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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 03.08.2009

Warum postkoloniale Megaprojekte gegen den Klimawandel nicht gelingen können

Von Claus Leggewie

Der Klimawandel macht es notwendig, "groß" zu denken, meint Claus Leggewie (hier das Kraftwerk Scholven) (AP)
Der Klimawandel macht es notwendig, "groß" zu denken, meint Claus Leggewie (hier das Kraftwerk Scholven) (AP)

Nicht-fossile Energiealternativen müssen im Norden wie im Süden gefunden werden, und zwar in einem Umfang und einer Geschwindigkeit, die wirtschaftshistorisch ohne Vorbild sind. Die Solarpartnerschaft mit Afrika scheint also genau zur rechten Zeit zu kommen, wenn wir in eine Zeit nach Kohle und Öl einsteigen. Der Klimawandel macht es notwendig, "groß" zu denken.

Doch ohne Mitwirkung des Südens auf Augenhöhe steht auch eine an sich sympathische Solarpartnerschaft in der Tradition großtechnischer Megaprojekte der kolonialen und postkolonialen Zeit, die nicht gerade dazu angetan waren, das Nord-Süd-Gefälle und die Abhängigkeit der Dritten Welt von einer schmalen Schicht politischer und wirtschaftlicher Potentaten zu verringern.

Echte Teilhabe wird von autoritären Regimen verhindert, die an der Nabelschnur westlicher Staaten, Konzerne und Hilfsorganisationen hängen und einer offenen Zivilgesellschaft misstrauen. Wer allein auf diese korrupten Staatsklassen setzt, wird scheitern wie viele ambitionierte Entwicklungsprojekte zuvor. Solarenergie geht, pointiert gesagt, nicht ohne mehr Demokratie.

Jede echte Partnerschaft muss vor allem aber die Folgen gefährlichen Klimawandels in Afrika selbst eindämmen, auf einem Kontinent also, der besonders wenig zum Klimawandel beigetragen hat, davon aber besonders schwer betroffen sein wird. Die Wüsten dehnen sich rasant aus, Küstenregionen sind durch den Anstieg des Meeresspiegels und Extremwetter gefährdet, die biologische Vielfalt nimmt rapide ab und weitere Pandemien drohen.

Es besteht also ein ganz enger Zusammenhang zwischen Klimaschutz, Hungerbekämpfung, einer nachhaltigen Landwirtschaft und der Stärkung lokaler Gemeinschaften. Klimaschutz und Katastrophenvorsorge laufen auch in Afrika nicht auf Notstandsregime oder gar eine Öko-Diktatur hinaus, sondern können eine neue Welle politischer Teilhabe anstoßen.

Auch das spricht gegen Megaprojekte, die stets Zentralisierung mit sich bringen, auf den Weltmarkt ausgerichtet und sicherheitsanfällig sind. Eine klimaverträgliche Welt respektiert stets auch das lokale Wissen, von dem bisher weder bei der EU-Mittelmeerunion noch bei Desertec die Rede war. Beide Vorhaben lägen falsch, wenn der Norden damit nur seine Überentwicklung und Energieverschwendung fortsetzen wollte und im Süden davon lediglich eine schmale Schicht profitieren würde. In die globale Energieplanung gehört von Beginn an die Expertise des Südens - und der coole, postkoloniale Blick der Kulturwissenschaften.

Und eine Illusion sollte jede Entwicklungszusammenarbeit vermeiden: Dass der Norden als Gewinner des Klimawandels bereits feststeht. Mag man auch glauben, Europa werde von der Unbill extremen Wetters weniger betroffen sein und mit neuer Umwelttechnologie sich selbst und dem Rest der Welt helfen - die Folgen von Dürre schlagen bereits heute in Gestalt von Klima-Flüchtlingen auf Europa zurück, das darauf schlecht vorbereitet ist.

Und während der Norden bei Katastrophenbewältigung auf den fürsorglichen Staat fixiert ist, könnten in den politischen Systemen Afrikas, wo Staatlichkeit in massiver Weise gescheitert ist und solche Erwartungen an korrupte Regimes gar nicht bestehen, die Menschen besser als bei uns auf Selbsthilfe und Selbstorganisation vorbereitet sein. Das ist natürlich kein Plädoyer für Entstaatlichung, aber es zeigt erneut, wo Europa (und zwar nicht nur in Sachen Klima!) von Afrika lernen kann. Und allein im Geiste dieser Wechselseitigkeit muss jede Energiepartnerschaft konzipiert werden.


Claus Leggewie (Stiftung Mercator, Essen)Claus Leggewie (Stiftung Mercator, Essen)Claus Leggewie, geboren1950 in Wanne-Eickel, ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Gießen (beurlaubt) und Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen. Leggewie ist seit Dezember 2008 Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU). Er studierte Sozialwissenschaften und Geschichte in Köln und Paris und promovierte bei Bassam Tibi über Frankreichs Kolonialpolitik in Algerien. Nach der Habilitation wurde er 1986 zum Professor an der Universität Göttingen ernannt und wechselte 1989 an die Universität in Gießen.

Von 1995 bis 1997 lehrte Leggewie als erster Inhaber des Max-Weber-Chair am Center for European Studies an der New York University. 2000/2001 war er Fellow am Wissenschaftskolleg Berlin, 2006 Körber-Fellow am Institut für die Wissenschaften am Menschen, Wien. Leggewies Thema ist die "kollektive Identität postmoderner Gesellschaften im Zeitalter der Globalisierung". Seine Bücher handeln unter anderem vom "Islam im Westen" (1993), vom Internet (1999) und von Amerika ("Amerikas Welt: Die USA in unseren Köpfen", 2000). 2005 erschien sein Buch (mit Erik Meyer) "Ein Ort, an den man gerne geht. Das Holocaust-Mahnmal und die deutsche Geschichtspolitik 1989".

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