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Interview / Archiv | Beitrag vom 19.06.2012

Von Wahlkampf zu Wahlkampf

Bilanz eines Korrespondenten in Washington

Klaus Remme im Gespräch mit Jan-Christoph Kitzler

Klaus Remme hat fünf Jahre lang als Korrespondent für das Deutschlandradio aus Washington berichtet.
Klaus Remme hat fünf Jahre lang als Korrespondent für das Deutschlandradio aus Washington berichtet. (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)

"Dieses Land braucht eine zweite Amtszeit Obama", meint Klaus Remme, in den letzten fünf Jahren Deutschlandradio-Korrespondent in Washington. In dieser Zeit gab es in den USA einen Wahlkampf nach dem anderen, und jetzt steht das Land erneut vor der Präsidentenwahl. Doch auch bei einem Machtwechsel würde er Obamas Präsidentschaft nicht als gescheitert betrachten, sagt Remme.

Jan-Christoph Kitzler: Fünf Jahre sind eine lange Zeit, manchmal können die aber auch wie im Fluge vergehen. Fünf Jahre sind zum Beispiel unsere Auslandskorrespondenten normalerweise auf ihrer Station, und für einen unserer Kollegen heißt es heute Abschied nehmen. Klaus Remme war fünf Jahre lang unser Mann in Washington, hat uns von dort aus und auf vielen Reisen die USA näher gebracht, aber die Zeit ist herum. Jetzt bin ich zum letzten Mal mit Klaus Remme in Washington verbunden. Schönen guten Morgen!

Klaus Remme: Ich grüße Sie, hallo!

Kitzler: Herr Remme, wie kommen Ihnen diese fünf Jahre rückblickend vor? Ist die Zeit geflogen?

Remme: Das muss wohl so sein, denn es ist nicht nur mein Eindruck. Egal ob Kollegen in den Redaktionen in Deutschland, oder Nachbarn und Freunde hier in Washington – alle sagen, das ist doch noch keine fünf Jahre her. Anders herum: Ein beruflicher Blick auf die Politik – das ist ja mein Schwerpunkt in der Berichterstattung – und ein privater hier auf meine Jungs, aus denen hier in den fünf Jahren junge Männer geworden sind, zeigt: Natürlich ist viel Zeit vergangen.

Kitzler: Von außen gesehen ist das ja jetzt so ein bisschen die Situation eines Déjà-vu. Als Sie vor fünf Jahren nach Washington gekommen sind, da steckten die USA im Wahlkampf, da zog ein gewisser Barack Obama mit der Botschaft vom Change, vom Wandel durchs Land, und jetzt ist schon wieder Wahlkampf unter ganz anderen Voraussetzungen. Was hat sich in den USA verändert?

Remme: Man darf ja auch nicht vergessen, dazwischen lag noch ein Wahlkampf: der 2010. Die Kongresswahlen finden ja international nicht die Aufmerksamkeit, aber gerade die letzten beiden, die 06er-Wahl, die den Demokraten diesen wichtigen Sieg gegen George Bush brachten, und die Wahl vor zwei Jahren, in denen sich die konservative Reaktion auf Barack Obama manifestierte, diese zeigen, dass die Konsequenzen auch da enorm sind.

Was hat sich verändert? – Natürlich war die Wahl Obamas eine Zäsur meiner Zeit hier, klarer abzugrenzen als das zweite Ereignis, fast eine Entwicklung dieser fünf Jahre, diese Wirtschaftskrise, so tief, wie sie zu unseren Lebzeiten beispiellos gewesen ist, und deren Folgen vor allem für die Mittelschicht noch lange nicht ausgestanden sind hier in den Vereinigten Staaten. In diesem Land haben einfach sehr viele Menschen Angst vor der Zukunft, und dieser Optimismus, der mal sprichwörtlich war und der hier CanDo Spirit heißt, der hat schwer gelitten. Mir bleibt vielleicht ein fast trotziger Glaube, dass das eine Phase ist, die vorübergeht.

Kitzler: Diese Phase hat aber natürlich Einfluss auf den Wahlkampf. Bleiben wir noch mal kurz bei Barack Obama. Der Titel des "Spiegel" in der letzten Woche war, "Schade. Obamas missglückte Präsidentschaft". Würden Sie das im Rückblick auch so sehen?

Remme: Nein, ich sehe das ganz anders. Missglückt scheint mir ohnehin schon mal überhaupt das falsche Wort zu sein. Ob Obama wiedergewählt wird, ist ja völlig offen. Das muss, angesichts der Wirtschaftslage, aus Sicht des Präsidenten als gute Nachricht durchgehen. Wenn Sie mich persönlich fragen, dann würde ich sagen, dieses Land braucht eine zweite Amtszeit Obama. Aber selbst sollte es zu einem Machtwechsel kommen, würde ich seine Präsidentschaft nicht deshalb schon als gescheitert betrachten.

Seine wichtigsten Reformen brauchen Zeit, Zeit, um zu wurzeln und zu wachsen, und die Würdigung des Krisenmanagements in seinen ersten Amtsmonaten 2009, die war meiner Ansicht nach nie angemessen. Seine Wirtschaftspolitik wurde vom Gegner von Tag eins an gezielt sabotiert. Da mag eine ideologische Skepsis gegen zu viel Regierungsmacht eine Rolle spielen, aber für mich ist die blinde Wut weiter Teile der Bevölkerung auf diesen Präsidenten, ohne den Faktor Rassismus nicht zu erklären. Dass es dennoch zu der Präsidentschaft gekommen ist, bleibt ja eine Errungenschaft.

Kitzler: Washington, wo Sie jetzt fünf Jahre gelebt haben, das ist ja ein Zentrum, von dem aus große Weltpolitik gemacht wird. Wie hat sich eigentlich Ihr Blick darauf in den letzten Jahren verändert?

Remme: Ob gewollt oder notgedrungen, Washingtons Einfluss als Einzelfaktor, als Supermacht ist ja in diesen fünf Jahren global und im direkten Wettbewerb gesunken. Für die Vertreter der ausländischen Medien hier bleibt ja doch eine sehr große Distanz zu den Akteuren. Die Obama-Regierung versteht es bestens, sich abzuschotten und gerade ausländischen Journalisten wirklich das zu zeigen, was gezeigt werden soll.

Umso lohnender war für mich der Blick auf den Rest des Landes. Raus aus Washington, das war in den letzten fünf Jahren noch mehr Korrespondentenpflicht als ohnehin schon, denn die Wirtschaftskrise – das darf man nicht vergessen -, die hohe Arbeitslosigkeit, eine verheerende Lage am Immobilienmarkt, das alles hatte im Großraum Washington in den vergangenen Jahren vergleichsweise harmlose Auswirkungen. Und die offenen Türen, die Herzlichkeit, die ehrliche Sprache der Amerikaner, egal ob das Liberale waren oder stockkonservative Menschen, diese Offenheit war ein Grund mehr, möglichst oft im Land unterwegs zu sein.

Kitzler: Zum Schluss natürlich die Frage - das ändert sich natürlich und wird sich ändern und hat sich auch geändert: Was überwiegt denn zurzeit bei Ihnen, das lachende oder das weinende Auge?

Remme: Die ganze Familie wird sicher vieles und viele vermissen, aber wir gehen insgesamt mit lachenden Augen. Skype und Facetime garantieren ja engen Kontakt, egal wo man ist. Gerade bei den Jüngeren gilt Berlin als cooles Ziel, da braucht es eigentlich hier im Hause wenig Überzeugungsarbeit, und für mich als Politikjournalist gibt es ja in den nächsten Jahren kaum ein spannenderes Umfeld als das Hauptstadtstudio in Berlin. An diesem Platz hier übernimmt der Kollege Marcus Pindur, vielleicht setzt er einen anderen Akzent. In jedem Fall hat er den frischeren Blick, und das kann eigentlich doch dem Programm nur gut tun.

Kitzler: Klaus Remme, unser Korrespondent, zum letzten Mal aus Washington. Vielen Dank und dann auch welcome back bald in Deutschland.

Remme: Danke schön!


Hinweis: Klaus Remme hat auch im Deutschlandfunk über seine Korrespondentenzeit berichtet.

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