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Thema / Archiv | Beitrag vom 10.01.2013

Was sich für Indiens Frauen verbessern muss

Der Autor Raj Kamal Jha über die soziale Lage in seinem Land

Moderation: Ulrike Timm

Indische Frauen protestieren nach der Vergewaltigung einer Studentin (picture alliance / dpa / Harish Tyagi)
Indische Frauen protestieren nach der Vergewaltigung einer Studentin (picture alliance / dpa / Harish Tyagi)

Nach der tödlichen Vergewaltigung einer Studentin diskutiert Indien über die gesellschaftlichen Wurzeln dieses Verbrechens. Frauen brauchen mehr Schulbildung, bessere Jobs und mehr wirtschaftliche Macht, damit sich ihre Situation zum Positiven verändert, meint der Schriftsteller Raj Kamal Jha.

Ulrike Timm: Schockierendes haben wir in den vergangenen Wochen über Indien erfahren, dass die Ermordung einer jungen Frau nach einer Vergewaltigung durch sechs Männer zu Proteststürmen geführt hat, Vergewaltigungen von Frauen dort aber an der Tagesordnung sind, dass man in Indien jedes Jahr Hunderttausende ungeborene Babys abtreibt, weil sie weiblich sind, und dass die Mitgift, die die Familie einer Braut an den Bräutigam zu zahlen hat, dazu da ist, um die Wertlosigkeit des Mädchens aufzuwiegen. Die bestialische Tat muss auch gesellschaftliche Wurzeln haben, sonst würden nicht Tausende protestieren, so wie man in Indien noch nie demonstriert hat wegen Gewalt gegen Frauen.

Wir wollen mit dem indischen Journalisten und Schriftsteller Raj Kamal Jha darüber sprechen und auch darüber, wie groß oder wie klein seine Hoffnung ist, dass sich tatsächlich etwas ändert. Mister Jha, nice to meet you here!

Raj Kamal Jha: Nice to help you!

Timm: Mister Jha, der Prozess gegen die Täter hat begonnen. So schnell hat in Indien wohl noch nie ein Mordprozess begonnen, ist das das erste Ergebnis der Demonstrationen, dass die Regierung sich im Zugzwang fühlt, etwas zu tun?

Jha: Bevor ich diese Frage wirklich beantworte, möchte ich Sie erst noch einmal in einen gewissen Kontext stellen. Und da ist es mir sehr wichtig, auf zwei ganz entscheidende Veränderungen in der indischen Gesellschaft hinzuweisen, die dann auch zu solchen Resultaten beitragen. Und diese erste große Veränderung besteht darin, dass zum ersten Mal die städtische Bevölkerung, also in sogenannten urbanen Gebieten, die Landbevölkerung überwiegt. Das ist eine riesengroße Veränderung in Indien, dass es jetzt mehr Leute gibt, die in Städten wohnen, als auf dem Land.

Und es ist so, dass mehr als 60 Prozent der indischen Bevölkerung unter 35 Jahre alt sind und mehr als 50 Prozent sind sogar unter 25 Jahre. 25 war in etwa das Alter dieser Frau. Das ist enorm, diese Veränderung. Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass in Indien über eine Milliarde Menschen leben und davon 500 Millionen – das sind mehr als alle Europäer zusammen – unter 30 sind, dann ist das ein Rahmen, in den wir diese Vergewaltigung einzuordnen haben.

Timm: Schauen wir mal darauf, wie das in Indien diskutiert wird: Gut drei Wochen später kann man ja bei allem Schock auch in den Zeitungen nicht mehr ständig darüber schreiben, dass es eine furchtbare Tat war, das ist ja klar. Wie diskutieren denn die Zeitungen und die Medien über diese Hintergründe, die Sie uns gerade beschrieben haben?

Jha: Die wunderbare Sache in den indischen Medien – und das ist ja auch das Gute an einer freien demokratischen Gesellschaft – ist, dass erst mal sehr viel Lärm geschlagen wird. Es gibt einige, die halten Filme für verantwortlich oder die Kultur, andere sehen geschichtliche Ursachen oder bringen auch Geografie mit ins Spiel. Aber was man sich einfach anschauen muss, ist, man schaut auf den Status, den Frauen in Indien haben, welche Rechte Frauen überhaupt haben. Und auch da hat sich in den letzten 20 Jahren doch sehr, sehr viel verändert. Wenn man sich beispielsweise anschaut, wie viele indische Frauen und Mädchen jetzt auch arbeiten. Um Ihnen nur eine Zahl zu nennen: Die Anzahl von Mädchen und Frauen, die wenigstens die Schule beenden, ist immerhin von 25 Prozent auf 45 Prozent in den letzten 15 Jahren angestiegen.

