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Thema / Archiv | Beitrag vom 23.12.2011

Weihnachten ohne Papa?

Für Trennungsfamilien ist das Weihnachtsfest oft eine logistische Meisterleistung

Psychologin Katharina Grünewald im Gespräch mit Britta Bürger

Kinder sehnen sich besonders zu Weihnachten danach, dass die Eltern wieder zusammen sind, sagt Katharina Grünewald. (AP)
Kinder sehnen sich besonders zu Weihnachten danach, dass die Eltern wieder zusammen sind, sagt Katharina Grünewald. (AP)

Familienpsychologin Katharina Grünewald rät getrennten Eltern, nur dann ein gemeinsames Weihnachtsfest mit ihrem Kind zu feiern, wenn sie sich auch den Rest des Jahres auf einer "freundschaftlichen Ebene" verstehen. Sei dies nicht gegeben, sollten sie dem Kind "die Mogelpackung" ersparen und eine andere Lösung finden.

Britta Bürger: Immer mehr Menschen leben in sogenannten Patchworkfamilien, feiern Weihnachten also in neu zusammengesetzten Familienkonstellationen, unter Umständen ohne den leiblichen Vater oder die leibliche Mutter, und auch nicht mit allen an der Großfamilie beteiligten Omas und Opas. Im Internet konnten sie vor Weihnachten ihre Wünsche übermitteln.

((O-Töne))

Stimmen von Menschen, die Weihnachten nicht mit allen Familienangehörigen feiern können. Vor welchen Problemen stehen Trennungsfamilien zu Weihnachten? Darüber wollen wir im Folgenden mit der Familientherapeutin Katharina Grünewald sprechen. Sie betreibt in Köln eine psychotherapeutische Praxis für Patchworkfamilien. Schönen guten Morgen!

Katharina Grünewald: Guten Tag!

Bürger: Scheidungskinder erinnern doch häufig auch, dass es gerade zum Beispiel gemeinsame Weihnachten gab, an denen es richtig Krach gab. Warum wünschen sie sich dennoch immer wieder ein gemeinsames Fest?

Grünewald: Kinder haben eine Sehnsucht danach, dass Mama und Papa wieder zusammen sind, diese sichere Elternbasis doch bitte wieder bestehen sollte. Am Weihnachtsfest führt einfach noch dieses unbewusste Familienbild Regie, das nämlich ist die heile Familie, die zusammenhält, wo alles harmonisch und freudig miteinander geschieht, und ich glaube, dann ist es natürlich gerade für die Kinder sehr enttäuschend, wenn sie dann feststellen: Das ist nicht so.

Bürger: Heißt das, die Kinder sollten am besten dann getrennt feiern, also zwei Mal?

Grünewald: Ich würde das davon abhängig machen: Wie ist denn die Beziehung der Expartner das ganze Jahr über? Versteht man sich das ganze Jahr, ist die Kommunikation ganz gut und man kann sich auf einer freundschaftlichen Ebene schon wieder begegnen, dann ist es vielleicht auch stimmig, dieses Weihnachtsfest zusammen zu feiern, nicht als Familie, sondern als befreundetes Elternpaar. Wenn das aber nicht möglich ist, dann bin ich dafür, dass man den Kindern die Mogelpackung erspart.

Bürger: Häufig wird die Feiertagsplanung ja auch über die Köpfe der Kinder hinweg entschieden, wer wen wann sehen darf oder auch nicht. Ist das richtig, oder sollte man die Kinder unbedingt mit einbeziehen in diese Entscheidungen?

Grünewald: Also ich würde immer dafür plädieren, dass man vorher versucht, das, was die Kinder fühlen, was sie denken und was in ihnen vorgeht, dass man das versucht, mit einzubeziehen. Dann letztendlich entscheiden sollten tatsächlich nur die Eltern, weil das überfordert ja die Kinder. Die Kinder wollen ja mit Mama und Papa zusammen feiern, und meistens ist es auch so, dass sie sagen, ich lieb' doch Mama, ich lieb' Papa, und man hat aber immer das Gefühl, wenn man sagt, ich will mit Mama feiern, ist Papa traurig und umgekehrt. Das heißt, es ist eine emotionale Zwickmühle, in der die Kinder sind, und da wäre es eigentlich die Verantwortung der Erwachsenen, dass sie diese Zwickmühle auflösen, indem sie bestimmen: Du gehst erst zu Papa und dann kommst du zu mir oder umgekehrt, oder ein Jahr bei mir, ein Jahr bei Papa, egal. Das heißt dann nicht, dass das Kind damit zufrieden sein muss, sondern das Kind hat dann auch das Recht, empört zu sein oder sich zu wehren, nur: Das ist aber das, was die Eltern dann auch aushalten müssen, dass die Kinder rebellieren, da nicht mit einverstanden sind, und trotzdem wird es so gemacht, wie die Eltern es wollen.

