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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 02.02.2013

Warum es so viele Sojaallergien gibt

Sojaeiweiß ist überall - und wird oft nicht korrekt deklariert

Von Udo Pollmer

Verpackte Soja-Keimlinge.
Verpackte Soja-Keimlinge. (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)

Fast eine halbe Million Menschen leiden in Deutschland bereits an einer Sojaallergie, Tendenz steigend. Und wer auf Sojaeiweiß verzichten will, muss seinen Speiseplan massiv beschneiden. Dabei zeigt ein Blick nach China und Japan: Es liegt weniger am Soja, als vielmehr an seiner Verarbeitung.

Manchmal sind Lebensmittel-Allergien gar nicht so rätselhaft, wie gern behauptet wird. Derzeit beschäftigt die Fachwelt die rasante Zunahme von Sojaallergien – aber nicht in China, nein in Deutschland.

Wie die Medien glaubhaft berichten, leiden bereits 400.000 Deutsche an einer Soja-Allergie. Der Speiseplan der Betroffenen wird dadurch deutlich eingeschränkt. Glücklicherweise spielen Sojaöl und Lecithin bei den Allergien meist keine nennenswerte Rolle. Es ist vor allem das Eiweiß, das Reaktionen auslöst.

Doch das Sojaeiweiß ist heute allgegenwärtig: als Analogkäse auf der Pizza, als Ei-Ersatz im Kuchen, als Milchersatz für kleine Kinder, als Pseudoleberwurst auf dem Brot, als Soja-Pudding für Milchvermeider, als Diät-Eiweißpulver für Neurotiker.

Natürlich gibt es auch Kreuzallergien: Fast alle Sojaallergiker reagieren auch auf Birkenpollen. Außerdem gilt Soja als eine Ursache von Milchallergien. Es ist also unsinnig, mit Soja Milchallergien vorbeugen zu wollen. Dennoch wird das immer wieder versucht.

Eine australische Untersuchung mit 620 gesunden Säuglingen aus Allergiker-Familien ergab, dass Sojaformula keine Vorteile gegenüber normaler Babymilch brachte. Im Alter von 7 Jahren war die Allergierate immer noch gleich. Auch eine hypoallergene Milch bot in dieser Studie keinen Vorteil.

Eine chinesische Untersuchung zeigte zwar den Nutzen von hypoallergener Milch für Säuglinge, die tatsächlich Milchallergiker waren – beklagte aber bei Sojamilch eine geringere Wirkung und vor allem Gedeihstörungen.

Gewöhnlich muss die Verwendung von Soja deklariert werden – aber da sollte sich lieber niemand drauf verlassen. Im Restaurant, beim Bäcker, am Imbissstand fehlen gewöhnlich geeignete Hinweise. Gerade der Bäcker ist ein wichtiger Verwender von Vorprodukten, die Soja enthalten. In Backmischungen ist Soja drin, damit Brötchen und Toastbrot schön weiß strahlen. Auch in Nussecken oder Müsliriegeln: Da werden die Haselnüsse erst mit Erdnüssen gestreckt und dann die Erdnüsse mit gerösteten Sojakernen. Das merkt ja keiner und ist ein paar Cent billiger.

Sojaallergien nehmen genauso schnell zu wie die Sojaprodukte auf dem deutschen Markt. Und warum passiert das nicht in Asien, der Heimat der Bohne – sondern hier in Deutschland? Weil die Sojabohne dort kein Wundermittel für Spinner ist, sondern ein Produkt, das korrekt verarbeitet sein will, bevor man es essen kann.

Sojasoße beispielsweise enthält keine Sojaallergene mehr – die sind da samt und sonders abgebaut. Tofu wird in Asien gern als Stink-Tofu konsumiert – also nicht frisch, sondern erst nach einer dreimonatigen Fermentation – ähnlich einem sehr alten Limburger Käse. Auch das schleimige Natto, eine japanische Spezialität, besteht aus Sojabohnen, die erst stundenlang gekocht und dann fermentiert wurden – Aussehen, Geschmack und Geruch sind nichts für Langnasen.

Sojabohnen enthalten von Natur aus Enzyminhibitoren, also Abwehrstoffe gegen Schädlinge – und diese Abwehrstoffe sind eine ideale Brutstätte für Allergien. Da sie außerdem die Verdauung beeinträchtigen, wird Soja für Schweine oder Geflügel per Heißextrusion aufbereitet, damit die Tiere in ihrer kurzen Lebensspanne davon nicht Schaden nehmen. Kein Mäster würde einem Schwein das zumuten, was Verbrauchern in Gesundheitssendungen empfohlen wird – und dennoch haben die hohen Sojarationen im Futter Folgen beim Tier: Bei Schweinen begünstigen sie das Schwanzbeißen.

Auch deshalb werden heute den Ferkeln die Schwänze kupiert, also abgezwickt. So kann man mehr Soja füttern – mit Tiermehl wäre das nicht passiert, aber das ist ja verboten. Als Ursache gelten die pflanzlichen Hormone im Sojamehl. Mäster berichten, mit dem Schwanzbeißen sei es vorbei, seit sie Rapsschrot füttern.

Insofern ist die Soja-Allergie in vielen Fällen vielleicht nur der Schutzmechanismus eines erfahrenen Körpers vor den Dummheiten einiger Köpfe. Mahlzeit!


Literatur
BfR Sojaprodukte können bei Birkenpollen-Allergikern schwere allergische Reaktionen auslösen. Stellungnahme 016/2007

Lowe AJ et al: Effect of a partially hydrolyzed whey infant formula at weaning on risk of allergic disease in high-risk children: a randomized controlled trial. JACI 2011; 128: 360-365

Yan Jm et al: Evaluation of therapeutic effects of three hypoallergenic formulae in infants with cow’s milk protein allergy. Zhonghua Er Ke Za Zhi (Chinesische Zeitschrift für Kinderheilkunde) 2011; 49: 505-501

Fruzza AG et al: Unawareness of the effects of soy intake on the management of congenital hypothyroism. Pediatrics 2012; 130: e699-e702

Besler M et al: Allergen Data Collection – Update: Soybean (Glycine max) Internet Symposium on Food Allergens 2000; 2 Suppl 3: 1-35

De Swert LF et al: Secondary soy allergy in children with birch pollen allergy may cause both chronic and acute symptoms. Pediatric Allergy and Immunology 2012; 23: 117-123

Treudler R, Simon JC: Schwere Sojaallergie im Erwachsenenalter. Der Hautarzt 2012; 63: 307-313

Cheeke PR: Natural Toxicants in Feeds, Forages, and Poisonous Plants. Interstate, Danville 1998

Schlüter R: Auswirkungen des Einsatzes von einem Flüssigfutter aus thermisch vorbehandelten Speiseresten und Kartoffeln auf die Mastleistungen, Gesundheitsstatus, Schlachtkörperqualität und Ökonomie in der Schweinemast. Dissertation, Tierärztliche Hochschule Hannover 2002

Liu KS: Soybeans: Chemistry, Technology, and Utilization. Aspen, Gaithersburg 1999

Daniel KT: The Whole Soy Story. New Trends, Washington 2007


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