Timm: Das ist dann natürlich auch die gebildete Schicht, die sich jetzt wehrt, die jetzt demonstriert. Aber das Land ist so riesig, ist diese Protestgeneration, die jetzt aufsteht und sagt, wir müssen Frauen achten, wirklich in Indien eine Mehrheit, oder ist sie eine Minderheit, deren Anliegen dann möglicherweise auch wieder schnell verpufft?

Jha: Das ist eine Minderheit, das ist sogar eine mikroskopisch kleine Minderheit. Aber meine Hoffnung besteht darin, wie ausdrucksstark diese Minderheit ist. Sie schaffen es, sich im Fernsehen Gehör zu verschaffen, sie nutzen soziale Medien, und 2013 hat sich dann schon sehr, sehr viel verändert im Vergleich beispielsweise zu einem Jahr wie 1983. Und das gibt mir Hoffnung. Wenn man sich anschaut, wie viele Frauen jetzt eben mehr arbeiten und wie viele junge Mädchen dann auch mal abends alleine ins Kino gehen, dann sind das alles Gründe, die mich hoffnungsvoll stimmen.

Timm: Wir sprechen mit dem indischen Autor und Journalisten Raj Kamal Jha darüber, wie die Vergewaltigung und Ermordung einer jungen indischen Studentin derzeit in Indien eine Gesellschaft zumindest ein wenig dabei ist aus den Angeln zu heben. Ein bisschen hören Sie meine Skepsis, weil Sie selber sagen, es ist eine kleine Minderheit. Das heißt aber, für die Mehrheit in Indien ist es tatsächlich normal, dass sich eine Frau nach 18 Uhr nicht auf die Straße traut?

Jha: Das, denke ich, ist jetzt aber nicht die Frage! Sondern die Frage ist einfach, was es für eine Kluft gibt zurzeit zwischen dem, was sich Frauen mittlerweile auch ein bisschen erarbeitet haben, welche Rolle sie mittlerweile durchaus schon spielen, und der sozialen Infrastruktur, die überhaupt noch nicht da ist, um das sozusagen auszugleichen. Also, in diesem ganz konkreten Fall beispielsweise: Es war überhaupt nicht spät, es war ja noch nicht einmal halb elf abends. Und sie ist in ein Kino gegangen an einem unglaublich belebten Ort, das wäre in Berlin zu vergleichen mit dem Alexanderplatz. Das war ein ganz großes Einkaufszentrum, das auch noch sehr belebt war. Das Schockierende nun ist, dass sie überhaupt keinen sicheren Bus mehr fand, in den sie noch hätte steigen können, das ist das Schockierende.

Und das ist genau das, um was es mir geht: Es ist so viel wichtiger, damit sich Frauen sicher fühlen, die Infrastruktur zu verändern. Sicher kann man in die Polizei investieren, man kann dafür sorgen, dass die Gerichte schneller arbeiten, aber Sie können ja keine Gesetze für bessere Männer beschließen. Also, was Sie tun müssen, ist eine bessere soziale Infrastruktur zu schaffen, damit sich die Sicherheit von Frauen erhöht.

Timm: Mister Jha, die indische Schriftstellerin Kishwar Desai, die schrieb in einem Essay, den wir hier gelesen haben, die Frauenfeindlichkeit in Indien ginge auch immer noch auf das Kastenwesen zurück. Denn ganz gleich, in welcher Kaste man steckt, die Frauen gehören immer nach ganz unten. Wie muss man sich diese Hierarchie im täglichen Leben immer noch vorstellen, auch womöglich jenseits von Delhi?

Jha: Sie haben natürlich recht, das ganz große Problem ist einfach, dass den Frauen in Indien die finanzielle und die wirtschaftliche Macht fehlt. Von 132 Staaten hat Indien gerade mal den 115. Platz, wenn es um unterschiedliche wirtschaftliche Macht zwischen Männern und Frauen geht, auch unterschiedliche Bezahlung. Allerdings nimmt Indien den 17. Platz ein, wenn es darum geht, wie stark Frauen politisch vertreten sind. Auch in lokalen Parlamenten werden Sitze freigehalten. Das Problem ist nur: Frauen besitzen überhaupt keine wirtschaftliche Macht, und deswegen müssen sie mehr in die Schule gehen, müssen Jobs bekommen, um diese Hierarchie aufzubrechen. Das hat bei Männern ähnlich stattgefunden, seitdem mehr Männer Zugang zu guten Jobs und zu Bildung haben, hat sich da sehr viel verändert in der Hierarchie.

