Seit 09:05 Uhr Im Gespräch
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 09:05 Uhr Im Gespräch
 
 

Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 07.06.2014

WelternährungTrockene Fakten zum Wassermangel

Udo Pollmer hält Entsalzung für das richtige Mittel gegen Trinkwasserknappheit

Von Udo Pollmer

Ein Tropfen Wasser kommt am 21.03.2013 aus einem Wasserhahn in Frankfurt (Oder) (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)
Laut Unicef haben mehr als 780 Millionen Menschen weltweit kein sauberes Trinkwasser. (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)

Wasser wird knapp und Experten warnen vor möglichen Kriegen. Sie halten den Trinkwassermangel für dramatischer als den Klimawandel. Lebensmittelchemiker Udo Pollmer glaubt, dass sich das Problem technisch lösen lässt.

Nach Angaben der Vereinten Nationen erhalten über 1 Milliarde Menschen kein sauberes Trinkwasser. Experten befürchten, dass der Kampf ums Wasser in wenigen Jahren in voller Schärfe entbrennen wird. Zwar sind zwei Drittel der Erdoberfläche mit Wasser bedeckt, aber höchstens drei Prozent davon sind Süßwasser. Der größte Brocken ist das Eis der Polkappen. Nur 0,3 Promille sind in Form von Flüssen, Seen und Feuchtgebieten unmittelbar zugänglich. Zusammen mit dem Grundwasser sind's etwa 1 Prozent.

Inzwischen herrscht der Eindruck vor, man könne das viele Salzwasser nicht nutzen oder nur mit Riesenaufwand. Doch das ist ein Riesenirrtum. Vor Jahrzehnten ließen sich die reichen Ölstaaten im Nahen Osten das Entsalzen des Meerwassers tatsächlich einiges kosten. Inzwischen erlauben viele bezahlbare und bewährte Verfahren wie der Rosendahl-Kollektor, aus Salzwasser in großem Stile Süßwasser zu gewinnen. Wasser lässt sich wie Erdöl per Leitung – per Aquädukt - transportieren. Doch derzeit versickert es vielerorts in maroden Rohren. So entsteht Wassermangel.

Nano-Verfahren für die Entsalzung

Mit Hochdruck wird am WaterChip gearbeitet, einem Nano-Verfahren, das eine elegante Entsalzung erlaubt. Man braucht nur ein bisschen Strom: An den Küsten gibt es genug Wind oder Sonne für die Erzeugung von Energie. Die simpelsten Geräte arbeiten sogar ohne Strom, wie der Watercone. Man nehme eine Plastikhaube aus Polycarbonat und stülpe sie über eine Schüssel mit Salzwasser – durch die Sonnenstrahlung verdunstet das Wasser und sammelt sich in einer Rinne. Mit der Haube lässt sich jeden Tag gut ein Liter Trinkwasser gewinnen. Stellt man den Watercone einfach auf den Boden, ist es sogar möglich, die Bodenfeuchte zu nutzen.

Kinder und Jugendliche aus Singapur am Wasser (picture alliance / dpa)Singapur ist Vorreiter im Recyceln von Wasser (picture alliance / dpa)

Von großen Anlagen bis zum handlichen Gerät ist alles vorhanden. Die kleinsten sind wie Strohhalme aus Plastik, nur etwas dicker und enthalten eine Ultrafiltrationseinheit. Man taucht sie in die Pfütze und - saugt Trinkwasser ein. Ein Plastikröhrchen liefert bis zu tausend Liter. Dabei werden praktisch alle Bakterien, Viren und Parasiten entfernt, die Schmutzpartikel sowieso. Es gibt auch günstige Familiengeräte, die jahrelang sauberes Wasser liefern – an jedem Ort und ohne jede Fremdenergie. Das Wasser wird bei Bedarf gewonnen und dümpelt nicht in Tanks herum, in denen sich die Algen ein Stelldichein geben.

Die beschworenen Kriege sind kein Thema

Ein Verfahren, das ebenfalls in armen Ländern angewandt wird, nutzt die desinfizierende Wirkung von Chlor – aber ohne problematisches Chlor zuzusetzen. Die Inline-Elektrolyse macht sich den Umstand zu Nutze, dass in natürlichem Wasser sowieso immer ein paar Chloridionen gelöst sind. Mit etwas elektrischem Strom - gewonnen per Photovoltaik – bildet sich daraus ein Desinfektionsmittel. Das Wasser ist stets keimfrei – und enthält danach sogar weniger Chloratome als vorher.

