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Interview / Archiv | Beitrag vom 15.07.2013

Warum die Deutschen so misstrauisch sind

Kommunikationswissenschaftler Bentele über ein verbreitetes Gefühl

Günter Bentele im Gespräch mit Korbinian Frenzel

In Deutschland sind die Menschen misstrauischer als in vielen anderen Ländern.
In Deutschland sind die Menschen misstrauischer als in vielen anderen Ländern. (Stock.XCHNG / Nicole McDaniel)

Die da oben machen ja eh, was sie wollen: Solche Sätze sind hierzulande häufig zu hören. Denn die Deutschen sind gegenüber Politikern und Managern besonders misstrauisch, sagt Günter Bentele von der Uni Leipzig. In manchen Fällen könne eine solche Haltung sogar krankhafte Züge annehmen.

Korbinian Frenzel: Können wir unserer Kanzlerin vertrauen, dass sie wirklich nicht mehr wusste über die Ausspähaktion unserer lieben amerikanischen Freunde? Das Misstrauen, dass es so ist, dürfte groß sein hierzulande und mit gutem Grund dürfen wir uns mal wieder in einem Gefühl bestätigt sehen, das ganz offenbar sehr lebendig ist in Deutschland: das Misstrauen – sei es nun gegenüber Politikern, gegenüber Managern oder gegenüber Ökosiegeln zum Beispiel und dem, was sie so versprechen. Sind wir ein besonders misstrauisches Volk? Zumindest kommt es uns im Team der "Ortszeit" manchmal so vor, wenn wir täglich durch die Zeitung blättern. Aber wir wollen unseren eigenen Gefühlen mal nicht so einfach vertrauen und reden deshalb mit jemandem, der das von Berufswegen wissen muss: Günter Bentele, Kommunikationsprofessor an der Uni Leipzig. Sein Schwerpunkt ist die Vertrauensforschung. Guten Morgen, Herr Bentele!

Günter Bentele: Ja guten Morgen!

Frenzel: Sind wir Deutschen ein besonders misstrauisches Volk?

Bentele: Man kann das durchaus so sagen. Es gibt Studien, die weltweit durchgeführt werden, und da stellt sich heraus, dass die deutsche Bevölkerung insbesondere in bestimmten Bereichen - Wirtschaft, Politik - weniger vertraut, deutlich weniger vertraut, als das in anderen Ländern der Fall ist.

Frenzel: Das heißt, es trifft vor allem die Autoritäten, oder misstrauen wir uns auch besonders stark untereinander, über den Gartenzaun, unter Kollegen?

Bentele: Da habe ich jetzt keine Ergebnisse parat. Aber das zwischenmenschliche Vertrauen ist auf mittlerer Ebene. Etwa zwei Drittel vertrauen den Leuten wie Du und ich, so wird eine Frage gestellt, und das ist in Deutschland nicht sehr viel geringer als in anderen Ländern. Aber in Bezug auf bestimmte Organisationen oder Bereiche, nehmen Sie den Bankensektor und so weiter, ist das Vertrauen sehr niedrig.

Frenzel: Woran liegt das denn? Haben Sie dafür Erklärungen?

Bentele: Natürlich gibt es dafür Erklärungen. Das sind die Erfahrungen, die die Leute mit bestimmten Bereichen machen. Jeder Skandal, der durch die Medien geht oder durch die Medien auch definiert wird, trägt natürlich dazu bei, dass man bestimmten Personen – nehmen Sie Christian Wulff oder nehmen Sie bestimmte Unternehmen, die mit Korruption in Verbindung gebracht werden oder denen das nachgewiesen worden ist, nehmen Sie Siemens vor ein paar Jahren. So entsteht Misstrauen. Vertrauen ist natürlich etwas, was durchaus wiedergewonnen werden kann durch bestimmte Maßnahmen. Wenn man Buße tut, wenn man sich entschuldigt, wenn man es besser macht, wenn man die Verantwortlichen bestraft oder entlässt, dann sind das Mechanismen, Vertrauen wiederzugewinnen. Das ist ein permanent dahinfließender Prozess der Vertrauensbildung und der Misstrauensbildung und man muss immer differenzieren, über welche Vertrauensobjekte man gerade spricht, wem oder was man vertraut und wer vertraut. Da gibt es große Unterschiede.

Frenzel: Nun kennt man das ja so ein bisschen aus diesen Aussagen: Die machen ja eh was sie wollen. Ich finde, daraus spricht immer eher so etwas wie, na ja, nicht unbedingt die intellektuelle Herangehensweise an ein Problem. Ist das Misstrauen so was wie das Grundgrummeln der Dummen, oder ist es das Schwert der Klugen?

