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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.09.2012

Von Essstörungen und Delfincarpaccio

Silke Scheuermann: "Die Häuser der anderen", Schöffling-Verlag, Frankfurt am Main 2012, 260 Seiten

Frankfurt: Im berüchtigten Moloch der Reichen und Schönen spielt der Roman.
Frankfurt: Im berüchtigten Moloch der Reichen und Schönen spielt der Roman. (picture alliance / dpa / Wolfram Steinberg)

Der Neid ist eines der Grundmotive in dem neuen Roman der preisgekrönten Autorin Silke Scheuermann. "Die Häuser der anderen" verknüpft neun lose Erzählungen aus der Welt der Snobs und solcher, die es werden wollen.

Frankfurter, die es sich leisten können, wohnen am Kuhlmühlgraben. Hier fährt man Sport- und Geländewagen, statt Kindern hält man sich Rassehunde und beherrscht jene Regeln einer snobistischen Gesellschaft, die so eisern wie unklar sind. Vor allem aber verfügt man neben der Stadtnähe über den freien Auslauf in die Natur.

In den neun lose verknüpften Erzählungen geht es um den sozialen Status, den man hat oder zu erreichen wünscht. Manchmal genügt die Form eines Ettore-Sottsass-Telefons oder eine Marcel-Breuer-Liege, um diesen Status zu belegen. Da sind Luisa, Kunsthistorikerin mit "Magermaßen" und ihr Mann Christopher, angehender Biologieprofessor mit fortwährenden Retterimpulsen. Luisas Lieblingswort ist "effizient", sie inszeniert ihr Leben wie die Kunstwerke, die sie analysiert. Je mehr sie behauptet, ihr Leben im Griff zu haben, desto mehr entgleitet es ihr.

Sie steht unter dem andauernden Zwang der Selbstoptimierung. Genau wie die Tennstädts, er Starveterinär, sie bekannte Fernsehmoderatorin, die eines unerfüllten Kinderwunsches wegen stolz einen halbwüchsigen Knaben aus dem Heim adoptieren. Oder da ist die ehrgeizige Gaby, die deren Schöner-Wohnen-Welt putzt und vom Aufstieg träumend sich dort so unentbehrlich macht, dass sie zur Freundin der Dame des Hauses avanciert.

Silke Scheuermann konstruiert ihren Roman aus wechselnden Perspektiven. Geschickt verwebt sie die einzelnen Schicksale, die der Reichen ebenso wie der Verlierer. Der literarische Reiz ergibt sich aus der Konfrontation der jeweiligen Blickwinkel, indem der karikaturhaft verkürzt geschilderten Welt-da-oben die spöttische Sicht von unten hinzugefügt wird. Dabei tritt auch die vollkommen unidealisiert auf, eine jede ist gleichermaßen neidisch, muffig, boshaft.

Wenn Gabys Tochter, die Fixerbraut Britney, hinter dem Rücken der noblen Adoptiveltern eine Affäre mit deren Sohn anzettelt oder Christopher sich an seiner egozentrischen Ehefrau rächt, indem er deren Edelklamotten unter dem Namen "shoppingmaus" bei ebay versteigert - dann verraten derlei Episoden nicht nur den Sinn der Autorin für die aufgekratzte Satire: Sie bescheren dem Leser auch die schöne Rolle des heimlichen Lauschers und Mitwissers.

Nur einmal verlässt Silke Scheuermann ihre präzise Beobachtungsgabe: Das schwule Paar, das seine Nachbarn blockwartartig mit Psychoterror verfolgt, ist stark dem Klischee verhaftet - und ein Störfaktor in diesem pointiert geschilderten Erzählkosmos aus Macht, Geld, Essstörungen, Delfincarpaccios und der Jagd nach dem alles entscheidenden Vorsprung an Geschmack und Lebensart.

"Die Häuser der anderen" zeichnet das bissige Porträt einer mit sich selbst beschäftigten Gesellschaft, die den Neid zum Goldenen Kalb erklärt hat. Dass hinter deren blanken Fassaden das Elend lauert, dass rausfällt aus dem Spiel, wer nicht besser sein möchte als die anderen, wer den schönen Schein nicht putzt und poliert, das führt der Roman eindringlich vor.

Besprochen von Edelgard Abenstein

Silke Scheuermann: Die Häuser der anderen
Schöffling-Verlag, Frankfurt am Main 2012
260 Seiten, 19,95 Euro