Die beschworenen Kriege ums Trinkwasser sind kein Thema. Wenn, dann geht es um die Bewässerung der Felder, um Nahrungsmittel oder um das Prozesswasser für die Industrie. Aber auch das ist vielfach eine Frage der Technik. Bei der Tröpfchenbewässerung registriert ein Sensor Veränderungen am Blatt, die für das menschliche Auge nicht erkennbar sind, die aber anzeigen, ob die Pflanze Durst hat. Entsprechend wird Wasser ins Wurzelwerk dosiert. In Gewächshäusern strömt es schon lange in erdelosen Kreislauf-Anlagen durch Rohre, in denen die Wurzeln stecken. So kann nichts mehr versickern.

Große Unternehmen profitieren, wenn sauberes Wasser fehlt

Immer mehr Industrieunternehmen legen ihren Abwasserkanal für Prozesswasser still, weil sie alles Wasser aus der Produktion wieder aufbereiten – früher mit Osmose und Ionenaustauschern, jetzt per Vakuumdestillation. Wasser kann man immer wieder nutzen – es wird nicht verbraucht.

Die Technik, um die Menschheit auch in abgelegenen Regionen günstig mit sauberem Wasser zu versorgen, ist längst vorhanden. Sie ist aber nicht immer gewollt. Viele Verfahren nutzen Technologien, die von der Öffentlichkeit abgelehnt werden – wie Kunststoffe, Nanochips oder erdelose Treibhäuser. Die Gewinner der Angstkampagnen sind jene Unternehmen, die im großen Stil Wasser in Flaschen durch die Lande karren. Sie profitieren, wenn sauberes Wasser fehlt. Prost Mahlzeit!

 

Literatur

Knust KN et al: Electrochemically mediated seawater desalination. Angewandte Chemie International Edition 2013; 52: 8107–8110
Kim SJ et al: Direct seawater desalination by ion concentration polarization. Nature Nanotechnology 2010; 5: 297-301
Scott A: Running dry. Chemical & Engineering News 22. July 2013: 11-15
Anon: Wasser wiederverwendbar. Der Betriebsleiter 2013; (9) 16-17
Elimelech M, Phillip WA: The future of seawater desalination: Energy, Technology, and the Environment. Science 2011; 333: 712-717
Boo C et al: Fouling control in a forward osmosis process integrating seawater desalination and wastewater reclamation. Journal of Membrane Science 2013; 444: 148–156
Prante JL et al: RO-PRO desalination: An integrated low-energy approach to seawater desalination. Applied Energy 2014; 120: 104–114
Li C et al: Solar assisted sea water desalination: A review. Renewable and Sustainable Energy Reviews 2013; 19: 136–163
Sankar MU et al: Biopolymer-reinforced synthetic granular nanocomposites for affordable point-of-use water purification. PNAS 2013; 110: 8459–8464
Otter P, Goldmaier A: Solar- und Wassertechnik ermöglichen neue Lösungsansätze für die Trinkwasserproblematik in Entwicklungsländern. Deutsche Lebensmittel-Rundschau 2014; 110: 54- 59
Heierli U: Marketing Safe Water Systems. Swiss Agency for Development and Cooperation, Employment and Income Division, Bern 2008
Prathyusha.K et al: A real-time irrigation control system for precision agriculture using WSN in Indian agricultural sectors. International Journal of Computer Science, Engineering and Applications (IJCSEA) 2013; 3: 75-80
Bito T et al: Production and characterization of cyanocobalamin-enriched lettuce (Lactuca sativa L.) grown using hydroponics. Journal of Agricultural & Food Chemistry 2013; 61: 3852−3858
Dominguesa DS et al: Automated system developed to control pH and concentration of nutrient solution evaluated in hydroponic lettuce production. Computers and Electronics in Agriculture 2012; 84: 53-61
Grewal HS et al: Water and nutrient use efficiency of a low-cost hydroponic greenhouse for a cucumber crop: An Australian case study. Agricultural Water Management 2011; 98: 841-846
Hade AH, Sengupta MK: Advance research on monitoring of soil & remote sensing of vegetation by various techniques for proper drip irrigation. IOSR Journal of Agriculture and Veterinary Science 2014: 7: 75-83

Mehr zum Thema:

31.05.2014 | MAHLZEIT
Umweltdiskussion - Pestizide – soweit die Ängste reichen
Über sinnlose Regelwerke, die viel Geld und Nerven kosten

24.05.2014 | MAHLZEIT
Agrarindustrie - Hunger oder Fortschritt?
Forderung nach kleinbäuerlicher Landwirtschaft geht an der Realität vorbei

Mahlzeit

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur