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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 13.03.2013

Von der Straße auf die Bühne

Ein Berliner Theaterprojekt mit obdachlosen Jugendlichen

Von Sabine Voss

Eine junge obdachlose Frau sitzt in Berlin mit ihren zwei Hunden am Straßenrand. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)
Eine junge obdachlose Frau sitzt in Berlin mit ihren zwei Hunden am Straßenrand. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)

"Ich bin Dion" heißt das Theaterstück, das Robert Hall angeschoben hat. Er ist Leiter der Kontaktstelle für obdachlose Jugendliche am Berliner Bahnhof Zoo. Genau die erzählen im Stück aus ihrem Alltag auf der Straße und wovon sie träumen.

Leila: "Ey, gehen wir nach Berlin und schauen uns Berlin halt an. Und das war ganz spontan, ohne Geld, ohne Klamotten, ohne gar nix. Einfach, wir haben uns in einen Zug reingesetzt, auch noch schwarz halt, ohne Fahrkarte und sind einfach nach Berlin gefahren."

Michelle: "Ich war sozusagen in einer Clique, am Alexanderplatz. Das ist dort ein Jugendtreff sozusagen, so über hundert Leute, von jedem Bezirk, außerhalb Berlins, die kommen sogar von Bayern. Und das ist halt ne Szene. Gossip, Emos, Punk. Und unter denen war ich halt."

Dion covert "Koma" von den "Böhsen Onkelz":

"Eine nächtliche Parade
Ungebetner Bilder
Eine Nacht, die niemals endet
Ich gleite davon
Eine einsame Leere
Jenseits von Schmerz
Von Kummer und Worten
Umklammert mein Herz…"

Leila: "Also wir sind am Hauptbahnhof angekommen, also wir haben uns durchgefragt so ein bisschen, die Freundin hat auch das Buch gelesen, ich weiß nicht … Bahnhof vom Kinderzoo – Im Hintergrund murmeln zwei Jungs: Die Kinder vom Bahnhof Zoo – Genau. Und das hat sie gelesen und hat den Film auch angeguckt, und die wusste ein paar Plätze, den Alexanderplatz."

Weltzeituhr am Alexanderplatz in Berlin (picture alliance / dpa - Jens Wolf)Der Alexanderplatz ist beliebter Treffpunkt der jungen Obdachlosen. (picture alliance / dpa - Jens Wolf)Michelle: "Meine Schwester war davor in der Szene und hat sehr viel darüber geredet, und ich wollte halt wissen, wo sie rum hang. Und dann stand ich da halt mit ner anderen Freundin, und wir wurden einfach angesprochen und ich kannte keinen, und zehn Minuten später kannte ich auf einmal jeden dort. Und die haben mich dann eingeladen zum Alkohol, und so ging‘s dann jeden Tag weiter. Und ich dachte mir so, ach was soll‘s, bleib ich hier."

Robert Hall: "Oder wie es so schön heißt bei den Bremer Stadtmusikanten: Was Besseres als den Tod findest du überall auf der Welt. In dieser Stimmung laufen sie weg. Etwas Besseres als den Tod findest du überall. Das heißt, die sind wirklich seelisch ganz weit unten angekommen. Voller Misstrauen. Mit Null Selbstwertgefühl. Dann machen sie sich erst auf den Weg."

Im Winter ist der Anreiz am größten

Robert Hall leitet seit 20 Jahren die "Kontakt- und Beratungsstelle" am Berliner Bahnhof Zoo. In der Straßenszene heißt diese Einrichtung für obdachlose Jugendliche einfach nur die KuB. Mehrmals wöchentlich fahren Streetworker mit dem KuB-Bus den Alex an, um mit Klapptisch und -stühlen eine mobile Raststation aufzubauen. Belegte Vollkornbrote, Obst, Kekse, Saft, heißer Kakao werden ausgegeben – und natürlich Hundefutter. Unter der geöffneten Heckklappe tummeln sich die Jungen und Mädchen – eine gute Gelegenheit, um Darsteller für das KuB-Theaterprojekt anzuwerben.