Timm: Das heißt, Sie sehen das anders als Ihre Schriftstellerkollegin Kishwar Desai, die doch die Grundhaltung gegenüber Frauen auch immer noch auf das Kastenwesen zurückführt?

Jha: Ich finde, das ist ihr Standpunkt. Etwas, womit ich mit ihr überhaupt nicht einverstanden bin, ist, wenn man alles immer nur auf kulturelle Unterschiede versucht herunterzudeklinieren, wie man das dann in den USA beispielsweise auch macht, dass man vieles einfach nur in der Ursache der Sklaverei sieht, oder in Deutschland gibt es ja auch vieles, was mit der Vergangenheit zu tun hat, auf das man das dann immer versucht zu reduzieren. Also, ich bin in erster Linie ein Journalist und ich arbeite mit Fakten, und in diesem Fall sind die Fakten ganz einfach. Es ist wirklich so: Es gibt zu wenige Frauen und zu wenige Mädchen, die die Schule beenden, die überhaupt zur Schule gehen und die arbeiten. Und wenn diese Zahlen sich signifikant nach oben entwickeln, dann wird es auch in der indischen Gesellschaft eine Veränderung geben.

Timm: Aber das war doch genau eine gebildete Frau, die es dort getroffen hat! Macht das die Männer dort aggressiv, dass eine Frau so ist, gebildet, aufstiegswillig, berufstätig, wie diese Studentin?

Jha: Der aggressivste Junge, das war der, der noch nicht einmal 18 Jahre alt war, und er lebt mit seiner Familie auf der Straße und er arbeitet, seitdem er sechs Jahre alt ist. Und dabei gibt es ein Gesetz in Indien, das sagt, jedes sechsjährige Kind muss in die Schule. Das sind die Realitäten zurzeit in Indien und da ist es mir zu einfach, wenn man das alles immer nur auf Kasten und auf kulturelle Unterschiede reduziert. Es ist einfach so, dass in Indien zurzeit ganz starke Veränderungen stattfinden, und es ist unglaublich tragisch, dass diese junge Frau gestorben ist. Es wird aber dazu führen, dass es Veränderungen geben wird in der indischen Gesellschaft, und diese Veränderungen werden stattfinden.

Timm: In welchen Zeiträumen denken Sie, wenn Sie meinen, dass sich derzeit viel ändert? Oder auch anders gefragt: Wann wird es dieses geflügelte Wort in Indien vom "Eva necken" nicht mehr geben?

Jha: Darauf kann ich Ihnen natürlich überhaupt keine Antwort geben. Es wird immer so sein, dass es Männer gibt, die auf Frauen herabschauen, die sie auf eine degradierende Art und Weise auch anmachen, das wird in Delhi passieren, das wird in New York passieren, das wird in Rom, aber auch in Berlin passieren. Die Frage ist wirklich, wie sicher können sich Frauen fühlen, und kommen die Männer damit davon? Wenn in Rom ein Mann einer Frau hinterherpfeift, findet man das vielleicht noch süß, in anderen Städten wird eine Frau angefasst und auch da stellt sich die Frage, inwiefern kommt er davon? Aber die Hoffnung, die ich einfach habe, ist, dass Frauen dieses fundamentale Grundrecht auf Leben einfach auch durch Sicherheit gewährt wird. Das ist die Frage, die sich für mich stellt. Das sind keine religiösen oder kulturellen Fragen, die hier eine Rolle spielen.

Timm: Der indische Journalist und Autor Jaj Kamal Jha, thank you for joining us!

Jha: Thank you very much for having me here!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Raj Kamal Jha ist leitender Redakteur der im indischen Dehli ansässigen Tageszeitung "Indian Express" und Schriftsteller. Auf Deutsch liegen drei seiner Bücher vor: "Das blaue Tuch", "Wenn du dich fürchtest vor dem Fall" und "Die durchs Feuer gehen" (Goldmann Verlag). Seine Romane befassen sich mit den Konflikten des modernen Indiens: mit Kindesmissbrauch und häusliche Gewalt, der Kluft zwischen arm und reich und zuletzt mit dem Massaker an Muslimen im Jahr 2002. Derzeit ist Raj Kamal Jha Stipendiat des DAAD-Künstlerprogramms in Berlin.


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