Bentele: Nein! Ich denke, ein gewisses Maß an Misstrauen gehört auch dazu, wenn man Vertrauen bilden will. Man braucht eine gewisse Skepsis. Man darf nicht alles glauben, was man vorgesetzt bekommt, und insofern ist ein gesundes Misstrauen – wir sprechen vom gesunden Misstrauen – durchaus nicht automatisch das Gegenteil von Vertrauen, sondern ein, wir sagen dazu, funktionales Äquivalent, also eine Art Voraussetzung. Das Misstrauen darf aber nicht zu hoch werden, sonst kann es krankhaft werden.

Frenzel: Haben wir vielleicht auch ein besonderes Maß an Misstrauen in diesem Lande, weil wir eine Großeltern- und Elterngeneration hatten, die vielleicht ein bisschen zu sehr vertraut hat in ihre Führer, in ihren Führer?

Bentele: Ich denke schon, dass solche historischen Gründe mit eine Rolle spielen. Es ist faszinierend, wenn man das im Vergleich beispielsweise zwischen Südamerika, dem asiatischen Raum oder Europa anguckt. Die Europäer sind generell etwas weniger vertrauensselig oder vertrauen generell der Politik oder der Wirtschaft weniger als zum Beispiel der asiatische Raum und teilweise in Südamerika. Aber auch da gibt es große Unterschiede. Ich habe mir gerade vor kurzem einige Daten angesehen. In Mexiko beispielsweise gibt es relativ großes Vertrauen in die Wirtschaft, deutlich mehr als in Deutschland, aber wenig Vertrauen in die Regierung. Das ist noch weniger, als in Deutschland beispielsweise Leute in die Regierung vertrauen, in die Regierungs-Performance oder Arbeit vertrauen. So gibt es sehr große Unterschiede: In China vertrauen etwa drei Viertel der Bevölkerung der Wirtschaft relativ stark und 81 Prozent der Regierung. Das sind Ergebnisse, die nicht von der chinesischen Regierung erfasst worden sind, sondern von einer in Amerika ansässigen Agentur, die jedes Jahr eine groß angelegte Vertrauensumfrage macht.

Frenzel: Wenn wir mal bei den Unterschieden bleiben – gibt es auch Unterschiede bei uns im Land? Ich denke gerade an ehemalige DDR-Bürger vielleicht im Vergleich zu ehemaligen BRD-Bürgern.

Bentele: Es gibt solche Unterschiede. Leute, die in Ostdeutschland, in den neuen Bundesländern wohnen, sind in vielen Bereichen etwas weniger bereit, Vertrauen in Institutionen zu geben. Man kann sagen, sie hatten nach der Wende sicherlich auch da und dort Grund genug, sie sind betrogen worden, es gab viele Dinge, die für sie neu waren, wo sie übertölpelt worden sind und so weiter. Außerdem war das Vertrauen in staatliche Institutionen auch vor der Wende in der DDR natürlich sehr gering. Also da ist ein Misstrauen gerade gegenüber von Regierungsstellen, offiziellen staatlichen Stellen vorhanden, das stärker ausgeprägt ist als im Westen.

Frenzel: Wenn wir jetzt noch mal auf die Quelle größtmöglichen Misstrauens schauen, die wir gerade erleben: der Skandal um die Abhöraktionen der Amerikaner und anderer Geheimdienste. Was kann man denn da tun, um aus Misstrauen wieder Vertrauen zu machen?

Bentele: Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, Vertrauen zu entwickeln. Transparenz ist eine der wichtigsten Möglichkeiten, das heißt, wie etwas funktioniert, wie etwas zu erklären ist. Nur ist das bei Geheimdiensten natürlich generell schwierig. Geheimdienste heißen so, weil sie eben geheim arbeiten. Wenn jeder Geheimdienst alles offen machen würde, transparent machen würde, was er so tut, könnte man keine geheimdienstliche Arbeit mehr machen. Transparenz herzustellen, erklären, warum bestimmte Dinge, die gegen unsere Normen verstoßen, dass die Amerikaner die Botschaften der Europäer beispielsweise abhören und so weiter, das wären Dinge, die zumindest teilweise Vertrauen wieder helfen könnten aufzubauen.

Frenzel: Das sagt Günter Bentele, Professor für Kommunikationsmanagement an der Universität in Leipzig. Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Bentele: Vielen Dank!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.