Robert Hall: "Deswegen machen wir ja das Theaterprojekt am allerliebsten im Winter, weil das Schnorren, Betteln jetzt bei der Kälte natürlich auch schwieriger geworden ist. Die Jugendlichen kommen nicht so schnell an Geld ran und haben schlicht und ergreifend Hunger, mehr Hunger als sonst. Jeder der am Projekt teilnimmt, kriegt ab dieser Woche wegen dem Kälteeinbruch hier einen Schlafplatz, sie kriegen was zu essen und zu trinken, können noch häufiger die Wäsche waschen, duschen. Und das ist ein guter Anreiz, am Theaterprojekt teilzunehmen."

Mädchenstimme: "Ich wurde geboren 1992 in Berlin. Meine Mutter und mein Vater sind nicht verheiratet. Ich kenne meinen Vater nicht und habe nur selten Kontakt zu meiner Mutter."

Zwei Mädchenstimmen: "Ich habe vier Geschwister. Ich war als Säugling in einem Heim untergebracht und später bei Pflegeeltern."

Robert Hall: "Sie bekommen über das Projekt eine Stärke, die sie vorher nicht hatten. Eine ganz markante Stärke, ein unglaubliches Selbstwertgefühl. Sie haben eine Leistung erbracht, die ihnen nie zugetraut wurde."

Mädchen- und Jungenstimmen: "Ich bin ein Polytoxikomaner und konsumiere Alkohol, Marihuana, Kokain, Pilze, Ecstasy und LSD. Die meisten meiner Bekanntschaft sind drogenabhängig. Seit einer Woche habe ich eine drogenfreie Freundin."

Die KuB ist ein unscheinbarer Gebäudekomplex hinter dem Bahnhof Zoo, für die Straßenjugendlichen eine wichtige Anlaufstelle mit Essensausgabe und Übernachtungsasyl. Hier wird dreimal pro Woche drei Stunden lang geprobt, seit Mitte November bis Mitte März:

Margarete Riefenthaler: "Ihr habt’s zeitweise geschafft im Gleichklang. Man hat lange Zeit immer nur sie gehört, aber gar nicht gehört, dass wer dazu kommt. Es muss mit jedem Mal stärker und stärker und stärker werden. Und wenn das nicht so ist, dann ist das Ganze im Arsch. Weil dann hat die ganze Sache nicht den Sinn, den es hat. Ich weiß, ihr könnt das!"

Das "Hinschmeißen" gehört dazu

Margarete Riefenthaler führt schon im vierzehnten Jahr des KuB-Theaterprojekts die Regie. Vier Monate lang proben – das ist eine lange Zeit für Jugendliche, deren Tagesablauf keine Struktur mehr prägt, die keine Pflichten mehr haben, denen niemand mehr sagen kann, was sie zu tun und zu lassen haben. Wer kommt, wer kommt nicht? Wer springt ab, und wer bleibt bis zum Schluss? Das Hinschmeißen und Abhauen gehört zum Probenprozess, meint die Regisseurin:

"Jetzt ist ja wieder ein Hauptdarsteller abgebrochen kurz vor der Premiere. Das sind diese Ängste, die sie dann einholen, vielfach die Ängste, dann tatsächlich Nägel mit Köpfen zu machen, vor dem Publikum das zu liefern, was sie ja eh können, aber die Angst ist dann ganz groß da. Ganz große Probleme sind Minderwertigkeitsgefühle, Konzentrationsschwäche ganz oben auf, Unzuverlässigkeit. Oder sie kommen ganz plötzlich… – es sind ja ganz verschiedene Gründe: In den Knast zu kommen, oder ich hab schon erlebt, die Polizei schnappt die und die kommt in die Jugend-psychiatrie, also alle Varianten. Nur, das sind Dinge, die ja ihr Leben sind!"

"Nach meinem dreizehnten Theaterstück wollte ich noch mal zu diesem Ursprung der Straßenjugendlichen zurück, in das Eingemachte ihres eigentlichen Daseins."

Szenen aus dem wirklichen Straßenleben

Das diesjährige Stück wird eine szenische Montage aus dem Straßenleben obdachloser Jugendlicher sein, sie spielen sich selbst. Den Auftakt macht ein Chor mit einem möglichst monotonen Vortrag einer möglichst plakativen Straßenkinderkarriere, die so ziemlich alle Erwartungen und Klischees bedient. Dahinter stehen wirkliche Lebensgeschichten, die ganz eigen, unverwechselbar sind und sich nicht über einen Kamm scheren lassen.

"Man sieht es auch immer im Fernsehen, die Kerle, die auf der Straße sind, man sieht kaum Mädchen. Und dann kommt auf einmal ein Mädchen, und man hat diese Vorurteile, diese Clichés. Die meisten sagen einfach nur noch 'Schlampe' dazu. Denken gleich,'Nutte'. Zum Beispiel ich hab mit Drogen gehandelt, und ich musste mich da beweisen. Ich denke mal, auch als Typ, so als Junge, musst du dich überall beweisen, wenn du auf der Straße bist."

Michelle, 17 Jahre, geboren und aufgewachsen in Berlin, seit drei Jahren auf der Straße.

"Ich bin schon eigenartig. Also für mein Alter bin ich schon sehr reif. Also die meisten, auch Erwachsene, reden mit mir und denken, ich bin manchmal vierzig, wenn man ne Trennwand dazwischen stellt. Wenn man mich nicht sehen würde. Aber sonst, ich bin zurückhaltend, inner Gruppe. Es kommt immer drauf an, wenn ich sehe, die Gruppe ist langweilig, bin ich aufgedreht und warte, bis alle mitmachen, und dann bin ich wieder zurückhaltend, nur leise, still, total nachdenklich, wie‘s weiter geht halt, jeden Tag. Immer übers Leben, immer Selbstanalysen."

"Also wir vier Weiber in der Clique, wir vier Mädchen. Das war mal ne ganz blöde Situation. Wir waren alle vier Mädchen auf der Straße halt, und ich bin halt so, ich schlag wie ein Mann, aber ich steck auch ein wie ein Mann. Ich bin mehr wie ein Mannsweib – auch dadurch, dass ich jetzt vier Jahre mit ner Frau zusammen war und der Mann in der Beziehung war, dadurch halt so."

Leila, 18 Jahre, aufgewachsen in Nürnberg, seit vier Jahren auf der Straße.

"Und für mich wars richtig krass. weil ne Freundin – wir wollten nicht rauchen gehen, weils voll kalt war, is ja klar, immer raus aus dem Bahnhof – und die ist dann alleine raus gegangen, rauchen halt. Und wir haben halt drinne gewartet, und ich sehe nur, dass ein Typ sie nur so am Arm halt packt, und ich bin gleich hingegangen und hab gesagt, ey, lass mal das Mädchen in Ruhe. Und der war zwei Köpfe größer als ich, ich bin klein halt, und ich hab ihm eine Faust gegeben, ich war selbst erstaunt, dass ich so eine Kraft aus mir rausholen kann, wenns um ein Mädchen geht halt."

Dion: "Gut, ihr Frauen habt die sexuellen Probleme. Aber was machen wir Jungs, wir haben diesen Konkurrenzkampf. Wenns jetzt zum Beispiel danach geht, ey, haste mal ne Kippe. Wenn ne Frau sagt, nein, wird sie vielleicht kurz angepöbelt, wenn ein Junge sagt, nein, der kriegt aufs Maul."

Leila: "Ja, das ist schon so. In Nürnberg hab ichs auch bei meinen Leuten gesehen, wenn die ne Kippe wollten, die haben immer uns Mädchen vorgeschickt. Vor allem wenns Jungs waren, haben die uns immer vorgeschickt."

