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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 29.06.2015

Währungsunion vor 25 JahrenAls die D-Mark in die DDR kam

Von Andreas Baum

Mitarbeiter einer Sparkasse in Leipzig zahlen am 1. Juli 1990 Geld aus und tauschen die Konten der DDR-Bürger. (dpa / picture alliance / Waltraud Grubitzsch)
Mitarbeiter einer Sparkasse in Leipzig zahlen am 1. Juli 1990 Geld aus und tauschen die Konten der DDR-Bürger. (dpa / picture alliance / Waltraud Grubitzsch)

Noch vor der politischen Einheit Deutschlands kam am 1.7.1990 die Währungsunion: Sie war die ökonomische Antwort auf revolutionäre Ereignisse, so der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl. Der große Verlierer war dann aber die ostdeutsche Wirtschaft.

„Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau. Guten Abend, meine Damen und Herren. Mit der Einführung einer gemeinsamen Währung und der Aufhebung der Grenzkontrollen ist die Einheit Deutschlands seit heute, Null Uhr, praktisch vollzogen. Der Staatsvertrag über die Wirtschafts-, Sozial- und Währungsunion zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik ist in Kraft getreten.“

Die Tageschau am Sonntag, dem Ersten Juli 1990 – dem Tag, als die D-Mark in die DDR kam. Nachdem zum Jahreswechsel 89 – 90 die erste Euphorie von Mauerfall und Grenzöffnung verflogen war, bemerkten die bundesrepublikanischen Statistiker, dass die Gründe, aus denen die Mauer einst gebaut worden war, wieder wirksam waren.  Allein im Januar 1990 verließen 200 Tausend Menschen die DDR, um in der Bundesrepublik Arbeit zu suchen. Das waren durchschnittlich drei Mal so viele wie vor dem Mauerbau 1961, als etwa 1.000 Menschen täglich der Systemwechsel gelang.

Die Wanderungsbewegung von 1990 war völlig legal und erwünscht. Da aber vor allem die Jungen und Leistungsfähigen die DDR verließen, konnte sich jeder ausrechnen, wann sie wirtschaftlich zusammenbrechen würde – nach etwa einem Jahr.  Am 6. Februar unterbreitete Bundeskanzler Helmut Kohl dem DDR-Ministerpräsidenten Hans Modrow völlig überraschend das Angebot, über eine Währungsunion zu verhandeln.

 "Politisch und ökonomisch, meine Damen und Herren, bedeutet dieses Angebot der Bundesregierung, dass wir bereit sind, auf ungewöhnliche, ja revolutionäre Ereignisse unsererseits eine ungewöhnliche, und wenn Sie es ökonomisch betrachten, auch revolutionäre Antwort zu geben.“

Entsetzte Reaktionen nach Helmut Kohls Alleingang

Zunächst aber führte Kohls Alleingang zu entsetzten Reaktionen, einerseits im Westen, wo man eine Ausplünderung der staatlichen Etats kommen sah– anderseits in der DDR, wo man befürchtete, dass die eigene Wirtschaft in kürzester Zeit zerstört wäre. Das Kleingedruckte ließ Kohl von seinem Kanzleramtschef Rudolf Seiters verlesen.

 „Löhne, Gehälter, Stipendien, Mieten, Pachten und Renten sowie andere wiederkehrende Versorgungszahlungen zum Beispiel Unterhaltszahlungen werden im Verhältnis 1:1 umgestellt.“

Bedenklich war, dass selbst Bundesbankpräsident Karl-Otto Pöhl, der oberster Währungshüter der Bundesrepublik aus seiner Empörung keinen Hehl machte. Er fühlte sich von Kohl düpiert, weil der ihn nicht in seine Überlegungen einbezogen hatte – die Pöhl für finanzpolitischen Unfug hielt.

 „Das halte ich doch für sehr fantastisch, diese Ideen, und ich glaube, dass das eine Illusion ist, wenn man sich vorstellt, dass durch die Einführung der D-Mark in der DDR auch nur eines der Probleme, die die DDR hat, gelöst würde.“

Rücktritt von Karl-Otto Pöhl 

Diese Meinungsäußerung bezahlte Karl-Otto Pöhl mit seinem Amt – er trat nach der Währungsunion zurück, angeblich „aus persönlichen Gründen“.  Aber auch für den Vize-Chef der Staatsbank der DDR, Edgar Most, der später in die Deutsche Bank wechselte, glich der Umtauschkurs von 1 : 1 ökonomischem Selbstmord. Beim Deutschen Bankentag in Bonn begegnete er im April 1990 Helmut Kohl.  Jahre später erinnerte sich Most.

