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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.11.2008

Von Engeln und Teufeln

Spanischer Schriftsteller Carlos Ruiz Zafón las in Berlin

Von Tobias Wenzel

Zafóns Heimatstadt Barcelona (Stock.XCHNG / Martin Simonis)
Zafóns Heimatstadt Barcelona (Stock.XCHNG / Martin Simonis)

Der vorletzte Roman von Carlos Ruiz Zafón, "Der Schatten des Windes", wurde ein Welterfolg. Nun stellte der Autor sein letztes Buch "Das Spiel des Engels", das gerade auf Deutsch erschienen ist, in Berlin vor. Darin geht es wieder um Barcelona und eine geheimnisvolle Bibliothek.

Ein Mann mit extrem hoher Stirn, Kinn- und Schnurrbart, Brille und einer gelassen bis gelangweilt wirkenden Mimik sitzt auf der Bühne des Filmtheaters Babylon. Wären nicht alle Blicke auf diesen Mann im gelb-grün gestreiften Pullover gerichtet – man käme nicht auf die Idee, dass man hier den erfolgreichsten spanischen Schriftsteller seit Cervantes vor sich hat: Carlos Ruiz Zafón wirkt eher wie ein routinierter Animateur:

Carlos Ruiz Zafón: "Hallo, guten Abend. Vielen Dank, dass Sie heute gekommen sind. Ich weiß nicht, wie viele von Ihnen Spanisch sprechen oder verstehen. Wer kann, hebe doch mal bitte die Hand! Ach, doch so viele! Dann werde ich Sie ja gar nicht quälen, wenn ich auf Spanisch lese."

Ruiz Zafón ist nach Berlin gekommen, um seinen neuen Roman "Das Spiel des Engels" vorzustellen. Dazu passt die engelsgleiche Frau auf einem Plakat, das die veranstaltende Buchhandlung auf die Bühne gestellt hat. Und so liest er gleich eine Passage aus dem Roman, in der auch ein Engel vorkommt.

Wahrgenommen wird das neue Buch, nach dem Millionen-Weltbestseller "Der Schatten des Windes", in Deutschland und vielen anderen Ländern als der zweite Roman von Ruiz Zafón. Dabei ist es bereits sein fünfter.

Erneut führt Ruiz Zafón den Leser in seine Heimatstadt Barcelona, wieder geht es um ein Buch im Buch und den "Friedhof der vergessenen Bücher", eine geheimnisvolle Bibliothek. Und wieder wird das ganze aus der Ich-Perspektive eines jungen Mannes erzählt. Barcelona in den 20er Jahren. David Martín ist am Ende, nicht nur privat. Groschenromane zu schreiben ist sein Beruf. Aber er fühlt sich zu Höherem berufen. Da kommt der mysteriöse Verleger Andreas Corelli gerade recht mit seinem brillant bezahlten Angebot, einen religiösen Text zu schreiben. Ein Pakt mit dem Teufel, wie sich später zeigt.

Ein feinsinniger Literat, jemand, der an seinen Sätzen feilt, ist Carlos Ruiz Zafón nicht. Den 1964 geborenen Autor, der anfangs in Barcelona als Werbetexter, dann als Journalist arbeitete und heute als Schriftsteller in Los Angeles lebt, stören schiefe Vergleiche und lieblos geschriebene Sätze offensichtlich nicht. Aber er ist ein Meister darin, eine Atmosphäre und Spannung zu erzeugen, deren sich kaum ein Leser entziehen kann. Fragt sich, ob Ruiz Zafón sich dem Schreiben noch entziehen kann oder ob es eine Droge geworden ist, wie es im Roman heißt:

"Ob das Schreiben eine Droge ist – ich weiß es nicht. Für mich ist es eine harte, eine schwierige Arbeit. Wenn ich an andere Drogen denke, dann gibt es doch amüsantere Dinge, als diesen Roman zu schreiben. Es ist eben meine Arbeit, Geschichten zu erfinden. Und das mache ich jetzt schon mein ganzes Leben lang. Ich weiß nicht, ob das eine Krankheit, ob das ein Fluch ist oder eine Verbindung beider Dinge. Aber das ist das, was ich mache."


Als Kind besuchte Ruiz Zafón eine Jesuitenschule. Die verwunschene, verwinkelte Architektur des Bauwerks hat Ruiz Zafón nach eigenen Angaben schon damals dazu gebracht, sich Schauergeschichten auszudenken. Das hat er auch in seinem neuen Roman getan. Und will es in zwei weiteren Romane fortführen, wie er verriet:

"'Der Schatten des Windes' und 'Das Spiel des Engels' sind die ersten beiden Teile eines Zyklus, der letztlich vier Romane umfassen soll. In jedem von ihnen spielt der 'Friedhof der vergessenen Bücher' eine Rolle. Und auch das gotische Szenario der Stadt Barcelona. Trotzdem ist jeder der vier Romane für sich abgeschlossen. Alle diese Romane haben die Literatur zum Thema. Sie erzählen von Menschen, die Bücher hassen, lieben, vernichten oder schreiben wollen, die sie verkaufen oder kaufen und so weiter."

Auf Romane Nr. 3 und 4 des Zyklus müssen die Leser aber wohl noch lange warten. Denn Carlos Ruiz Zafón schreibt hundert Seiten pro Jahr. Und wenn die beiden Romane wieder so dick werden wie "Das Spiel des Engels", wird der nächste Band 2015 erscheinen. Bis dahin bleibt die Lektüre des Romans "Das Spiel des Engels". Und der ist vieles zugleich: Schauer, Fantasy- und Liebesgeschichte. In Spanien war das Buch ein noch größerer Erfolg als der Vorgänger "Der Schatten des Windes". Der Pakt mit dem Teufel ist wohl unwiderstehlich. Zumindest sah das auch das Publikum im Berliner Filmtheater Babylon so.

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