Dion: "Wenn du ein Mädchen bist, große Titten hast, wenn man jetzt offen redet, dann ist es halt für die Männer, die finden das dann schön und können dann nicht Nein sagen. Deswegen sagt man auch Tittenbonus, is halt so."

Wie in einer großen Wohnküche trennt ein Tresen den Küchentrakt vom Gemeinschaftsraum in der KuB. Am runden Tisch versammelt, sitzen die beschäftigungslosen Darsteller, trinken Kaffee und Saft, rauchen, bedienen sich am Büffet. Im Hintergrund läuft die Probe einer Schnorrer-Szene ab. Ein Mädchen hockt auf einer Bank und spricht Vorbeigehende an. Geübt wird das Wechselspiel zwischen dem bettelnden Mädchen und den darauf reagierenden Passanten.

Michelle: "Ich musste noch nie schnorren. Ich war schon klug. Ich wusste halt, was ich zu tun hatte, durch die Diebstähle und alles, so hab ich mir mein Geld gemacht. Weil, ich weiß nicht, ich bin mir ehrlich zu fein für so was, für Schnorren. Alles, aber nicht schnorren. Spätestens dann, denke ich, hätte ich mir mein Leben genommen. So tief wollt ich noch nie sinken. Genauso wie Hartz-IV-Empfänger werden. Will ich auch nicht."

Akustische Gitarre (Stock.XCHNG / Dora Pete)Mit sieben hat Dion die ersten Gitarrengriffe von seinem Vater gelernt. (Stock.XCHNG / Dora Pete)Dion: "Also ich hab wirklich bisher noch niemanden erlebt, der so mit Herzblut richtig dabei ist auf der Straße, der wirklich sein Instrument wie nichts anderes im Leben beherrscht. Also ich spiele, wenn ich am Hauptbahnhof spiele zum Beispiel, in erster Linie nicht wegen dem Geld. Gut, für viele kommt das so rüber, er hat jetzt seinen Koffer liegen, er will Geld dafür haben, ist nicht so. Wenn Leute rein schmeißen, okay, aber ich will die Leute unterhalten. Die können sich einfach hinstellen, sich das anhören. Mir reicht ein kleines Nicken, ein Grinsen, das ist meine Anerkennung."

Dion, 20 Jahre, Straßenmusiker, aufgewachsen in Berlin, seit drei Jahren obdachlos:

"Ich will damit gar keinen so großen Erfolg haben. Ich will mich einfach nur anschließen, bei YouTube. Ich weiß nicht, ob dir das mal aufgefallen ist. Da sind ganz viele Gitarristen, die dann Songs hochladen, eigene oder gecoverte, und so ne riesengroße Gemeinde sich daraus bildet, sich regelmäßig austauschen, ey, cooles Video, und man teilt mit der ganzen Welt seine Musik."

Die erste Gitarre hat er mit sieben Jahren von seinem Vater geschenkt bekommen, die ersten Griffe von ihm gelernt. Die Gitarre ist das Symbol seiner engen Bindung an ihn. Denn seit 19 Jahren, solange Dion denken kann, sitzt sein Vater im Knast. Die Begegnungen zwischen Vater und Sohn beschränken sich auf die JVA Tegel, dort spielen sie manchmal zusammen Gitarre:

"Und da wir regelmäßig telefoniert hatten, hat er mir über Telefon auch einiges beibringen können: 'Du, pass auf, du spielst die Melodie mit deinen Griffen, die du jetzt gelernt hast. Und ich spiel dir einfach ein Solo dazu.' Mit Lautsprecher halt. Er konnte hören, was ich spiele, und ich konnte hören, was er spielt. Und das klang so cool, ich hab gedacht, ey, und das spielen wir gerade! Also mein Vater ist so ein kleiner Sunny-Boy, kann man sagen. Er kann Musik machen, er ist muskulös, blaue Augen, Ohrring, gefällt einigen Frauen natürlich auch, legt sehr viel Wert auf seine Kleidung, er hat einen sehr gut aussehenden Kleidungsstil, er hat so die typische Mischung aus männlich und feminin auch zugleich, diese weichen Gesichtszüge, aber trotzdem männlich. Und ich fand das schon immer bewundernswert."

