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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.08.2013

Von der Reifung eines jungen Mannes

Heimito von Doderer: "Die Strudlhofstiege", C. H. Beck Verlag, München 2013, 944 Seiten

Heimito von Doderer (picture alliance / dpa)
Heimito von Doderer (picture alliance / dpa)

Verführerisch mäandrierende Sätze, abgründiger Witz - Heimito von Doderers Roman "Die Strudlhofstiege" ist voller verwirrender Handlungsschleifen und vielfältiger Personenkonstellationen und schafft es doch - oder gerade deshalb - zu fesseln. C. H. Beck hat den Klassiker nun neu aufgelegt.

Es ist einer der schönsten Romane in deutscher Sprache, obwohl kaum etwas darin passiert bzw. alles: Die Strudlhofstiege von Heimito von Doderer (1896-1966). Der Beck-Verlag bringt jetzt eine Neuausgabe des 1951 erschienenen Klassikers heraus, ergänzt durch ein kluges Nachwort von Daniel Kehlmann.

Kaum hat man mit der Lektüre begonnen und ist eingetaucht in die Gefilde Wiens, hat sich an die verwirrenden Handlungsschleifen und vielfältigen Personenkonstellationen gewöhnt, will man diese Welt nicht mehr verlassen. Das liegt vor allem an den verführerisch mäandrierenden Sätzen, an dem abgründigem Witz und den treffsicheren Charakteren. Einen halbwegs roten Faden der Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre bildet die Reifung eines jungen Mannes, den sein Streben nach Bürgerlichkeit in Schach hält.

Der k.u.k.-Major Melzer hat allerhand zu tun mit den Anforderungen. Alles beginnt an einem bestimmten Tag, im Nachsommer 1911, als eine gewisse Mary K. die Einladung eines hartnäckigen Verehrers namens Negria ausschlägt. Genau vierzehn Jahre später wird dieser Dame eines ihrer wohlgeformten Beine von der Straßenbahn abgetrennt - besagter Melzer, der sie früher einmal fast geheiratet hätte, rettet ihr gerade noch das Leben. Im selben Atemzug entwickelt sich bereits die Topographie der Strudelhofstiege, eines Treppenensembles, über das die Figuren in entscheidenden Momenten hinauf oder hinab eilen.

Der Unfall Mary K.s bündelt das "wurmisierende" Ganze, dazwischen hagelt es Rückblenden und Vorausschauen. Ein Selbstmord kommt vor, Tabakschmuggel außerdem, Liebeleien und Familienzwiste, Kinder, Schwäger, Tanten, Onkel, Dienstherrn und Nachbarn. Weitere Erzählstränge drehen sich um den Historiker René und den Rittmeister Eulenfeld, ganz zu schweigen von den vielen Frauenzimmern: Da taucht die überspannte und lebensmüde Etelka auf, dann Renés ewige Verlobte Grete, die mannstolle Editha Pastré, die es in doppelter Ausführung zu geben scheint, und etliche andere.

Doderer selbst sprach davon, dass das Leben eben eines "langen Hebels" und sehr vieler Kräfte bedürfe, um einen einfachen Mann durch sein Schicksal zu bewegen. Die Pointe der Strudlhofstiege liegt darin, die objektive, historische Zeit und die private, persönliche Zeit ins subjektive Erleben zu projizieren, wo alles in einem einzigen Moment seinen Sinn erhält.

Heimito von Doderer entwarf das Theorem der "Anatomie des Augenblicks", auf dessen Gestaltung es für den Schriftsteller vor allem ankäme. Die Sogwirkung seines Romans, der regelrechte Suchteffekt der Strudlhofstiege, besteht in den dichten Beschreibungen und der beschwörenden Kraft seiner Sprache. Das passt zu dem Kult, den der Schriftsteller mit der Erinnerung trieb. Ähnlich wie Proust verstand er sie als das allumfassende schöpferische Prinzip. Oder wie Doderer selbst es ausdrückte: "Schreiben ist die Entschleierung der Grammatik durch ein schlagartig eintreffendes Erinnern. Die Gegenwart des Schriftstellers ist eine so wiedergekehrte Vergangenheit. Was ich anstrebe, das ist der 'stumme Roman'. ( ... ) Gestaltung - Gestaltung des Lebens." Schöner kann man das Nichts und das Leben nicht umschreiben.

Besprochen von Maike Albath

Heimito von Doderer: Die Strudlhofstiege
C. H. Beck Verlag, München 2013, 944 Seiten, 28 Euro

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