Bürger: Angeblich bewerten Erwachsene und Kinder die Familienzugehörigkeit des abwesenden Elternteils sehr, sehr unterschiedlich. Der Familienforscher Wassilios Fthenakis sagt, nur 5 Prozent aller Frauen zählen den Exmann noch zur Familie, während er für 55 Prozent der Kinder nach wie vor ganz klar dazugehört, der Vater. Wie sollte man mit dieser Diskrepanz umgehen?

Grünewald: Ja, es sind einfach zwei völlig unterschiedliche Realitäten. Das Kind: Auch wenn Papa nicht da ist, ist er ja mental präsent und emotional auch. Für die Mutter: Sie hat ihn wieder aus dem Herzen sozusagen rausgeschmissen und hat wahrscheinlich irgendwie eine andere emotionale Familie aufgebaut. Das Kind aber nicht. Von daher geht man da von zwei unterschiedlichen Realitäten aus, denen man natürlich dann auch gerade an solchen Feiertagen Rechnung tragen sollte, indem man dann einfach feststellt: Okay, deine Familie, da gehört der Papa dazu, also musst du auch da hin, zu meiner Familie gehört der nicht mehr, also muss ich da nicht hin.

Bürger: Musst du auch da hin, sagen Sie. Immer mehr Kinder in Deutschland leben mittlerweile in einer sogenannten Patchworkfamilie und für viele dieser neu zusammengesetzten Familien ist das Weihnachtsfest dann eben auch, weil man dahin muss, eine logistische Meisterleistung. Ich gebe jetzt mal ein Beispiel: Während eine Frau mit den Kindern aus seiner ersten Ehe feiert, muss ihr eigenes Kind auf den Besuch des leiblichen Vaters verzichten, wird aber am zweiten Weihnachtsfeiertag per Bahn ans andere Ende der Republik kutschiert, um von da weiterzufahren zu den Großeltern, die das Kind auch sehen wollen, da sind aber noch Enkelkinder zu Besuch, die der neue Mann der Tochter mit in die Familie gebracht hat, und so weiter, und so fort. Ist so viel Stress überhaupt sinnvoll?

Grünewald: Ich finde nicht, und ich denke aber, das hängt alles damit zusammen, dass wir uns diesen Weihnachtszwängen immer mehr unterwerfen. Und das ist so: Wenn ich gucke, was wir für Weihnachtssymbole auf dem Tisch haben, dann haben wir das Zuckerbäckerhäuschen und die Krippe, und wir halten uns aber eigentlich an dieses Zuckerbäckerhäuschen, wo wir alle rein wollen, was alles ganz süß und lecker ist, und es ist aber auch verklebt, und drinnen – das ist ja das Häuschen von Hänsel und Gretel –, da ist die Hexe, die einen verbackt und verbrät. Das ist so ein Symbol eigentlich für unsere Weihnachtszwänge. Das andere Symbol, diese Krippe, die eigentlich unterm Tannenbaum steht, das ist ja eigentlich, wenn man es jetzt mal auch wirklich so sehen möchte, auch eine Patchworkfamilie, Josef, Maria und Jesus, und diese Krippe, das ist ja, wenn man sie genau anguckt, ein Stall, sehr improvisiert, sehr unperfekt, sehr zugig. Und ich glaube, wenn wir uns da ein wenig mehr dran halten würden, dann würde vielleicht auch deutlich werden, dass in diesem Unperfekten vielleicht auch ein Weihnachtsmoment aufkommen kann.

Bürger: Sie selbst, so habe ich auf Ihrer Homepage gelesen, haben zwei bis vier Kinder, ich nehme mal an, zwei eigene und zwei eines neuen Partners.

Grünewald: Ja.

Bürger: Wie werden Sie denn zu Weihnachten Ihren Stall besetzen?