Leila: "Und auf einmal war meine Mutter nicht mehr zu finden. Meine Mutter geht nicht mehr ans Handy, sie geht nicht mehr ans Hometelefon, sie lässt sich nicht mehr blicken, sie meldet sich nicht mehr bei mir, sie schreibt nicht mehr, gar nichts mehr. Und dann hab ich halt erfahren, dass meine Mutter wieder in Algerien ist, und das war auch so eine Absturzzeit für mich, dass wir ihr wirklich egal sind, und dass ich ihr nicht mehr vertrauen kann halt. Ich hab so viel geweint – ich könnt jetzt schon wieder anfangen zu heulen – meine Mutter, die hat mich noch nie so richtig weinen gesehen."

Michelle: "Ne Familie. Ich meine, man kann zwar irgendwo aufwachsen, man hat ne Mutter, man hat nen Vater, was bringt es, wenn man ne Mutter und nen Vater hat, wenn sie nie da sind? Sie sind zwar da, aber sie hören nicht zu, sie ignorieren einen. Man sieht sie zwar, aber sie sind nicht mental da. Dann bringt es doch nichts oder?"

Die KuB als Ersatzfamilie

Mit 1.200 Straßenjugendlichen steht die Kontakt- und Beratungsstelle jährlich in Verbindung. Nach vorsichtigen Schätzungen leben bundesweit 20.000 Kinder und Jugendliche auf der Straße. Sie kommen aus Problemfamilien aller gesellschaftlichen Schichten. Ihre kurzen Biografien erzählen von Heimat- und Bindungslosigkeit, von Gewalt, sexuellem Missbrauch, emotionaler Kälte, Vernachlässigung.

Außenansicht der Berliner Volksbühne (AP Archiv)Das Stück wird im Grünen Salon der Volksbühne aufgeführt. (AP Archiv)Margarete Riefenthaler: "Mein eigentlich begabtester Schauspieler, der ist drei vier Mal abgesprungen, und dann hat ers geschafft und ist auch drei Jahre dabei geblieben und hat drei Jahre toll gespielt. Und das sind dann meine ganz großen Erfolge oder die Erfolge der Jugendlichen, gemeinsame Erfolge. Durch das Mut Zusprechen, das nächste Jahr wieder und wieder und wieder, und nicht aufgeben! Das, was ja normalerweise die Eltern machen, das zu übernehmen. Ich glaub, das wichtigste ist die Elternliebe, die Anerkennung der Eltern und das Rückgrat zu stärken fürs Leben."

Theaterprobe: "Streit, Krach – Mädchen schreit: Fünf in die Fresse! - Du merkst schon, dass es jetzt alle ein bisschen nervt, ja?"

Im Lebenskampf der Jugendlichen ist die KuB wie ein Fels in der Brandung, ein bisschen auch die Ersatzfamilie. 365 Tage im Jahr bemüht sich das KuB-Team, zusammen mit den Mädchen und Jungen den ersten Schritt weg von der Straße zu tun.

Michelle ist jetzt auf dem Absprung. Sie hat einen Platz in einer betreuten Mädchen-WG bekommen. Das Jugendamt wollte, dass sie zuvor den Ausstieg aus der Szene geschafft hat, kein Abhängen und Chillen am Alex mehr und am besten Berlin ganz verlässt:

"Und das wollte ich halt nicht. Also hab ich alles von selbst gemacht, ich bin selbst zum Amt gegangen, ich hab selbst nen Drogenentzug gestartet, der wunderbar geklappt hat, ich bin seit dem 16. Oktober clean, alles eigentlich. Für mich selber konnte ich nie was machen, weil, ich weiß nicht, ich hab mich gehasst oder ich hasse mich. Und wenn ich weiß, es ist für andere, dann mach ich so was. Und wo ich gehört habe, dass es nicht Berlin sein soll, dachte ich mir so, nein – für Berlin. Und ich weiß nicht, vielleicht hat Berlin ne schlechte Aura, trotzdem bin ich da aufgewachsen, und ich liebe Berlin."