„Ich durfte am Ehrentisch sitzen, weil ich der einzige Ossi war. Ich wusste ja gar nicht, wie so ne Konferenz abläuft, aber man lernt ja immer dazu. Und den Tag saß ich vier Stunden mit Helmut Kohl zusammen. Knie an Knie. Er kam von London, Paris nach Bonn. Da habe ich ihm angemerkt: Das war nicht seine Welt. Er hatte schwitzige  Hände. Aber ich habe diese vier Stunden genutzt, um mit ihm darüber zu reden. Ich habe sogar als geheime Verschlusssache die Bilanz der Staatsbank mitgehabt. Und hab gesagt: Herr Kohl, wir müssen einen anderen Umtauschkurs machen, wir müssen das noch einmal überdenken. Sie haben einen Wechsel unterschrieben, aber wissen nicht, welche Zahl da oben reingehört. Und nach vier Stunden Diskussion mit Pro und Contra und Hin und Her hat er am Ende so ungefähr gesagt: Wissen Sie, Herr Most, ich bin Politiker, treffe politische Entscheidungen und Sie sind Wirtschafter, Sie werden es schon lösen. Da dachte ich, wo bist du gelandet? Das war wie in der DDR.“

Obwohl die Staatsbank der DDR sehr eigene Vorstellungen hatte, wann die Währungsunion Wirklichkeit werden sollte – sehr viel später nämlich, und mit abfedernden Übergangsregelungen -, hatten die Banker Most zufolge keinen Einfluss mehr. Helmut Kohl entschied für sich allein und unterrichtete dann die Öffentlichkeit. Die Politiker der DDR dagegen, die ja ab März 1990 frei gewählt waren, informierte er nicht immer.

Der Run auf die Banken

 Der eigentliche Run auf die Banken begann in den Tagen vor der Umstellung. DDR-Bürger konnten, je nach Alter, eine Summe von 2000, 4000 oder 6000 Ostmark eins zu eins umtauschen, den Rest eins zu zwei. Dazu musste das Geld auf einem Konto liegen. Erika Dzielak, die 1990 die Sparkasse in der Eisenacher Karlstraße leitete, erinnert sich an die Woche vor der Währungsumstellung.

 „Das waren sehr turbulente Tage, da waren die Schalterhallen voll, da war die Karlstraße voll, da wurde durch das Fenster gearbeitet, da gab es auch Probleme, dass die Menschen nicht alle auf einmal in die Schalterhalle hinein konnten. Da hatten wir zusätzliches Personal, was dann an der Tür die Leute reingelassen hat und wenn die rauswaren, kamen die nächsten rein. Da hatten wir auch mal Polizei dabei.“

Die Banken in der DDR waren auf die neuen Zeiten nicht vorbereitet – und gerieten in diesen Tagen an die Grenze ihrer Belastbarkeit.

„Das war eine Schalterhalle, und wir hatten in dieser Schalterhalle 14 Kassen. Es war ja zu der vorhergehenden Zeit keine Beratung in dem Sinne notwendig. Es ging um die Auszahlung. Jeder hatte sein Gehalt und Lohn auf dem Konto und das wurde dann am Monatsanfang oder –ende abgeholt. Und dazu waren die vielen Kassen notwendig.“

Keine Sicherheitsmaßnahmen beim Geldverkehr

Sicherheitsmaßnahmen kannte die DDR wohl an ihren Außengrenzen, nicht aber beim Geldverkehr. Ursula Kellner, damals ebenfalls Angestellte der Sparkasse in Eisenach, wundert sich heute darüber, mit welcher Leichtfertigkeit Geldgeschäfte abgewickelt wurden – auch als dann die D-Mark da war.

 „Damals hatten wir ein Betriebsauto, das war ein Wartburg, der war schon über zehn Jahre alt, der ist dann einfach durch Eisenach gefahren und hat unsere gesamten Geschäftsstellen beliefert. Da ist entweder die damalige Direktorin oder der Kraftfahrer ganz alleine in dem Auto in Eisenach umhergefahren und hatte im Kofferraum teilweise 500.000 bis eine Million.“

Als der große Moment gekommen war, herrschte, wie so oft in jenem Jahr, Partystimmung. Die Tagesschau berichtete vom Berliner Alexanderplatz.

