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Religionen / Archiv | Beitrag vom 11.08.2012

Wandlungen

Richard Wilhelm und das "I Ging"

Von Bernd Sobolla

Shaolin-Kloster in China
Shaolin-Kloster in China (picture alliance / dpa /Bernd Settnik)

Unser letzter Beitrag führt uns nach China, oder genauer gesagt zu Richard Wilhelm (1873-1930), einem der bedeutendsten China-Kenner seiner Zeit, der sich große Verdienste als Kulturvermittler zwischen Ost und West erworben hat. Eine neu erschienene DVD schildert nun sein Leben.

"In dieser Stadt am Ufer des Gelben Meeres war Richard Wilhelm 20 Jahre lang als Missionar tätig. Es war damals die erste Zeit der kleinen Kolonie am Gelben Meer, die dazu bestimmt war ein Einfallstor für Deutschland zu bilden."

Die Rede ist von Tsingtaou, einer Kleinstadt am Gelben Meer, in der Provinz Kiautschou, im nördlichen China. Diese wird vom Deutschen Reich 1897 als Pachtgebiet übernommen und zu einer modernen Stadt ausgebaut. Dazu gehört auch die Verbreitung der europäischen Kultur und des Christentums. Und Richard Wilhelm, evangelischer Theologe und Missionar, soll eine Schlüsselrolle haben. Allerdings in umgekehrter Richtung: Denn Wilhelms Übersetzungen der Schriften von Laotse, Konfuzius und des "I Ging – des Buchs der Wandlungen" werden bald eine Brücke nach Europa schlagen.

2010 machte sich seine Enkelin, die Filmemacherin Bettina Wilhelm, auf den Weg nach Tsingtaou. Dort will sie mehr über ihren Großvater und das I Ging erfahren. Der Film zeigt historische und aktuelle Bilder, die Wirkungsstätten des Großvaters und die Begegnungen der Enkelin, eingebettet in einen angenehmen Erzählrhythmus. Richard Wilhelm ist 26 Jahre alt, als er 1899 nach China kommt. Ein Mann aus armen Verhältnissen, für den das Theologie-Studium am evangelischen Stift in Tübingen eine Bildungschance war, wie Bettina Wilhelm meint.

"Er hat sich ja nie wirklich mit den Maximen der Kirche, auch der protestantischen Kirche anfreunden können. Aber er war ein gläubiger Mensch. Also auf seine freie Art."

Allerdings erwartet die Deutsche Ostasienmission, ein evangelischer Missionsverein, Gemeindegründungen, die Richard Wilhelm ablehnt. Ihm scheint es wichtiger, sich auf das einfache Leben nach christlichen Grundsätzen zu konzentrieren.

"So wie die Lage der Dinge gegenwärtig ist, scheint es mir geboten, vom Zusammentaufen einer Gemeinde abzusehen. Ich bin der festen Überzeugung: Wenn wir Unterschiede machen zwischen Christen und Heiden, so werden sich die Heuchler herandrängen und ehrliche Herzen sich abgestoßen fühlen. So habe ich denn niemand in China getauft."

Richard Wilhelm will das chinesische Denken verstehen und lernt die Sprache. Dann begegnet er in einem Bergkloster einem Meister, der ihn auffordert, das "I Ging" zu übersetzen. Die Ursprünge des "Buches der Wandlungen" sind etwa 5.000 Jahre alt. Wobei es sich im Lauf der Zeit von einer Sammlung archaischer Orakelsprüche hin zu einem philosophischen Werk wandelte - eine Essenz aus Konfuzianismus, Daoismus und Buddhismus. Für den Historiker Henrik Jäger ein Spiegel des Geistes, der es ermöglicht, etwas zu reflektieren, was einem nicht bewusst ist.