Dion singt den Böhse Onkelz-Refrain:
"Ich sinke ins Nichts
In endlose Leere
Nur dunkles Geheimnis
Erdrückende Schwere
Ich träume wahnsinnige Träume
Von Gnade und Verzeih‘n
Erhabene Momente für die Ewigkeit."

Wo sieht sich Michelle in zwei Jahren? Und wo will Leila noch hin? Wovon träumen die beiden Mädchen?

Michelle: "Ich will meinen Abschluss haben, den Hauptschulabschluss erst mal, ja. Ich denke, MSA würde ich auch noch schaffen. Ich bin nicht dumm. Ich hätte aufs Gymnasium gehen können damals. Ich war ne sehr gute Schülerin. Ich war immer so eine, die hat Ziele, und dann hab ich mir selbst eingeredet, ich schaff das nicht, dann hatte ich keinen Bock mehr. Mir wurde auch damals nie wirklich Mut gemacht, ich kann das oder sonst irgendwas – gar nichts eigentlich. Da kam ja nie was! Ich habe meistens nur gehört, ich habe das falsch gemacht, ich habe das falsch gemacht. Und ich hab mich immer selbst unter Druck gesetzt, ich muss das können, und dann konnt ich es nicht. Aber ich denke, ich schaff das auch."

Leila: "Ich wollt mal Kindergärtnerin werden, das war mein Traum, weil, ich liebe Kinder über alles. Also wenn ich ein Kind hab, mich kann man mit nem Kind den ganzen Tag beschäftigen, ohne Scheiß. Aber Kinder so, ich merk so, muss man erst Ausbildung haben, Pflegeschule so, und dadurch dass ich kein Abschluss hab, kann ich das nicht machen halt. Jetzt will ich lieber so Tätowiererin werden, das ist auch mein Traum. Brauch ich keinen Abschluss, ich geh so hin, ey, kann ich ein paar Wochen Praktikum machen. Ich liebe auch Tattoos halt."

Ein großer Traum wird nächstes Jahr ganz sicher in Erfüllung gehen. Wenn Dions Vater aus dem Knast kommt.

Dion: "Dann, denke ich mal, ich werde der Erste sein, der ihn abholt. Ich nehm ihn sofort, wenn ich bis dahin ne Wohnung hab, zu mir. Alleine ist er ein komplett verlorener Mann. Wir haben auf jeden Fall gesagt, wir ziehen auf jeden Fall um die Häuser. Wir werden auf jeden Fall die Hütte krachen lassen. Das alles, was wir nicht machen konnten, wollen wir dann natürlich nachholen."

(Musikprobe)

"Dion singt: "Ich fand einen Engel und ließ ihn fliegen. Niemand kennt sein Ziel." Spielt weiter, darauf. - Margarete: "Wenigstens leise. Es ist ja niemand mehr da. Es ist ja eh niemand mehr da." – Mädchen: "Doch, noch ne ganze Menge." – Margarete: "Aber du solltest dich mal drüber hinwegsetzen." Mädchen (pampig): "Das ist genau das, was ich meine." – Margarete: "Tu leise singen. Ganz leise. Das ist eine gute Übung, ganz leise zu singen. Sing auch mal ihren Part, sing alles, ja?" Dion singt."

Service:
"Ich bin Dion" ist am 13., 14. und 17. März 2013 jeweils um 20 Uhr im Grünen Salon der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin zu sehen.

Länderreport

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