 „Die Bürger der DDR begrüßten die Einführung von Marktwirtschaft und D-Mark mit Jubel, Böllerschüssen und Hupkonzerten. (Hupen) (reporter) Die Nacht, in der die D-Mark kommt, wird eine lange Nacht. Sie feiern wie zu Neujahr, weinen der alten Ostmark keine Träne nach. Bereits um Mitternacht öffnet einer Filiale der größten Westdeutschen Bank am Ostberliner Alexanderplatz. Anlass für ein Freudenfest für Zehntausend Menschen. Viele haben ihre letzten DDR-Mark noch in Kneipen und Restaurants umgesetzt. Danach drängt es sie an die Bankschalter.“

Denn um Schlag Mitternacht öffnete die Deutsche Bank eine ihrer Filialen am Alexanderplatz. Der Andrang war so groß, dass ein Tumult entstand, Volkspolizisten versuchten, den Ansturm zu kanalisieren, ohne Erfolg. Scheiben wurden eingedrückt, Menschen klammerten sich hilflos aneinander – auf dem Platz stand ein Wagen der Volkspolizei, darin Hellmut Hartmann, Sprecher der Deutschen Bank, der versuchte, die Menschenmassen zu beruhigen.

 „Wir weisen Sie darauf hin, dass heute keiner nach Hause geht, ohne sein Geld zu bekommen. Wir haben genügen Geld da.“

Vor den Bank wartende Menschen wurden ohnmächtig

Als endlich von innen geöffnet wurde, waren mehrere Wartende ohnmächtig geworden. Edgar Most.

 „Und das hatten wir unterschätzt, was da los ist. Die Menschenmassen, die vor der Deutschen Bank standen am Alexanderplatz, und dann gingen ja Bilder um die Welt, wo Leute mit der D-Mark schwenken. Euphorisch schwenkten, bei uns noch die Scheibe eintraten von der Bank, weil die Menschenmassen so eng davor standen und die da vorne waren, konnten sich gar nicht mehr retten.“

Der Andrang wurde nicht weniger, auch als die anderen Filialen zu den regulären Zeiten öffneten. Rainer Goschin, heute in einer Führungsposition der Deutschen Bank, leitete damals die Filiale an der Friedrichstraße, direkt am Checkpoint Charlie, wenige Meter von der DDR-Grenze entfernt.

 „Ich bin mit dem Auto gefahren, habe meinen üblichen Parkplatz gesucht und dachte: Boah, die Bushaltestelle ist ja richtig voll. Aber als ich dann vorbeigefahren bin, habe ich gesehen, die standen nicht an der Bushaltestelle an, sondern an unserer Eingangstür und das war dann so gegen halb acht. Eine Schlange, 50, 60, 70, 80 Menschen, DDR-Bürger, standen vor unserer Tür und warteten.“

An diesem Tag gab es keine Verletzten, dennoch war der Andrang ungewöhnlich – eigentlich war das Kuriosum, denn knapp war das Geld nun ja gerade nicht mehr, jedenfalls nicht für die Banken.

 „Das ist was, das mich heute noch beschäftigt, dass ich nicht weiß, warum die Menschen kommen und wollten das Geld haben. Das war ja nicht übermorgen weg. Ich glaube das war auch eher so eine emotionale Neigung, irgendwie das erste Geld am 1. 7. In den Händen zu haben, um wirklich die Währungsunion griffig in den Händen zu haben.“

Zunächst aber hatten die Wartenden die Situation in der Hand – und die Banker mussten sich ihren Weg in die Filiale regelrecht freikämpfen.

 „Erst mal musste man natürlich reinkommen. Da hieß es natürlich: Auch Sie dürfen sich hinten anstellen. Wenn man dann gesagt hatte: Ich bin der Filialleiter, dann hieß es: Lassen Sie den Filialleiter nach vorne. Es strömten alle zum Schalter, zur Kasse und erstaunlicherweise wurde gar nicht so viel getauscht. Ich glaube, es war eher das Gefühl, D-Mark in den Händen zu halten. Die höchsten Grenzen im Bargeldtausch waren gegen 1000 Ostmark, das war nicht viel mehr. Manche haben 50 Ostmark getauscht, manche haben auch nur 10 Ostmark getauscht, einfach nur um dieses Gefühl zu haben. Es ebbte dann gegen Mittag wieder ab.“

Ganz ähnlich das Bild in Plauen in Vogtland. Kirsten Hendel, heute Marktbereichsleiterin, war in den Tagen der Währungsumstellung eine junge Angestellte der Sparkasse.