"Die erste Etappe ist das Finden und Ausformulieren der Frage. ... Sobald man die Fragen gefunden und ausformuliert hat, kommt der eigentliche Prozess des Orakels. Und der besteht traditionell in China darin, dass man entweder drei Münzen wirft oder einen Bündel Schaf-garben nach bestimmten Vorgaben teilt. Das Werfen der Münzen wird mehrere Male wiederholt. Und diese Zahlenkombination ist es, die den Zufall einlädt, um letztlich zu einem Bild oder einem Hexagramm zu kommen. Das wiederum die Antwort auf die Frage darstellt."

Allerdings sind die Antworten bildhaft oder symbolisch. Ein Ja oder Nein gibt es nicht. Vielmehr geht es darum, dass der Fragende eine neue Perspektive erlangt. Ohne sich in Details zu verlieren, veranschaulicht der Film die Grundzüge des "I Ging": Waren es zunächst nur Orakelzeichen von zwei Linienarten, erweiterte sich das "I Ging" im Laufe der Zeit: Etwa um 1.000 v. Chr. kamen die Naturarchetypen hinzu, die acht Trigramme. Dann ließ der erste chinesische Kaiser um 300 v. Chr. alle konfuzianischen, daoistischen und buddhistischen Schriften verbrennen, verschonte aber das "I Ging". Die Gelehrten wiederum retteten Teile der Schriften, indem sie sie in Kommentare und Bilder im "I Ging" "versteckten". So wurde aus dem Werk ein großes Weisheitsbuch, wie der Historiker Richard Smith meint.

"Die acht Trigramme repräsentieren fundamentale Situationen, Kräfte und Konstellationen. Man versteht sie am besten als etwas, das irgendwo da draußen im Kosmos ist, ungesehen, aber Einfluss ausübend."

Nach dem "I Ging" bilden Himmel, Mensch und Erde eine Dreiheit. Wobei der Mensch als höchste Blüte des kosmischen Prozesses eine besondere Verantwortung trägt. Als Richard Wilhelm nach elf Jahren Übersetzungsarbeit 1924 zurück nach Deutschland kommt, interessieren sich Schriftsteller und Wissenschaftler wie Hermann Hesse, Albert Schweizer, Gerhart Hauptmann und C.G. Jung für seine Forschungen. Letzterer übernimmt Fragen des "I Ging" auch in die analytische Psychologie. In China wird das "I Ging" in der Zeit der Kulturrevolution unter Mao Zedong Mitte der 60er Jahre verboten. Doch heute sieht Bettina Wilhelm, wie die alten Rituale wiederbelebt werden.

"Und dann ist es nach und nach, als dann China doch wieder freier wurde und Konfuzius auch wieder sogar von der Regierung benutzt wurde, eine Rückbesinnung auf die alten Traditionen, sind die wieder hoch gekommen. Und diese unglaublichen Änderungen in China, dieser wahnsinnig schnelle Wandel zu einem supermodernen Land, dass das natürlich schwer zu verkraften ist. Dass man da auch ein Gegengewicht braucht, um die Psyche halt zu haben."

Popgrößen wie Bob Dylan und die Beatles ließen sich von dieser Weisheitsquelle inspirieren. Doch der Film kümmert sich nicht um Modeerscheinungen. Vielmehr bietet er eine hoch interessante kulturhistorische Fahrt, die zeigt, dass das "I Ging" keine unumstößlichen Bilder der Zukunft bietet, sondern, wie Richard Smith erläutert, eine Anregung für Menschen, ihr Schicksal zu bestimmen.

Die bedeutende Einsicht des I Ging ist, dass wir unsere Welt erst ordnen, um sie dann selbst zu bestimmen. Mit anderen Worten: In der geordneten Existenz steckt die Kapazität für unendlichen Wandel. Vorausgesetzt, man versteht die Gegebenheiten.

Die DVD "Wandlungen – Richard Wilhelm und das I Ging" von Bettina Wilhelm ist Ende Juli 2012 bei Triluna Film erschienen.