Grünewald: Ja, wir haben tatsächlich beschlossen, dass Weihnachten für uns ... Diese drei Tage reichen nicht und wir brauchen tatsächlich einen dritten Weihnachtstag, um in jeder Konstellation dann auch feiern zu können. Also natürlich haben wir auch diese Großeltern-Kutscherei, wir wollen es aber nicht jetzt machen, dass wir alles an einem Tag auch noch hin- und herfahren, sondern dass wir uns dann auch Zeit nehmen, und dann braucht man einfach einen Tag mehr. Das ist bei uns jetzt möglich von den Entfernungen, aber man könnte ja auch das an den Wochenenden vorher oder nachher oder auf einen anderen Zeitpunkt legen. Man setzt sich ja unter diesen Zwang, dass man das alles an diesen Tagen macht, möglichst noch alles Heiligabend.

Bürger: Ich vermute mal, dass es mehr Scheidungskinder gibt, die den Heiligabend bei der Mutter verbringen als bei dem Vater. Wie sollten sich die Väter dennoch bemerkbar machen?

Grünewald: Wenn da überhaupt kein Kontakt ist, dann ist es natürlich auch schwer, dann Weihnachten einen harmonischen Kontakt hinzubekommen. Wenn aber das ganze Jahr über eine freundschaftliche Stimmung, eine freundschaftliche Kommunikation herrscht, dann ist vielleicht auch so was möglich wie, ich kann mal anrufen zwischendurch, oder der Papa kann auch sagen, hier, ich mache es mir jetzt auch schön, feier du bitte auch schön Weihnachten, sodass das Kind nicht die Verantwortung übernehmen muss von der Ferne her: Wenn ich jetzt mit Papa telefoniere, muss ich gucken, dass es dem auch gut geht, also muss ich dem jetzt eventuell auch sagen, wie traurig ich bin, dass er nicht da ist und so weiter, sondern wenn das Kind merkt, Papa oder Mama kann auch für sich alleine sorgen, dann hat das Kind sozusagen ... bekommt die Erlaubnis, dass es ihm auch gut gehen kann.

Bürger: Es ist ja auch die Frage, ob man an Weihnachten überhaupt versuchen muss, den Bedürfnissen aller Familienmitglieder gerecht zu werden. Ist es nicht auch legitim, etwa als Mutter zu sagen, das ganze Jahr über leiste ich hier die meiste Erziehungsarbeit, gerade deshalb ist mir ein harmonisches Weihnachtsfest ohne zusätzlichen Stress besonders wichtig?

Grünewald: Ja, natürlich, das ist auch, wenn ich jetzt so meine Beratungen angucke, das ist auch mit ein Zentrum, dass man so überlegt: Was bedeutet mir das eigentlich, und wie kann ich das den anderen deutlich machen? Und dann ist man aber direkt in einer Ebene dahinter, dann kann man sich schon anders unterhalten, und dann kriegt man auch ein Gefühl dafür: Kann ich dem Vater sagen, mir ist es so wichtig, Weihnachten mit meinem Kind zu feiern, dass ich jetzt verlange, dass du darauf verzichtest? Wenn deutlich wird, was das bedeutet, dann ist es oft gar nicht mehr so schwer für den Mann, zu sagen, okay, ich verstehe sofort, Heiligabend ist für dich auch der wichtigere Part, der ist für mich gar nicht so wichtig, dann kann ich damit leben, wenn die Kleine oder der Große am zweiten Weihnachtstag zu mir kommt.

Bürger: Viele Väter kompensieren ihre Abwesenheit mit übertriebenen Geschenken. Gibt es da eigentlich so was wie eine Konkurrenz der geschiedenen Eltern um die besseren Geschenke?

Grünewald: Leider gibt es das. Fürs Kind haben diese Geschenke oftmals tatsächlich diese Ersatzfunktion, dass die Kinder traurig sind, dass die Eltern nicht mehr zusammen sind, und dass sie aber schon verstehen: Papa schenkt mir jetzt das teure ferngesteuerte Auto oder weiß nicht was, das zeigt schon: Ich bedeute ihm was. Kinder haben da die Fähigkeit, das auch noch so zu verrechnen. Und das ist auch was, was man den Kindern nicht nehmen sollte.

Bürger: Die Familientherapeutin Katharina Grünewald. Haben Sie vielen Dank fürs Gespräch und schöne Weihnachten!

Grünewald: Ja, danke, Ihnen auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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