 „Es war sehr voll. Wir hatten sogar Kollegen, die den Einlass dann geregelt haben. Wenn wir früh auf Arbeit kamen, dann standen die Kunden bereits einmal um das ganze Gebäude in einer Schlange.“

Einführung des Schichtbetriebs in Banken

Gearbeitet wurde in Schichten – von morgens 8 bis abends 22 Uhr. Der Kundenstrom war gewaltig, was aber nicht zu Frust und Überdruss führte. Die Erschöpfung jener Tage war Teil der besonderen, historischen Ereignisse – jedenfalls in der Erinnerung.

 „Die Freude hat einfach überwogen. Man hat das alles organisiert, die Hilfeleistung, auch untereinander, die Kindergärtnerin hat das Kind dann mal mit nach Hause genommen, also da war ne große Euphorie und 'ne Unterstützung und' ne Hilfe da.“

Ursula Kellner in Eisenach verstand nach der großen Tauschaktion, dass der Abschied von den kleinen, eleganten DDR-Mark-Scheinen, auch gefühlsmäßig etwas zu bedeuten hatte. Plötzlich vermisste man sie.

 „Da lag die ganze Schalterhalle voller Geld. Das waren X Millionen. Und dann war das einfach so in dem Bewusstsein: Ab morgen ist es überhaupt nichts mehr wert, das wurde dann wirklich zusammen geramscht, in irgendwelche Säcke. Wenn man viele Jahre bei der Bank gearbeitet hat, morgen ist das alles nichts mehr wert, also das habe ich immer noch heute in Erinnerung, dieses Bild.“

Schade um das schöne Geld. Gleich nach der Währungsunion begannen die Banken mit Transaktionen, die in der DDR unüblich gewesen wären: Denn die Geschäfte waren voll mit Ost-Waren, die plötzlich so gut wie wertlos waren. Um den neuen Bestand überhaupt anschaffen zu können, mussten sich die Geschäftsleiter Geld leihen, so Kellner:.

 „Wer hat noch einen alten DDR-Fernseher gekauft? Jetzt mussten die Geschäftsinhaber erstmal Kredite aufnehmen, um überhaupt diesen neuen Warenbestand aufzubauen. Und das hat so mancher leider in Eisenach nicht geschafft.“

Viele Betriebe wurden konkurrenzunfähig

Auf der Geschäftsstraße Eisenachs bis heute nur einer. Da die DDR-Wirtschaft für Waren, die niemand mehr kaufen wollte, auch noch höhere Preise nehmen musste, wurden viele Betriebe schlagartig konkurrenzunfähig. Wirtschaftswissenschaftler wie Gustav Horn, heute Leiter des Instituts für Marktökonomie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, haben den Schaden recht präzise beziffert.

 "Wir haben in dem darauffolgenden halben Jahr gesehen, wie etwa 60 Prozent der ostdeutschen Produktion verschwunden ist und damit eine tiefe, tiefe Krise im Osten ihren Lauf nahm.“

Glaubte man 1990 noch, dass die Marktwirtschaft die Unebenheiten zwischen den Landesteilen kraft ihrer eigenen Gesetzmäßigkeiten ausgleichen würde, erkannte man schnell, dass die Währungsunion – neben der ostdeutschen Wirtschaft – einen weiteren Verlierer hervorgebracht hatte:  Die öffentlichen Etats der gesamten Bundesrepublik.

 „Natürlich geriet auch der Staatshaushalt als Teil dieser Krise und der Krisenbekämpfungsmaßnahme in Ostdeutschland tief in die roten Zahlen. Auch hier musste dann wieder gespart werden. All dies hat die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands bis in die jüngste Zeit mit geprägt.“

Am Tag selbst aber wollte man von Unkenrufen nichts hören. Der damalige Bundesfinanzminister Theo Waigel sorgte für Heiterkeit, als er bei einer Pressekonferenz, auf der es auch um die Probleme der Währungsunion ging, seine Fremdsprachenkenntnisse vorführte.

 „And: You can be sure, everything is under control.“

"Ein Ausdruck der Solidarität unter den Deutschen"

Der Bundeskanzler, Helmut Kohl, hielt am Abend des ersten Juli eine weitere seiner Fernsehansprachen an alle Deutschen.

