gewichtsklasse höher aufsteigen und dann irgendwann auch abtreten, am besten ungeschlagen. Und der Ulli Wegner, der möchte solange in seinem Trainerberuf, den man viel länger praktizieren kann, arbeiten, solange es ihm auch nur eben gesundheitlich möglich ist. Und deswegen könnte das durchaus passieren.

von Billerbeck: Was sagt das eigentlich über die Beziehung der beiden Männer aus, wenn da einer sagt, der ist wie Stalin, aber wenn der aufhört, dann höre ich auch auf? Boxen ist ja was sehr Körperliches, man sieht es ja bei den Boxkämpfen immer. Haben Sie da auch erlebt, dass die beiden auch so was wie Nähe und wie Gefühle zulassen, auch öffentlich?

Pourlak: Na ja, das fällt ihnen schon schwer, vor allen Dingen dem Ulli Wegner, weil er immer sagt, Freundschaft zwischen Sportler und Trainer, das wird es nie geben, vielleicht nach der aktiven Karriere.

Aber trotzdem, zum Beispiel haben wir so ein Pratzentraining gefilmt, wenn der Trainer diese Pratzenkissen hält und der andere schlägt dagegen, und dann haben die beiden Klammern geübt, und eigentlich ist das eine Umarmung. Es ist einfach eine Umarmung. Und die haben die da einfach praktiziert.

Gut, was anderes ist es auch nach dem Kampf, das sieht man auch im Film. Da umarmt der Arthur ihn dann auch, da ist er so euphorisch, und der Ulli Wegner lässt das auch zu, und der strahlt auch. Wenn er ihm da das Gesicht eincremt vor dem Kampf, damit möglichst alle Schläge an ihm abgleiten werden und er keine Blessur davonträgt, dann merkt man schon, dass er das macht, wie jemand, der wirklich noch den kleinsten Flecken da schützen will. Und das ist doch irgendwie sehr, sehr berührend.

von Billerbeck: Boxen hat aber auch mit unglaublicher Härte und mit sehr viel Disziplin zu tun. Sie haben es ja schon gesagt, man kann das mit nicht normalen Maßstäben messen. Hat sich das auch auf Ihre Filmarbeiten ausgewirkt?

Pourlak: Ja, total. Am ersten Drehtag, da sagte der Ulli Wegner: Kommt mal so gegen zehn Uhr vorbei. Und gegen zehn hört sich ganz locker an…

von Billerbeck: Halb elf geht auch noch…

Pourlak: Na ja, wir waren da so eben wirklich gegen zehn, wir waren noch nicht aufgebaut, sagen wir mal so, sind da gerade angekommen, haben ausgeladen. Und da habe ich deutlich gemerkt, auch wenn er uns nicht zusammengepfiffen hat wie seine Boxer: Das gefällt ihm überhaupt nicht. Und dann war als Nächstes so ein Laktattest geplant in diesem Olympiastützpunkt, so ein Leistungstest, sagen wir mal. Und da habe ich mir extra angeguckt, wann er kommt, und bin wirklich um halb acht, noch eine halbe Stunde früher als er, mit Absicht da gewesen. Und dann kam er die Treppe hoch und hat mich da stehen sehen und da hat er geschmunzelt. Da war klar, okay, das haben wir auch verstanden. Jetzt kann es weitergehen.

von Billerbeck: "Es geht um alles", so heißt der Film, den die Regisseurin Nina Pourlak und der Kameramann Sebastian Lempe gedreht haben. Ein junger Boxer aus Armenien, der zu Hause ein Held ist, aber in Deutschland ein zwar Prominenter, aber doch ein Einwanderer. Was meinen Sie, war die Integration für ihn leichter, weil er eben hierzulande Erfolg als Boxer hatte?

Pourlak: Ich glaube es nicht, weil als die Familie zum ersten Mal hierherkam, da hatte er ja noch keinen so großen Erfolg. Die kamen wirklich mit nicht viel und mussten sich ja auch erst mal ein Leben aufbauen. Und es war bestimmt genauso schwer für ihn wie für jeden anderen Immigranten oder Einwanderer, der nach Deutschland kommt. Natürlich, durch seinen Erfolg jetzt, der langsam angelaufen ist, konnte er dann auch seiner Familie eine leichtere Integration ermöglichen und ihnen auch zum Beispiel einfach, ja, jetzt sind sie gerade umgezogen in ein Haus, wo die alle reinpassen, einfach ein Zuhause hat er ihnen da auch ganz klar erboxt.

von Billerbeck: Spielt das eigentlich für die Zuschauer eine Rolle, woher ein Boxer kommt, oder ist es egal, Hauptsache, er boxt gut?

Pourlak: Es spielt insofern eine Rolle, als dass zum Beispiel zu Arthurs Kämpfen unheimlich viele Armenier kommen. Und dies sind auch wirklich sehr, sehr stolz auf ihn. Und das ist für die Armenier was ganz Besonderes. Auch wenn er die deutsche Staatsangehörigkeit ja angenommen hat, steht er ja auch sehr zu seiner armenischen Heimat. Er sagt ja auch im Film, ich bin halb und halb, fifty-fifty. Ich kann nicht nur Deutscher sein, weil ich aus Armenien komme, ich kann nicht nur Armenier sein, weil ich in Deutschland lebe. So sieht er das, und so präsentiert er das auch.

Ansonsten, für die anderen Zuschauer, denke ich mal, es spielt nicht so eine Rolle. Manche Boxer, die haben sich ja sogar mehr oder weniger eingedeutscht. Arthur heißt ja eigentlich Awetik Abrahamjan, sein Geburtsname, sagen wir mal so. Und jemand wie Felix Sturm zum Beispiel heißt eigentlich Adnan Catic.

Bei Arthur ist es noch so, es ist ja ein ähnlicher Name, er ist ein bisschen eingedeutscht. Andere kriegen dann einen Namen, damit sie einfach hier vielleicht besser noch vom Publikum angenommen werden oder so. Ich weiß nicht, ob das wirklich dann was beeinflusst. Aber natürlich ist auch bei dem deutschen Publikum immer die Frage, wo sind die großen deutschen Boxer, wo ist unser nächster Henry Maske, oder so was.

von Billerbeck: Wie haben denn die beiden auf Ihren Film reagiert?

Pourlak: Wir haben den Film ihnen erst mal einzeln im Schneideraum gezeigt, natürlich auf einem kleinen Fernseher. Ich glaube, sie fanden ihn ganz okay, waren jetzt aber nicht extremst euphorisch, weil der war auch noch nicht gemischt, nicht colorgegradet, nicht auf so einer großen Leinwand und so alles, farbbearbeitet, alles ziemlich rohe Version. Aber es ging darum, dass sie inhaltlich auch das absegnen, dass sie sich auch richtig dargestellt fühlen.

Und dann haben wir sie in Schwerin mit großem Publikum, haben wir den Film dann gemeinsam gesehen. Und da waren sie dann richtig begeistert, würde ich jetzt mal sagen. Schade, dass sie nicht da sind und was dazu sagen können. Es ist ja immer blöd, wenn man das sagt. Das war ganz toll. Wir haben viel Applaus bekommen, auch wirklich Szenenapplaus. Ich glaube, dass sie dann sehr zufrieden waren.

von Billerbeck: Die Regisseurin Nina Pourlak war bei uns im Studio. Ich danke Ihnen! Ihr Film "Es geht um alles", in dem sie die Freundschaft oder die Beziehung zwischen dem Boxer Arthur Abraham und seinem Trainer Ulli Wegner schildert, der ist ab morgen in unseren Kinos zu sehen.

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