 „Jetzt wird für die Menschen in Deutschland die Einheit erlebbare Wirklichkeit. Der Staatsvertrag ist Ausdruck der Solidarität unter den Deutschen. Die Deutschen in der Bundesrepublik und in der DDR sind jetzt wieder unauflöslich miteinander verbunden. Wir freuen uns darüber. Über 40 Jahre haben wir darauf gewartet.“

Und auch die Politiker in der DDR waren um gute Ratschläge an ihre Bevölkerung nicht verlegen, wie etwa Regine Hildebrandt, damals Ministerin für Arbeit und Soziales im Kabinett von Lothar de Maizière, die sehr genau wusste, was mit dem neuen Geld zu tun war.

 „Ich denke, dass unsere Bürger sich jetzt noch an der D-Mark freuen sollen, sollen sich auch diesen oder jenen Wunsch erfüllen, aber sie sollen sparen. Es ist nicht nur für unsere Altersrentner und  für die Studenten in Zukunft ein Problem, wie man über den Monat kommt, sondern es wird auch für die Arbeitslosen ein Problem sein.“

In den Banken in der DDR begannen nun Probleme, auf die man nicht vorbereitet war. Kriminelle versuchten die Unerfahrenheit der Angestellten auszunutzen, Scheckbetrug war eine verbreitete Masche, die mit der Eröffnung eines regulären Kontos begann. Ursula Kellner aus Eisenach.

 „Das Konto lief dann erstmal einige Wochen, vier, sechs Wochen, in Ordnung, die haben die Schecks eingereicht, die haben die Tage abgewartet, und dann hatte man sich ein bisschen angefreundet vielleicht auch mit dem Mitarbeiter am Schalter, dann hat man immer versucht, diese Schecks auch vorher schon, vor diesen sieben Tagen einzulösen, was auch meines Wissens auch in ein zwei Fällen mal gelungen ist. Kurz danach ist dann natürlich der Scheck geplatzt.“

Mit der D-Mark kamen  auch zwielichtige Geschäfte

Und die Banken blieben auf den Kosten sitzen. Auch Rainer Goschin erinnert sich heute, dass in seiner Filiale am Checkpoint Charlie jede Menge Lebenshilfe zu leisten war. Mit der D-Mark kamen auch zwielichtige Geschäfte in die DDR, oder dorthin, wo DDR-Bürger einkauften.

 „ Ich erinnere mich immer sehr gerne an einen Auto-An-und-Verkauf-Laden, der versuchte, zu horrenden Preisen seine Gebrauchtwagen zu verkaufen, wo wir den Bürgern der damaligen DDR gesagt haben: Macht das bloß nicht. Zahl nicht für einen alten Scirocco 7.000 D-Mark, der ist maximal 2.000 wert. Also man musste da auch ein bisschen aufpassen und Hilfestellung leisten.“

Und nach den kleinen Betrügern kamen die großen, meint Goschin:.

 „Bisschen dubiose Bankgeschäfte gab es dann, wo man vorsichtig sein sollte, die AHBs, also die Außenhandelsbetriebe, und die VEBs, die wurden ja alle meistens GmbHs, es kamen dann plötzlich Mitarbeiter dieser Firmen, die nannten sich Geschäftsführer, vielleicht sogar Gesellschafter, und legten einem dann mal achtstellige Summen als Scheck hin, die sie mal schnell einreichen wollten. Da mussten wir schon richtig aufpassen, dass da nicht irgendwo Missbrauch mit Transferrubelgeschäften und ähnlichem war.“

Denn solange es die Umrechnungseinheit des Transferrubels gab – und sie wurde für die Geschäfte mit dem ehemaligen Ostblock gebraucht –war es für findige Händler ein Leichtes, Geschäfte vorzutäuschen und wertlose Umrechnungseinheiten in D-Mark umzuwandeln – der Schaden für die Volkswirtschaft ist nie beziffert worden, dürfte aber bei mehreren Hundert Millionen D-Mark gelegen haben. Draufgezahlt dagegen haben viele DDR-Bürger, die den Angeboten der Banken zu naiv geglaubt haben. Denn die Währungsunion bedeutete auch das Ende der Unschuld der Banken in der DDR.

 „Es wurde ja auch damals schon geworben: Alles kannst du mit Kredit kaufen. Da gab‘s schon den einen oder anderen, der nicht nur bei uns den Kredit aufgenommen haben, sondern auch woanders Kredite aufgenommen haben. Da sind so manche Familienverhältnisse auch auseinander gegangen. Weil es dann einfach nicht mehr funktioniert hat.“

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