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Profil / Archiv | Beitrag vom 22.12.2010

Von der Musik gerettet

Die Chansonsängerinnen Isabelle Geffroy alias ZAZ

Von Cornelius Wüllenkemper

CD-Cover der Sängerin ZAZ: Isabelle Geffroy hört mit Vorliebe auf ihre innere Stimme (Sony Music)
CD-Cover der Sängerin ZAZ: Isabelle Geffroy hört mit Vorliebe auf ihre innere Stimme (Sony Music)

In Frankreich krempelt gerade eine junge, sehr talentierte Sängerin die Charts um, mit einfachen Chansons, wie sie lange niemand mehr gesungen hat. Isabelle Geffroy spielt unter dem Namen ZAZ die musikalische Stilpalette durch - und landet doch immer wieder beim traditionellen Chanson.

Musik: Je veux

"Ich hatte nie etwas mit Musikern zu tun. Aber ich habe immer und überall gesungen. Als ich 15 war, hat mir meine Mutter Gesangsstunden bezahlt. Ich bin aber nicht wirklich hingegangen – ich war damals sehr schwierig, sehr rebellisch."

Da sitzt sie im Tourbus, beantwortet aufgeräumt und professionell Fragen über ihre Karriere als Sängerin. Und doch kann man sich die 30-jährige Isabelle Geffroy noch immer als hyperaktives Mädchen vorstellen. Mit etwas zu viel Temperament und Eigensinn ausgestattet, flog sie von vier Schulen, rebellierte gegen alles und jeden. Der neue Chansonstar Frankreichs ähnelt eher einer Rapperin, weite Jeans und Trainingsjacke, Piercing, burschikos in ihrem Auftreten. Diese kleine Person hüpft, springt, singt, lacht laut, zieht Fratzen und ist im nächsten Augenblick wieder voller Ernst.

Musik: Trop sensible

Isabelle Geffroy wächst als drittes Kind in einfachen Verhältnissen im südfranzösischen Tours auf. Der plötzliche Tod einer nahen Angehörigen wirft sie aus der Bahn. Bis die Hobbysängerin entscheidet, etwas aus ihrem Talent zu machen und auf eine Musikhochschule nach Bordeaux zu gehen. "Die Musik hat mich gerettet", sagt sie heute.

"Als ich 20 Jahre alt war, habe ich eine Sache verstanden: Es ist an mir, mein Leben in die Hand zu nehmen. Wenn so vieles in meinem Leben schief läuft, wenn ich unter meinem eigenen Verhalten leide, dann muss ich mich selbst ändern. Ich habe damals beschlossen, um jeden Preis glücklich zu sein. Und genau ab diesem Zeitpunkt hat mir das Leben alles geschenkt."

Nach zwei Jahren auf der Musikhochschule zieht sie mit einem baskischen Tanzorchester durch die Lande, tritt bei Volksfesten auf, und kann es kaum glauben, als sie ihre erste Gage verdient. Sie singt in einer afro-arabischen Blues Band, steht zwischendurch in Japan, Ägypten, Kanada und Malaysia auf der Bühne -und beschallt mit ihrem Timbre eine Salzmine in Kolumbien. Bis es Isabelle Geffroy schließlich dahin verschlägt, wo jede französische Chansonette Station macht: nach Paris.

"Als ich nach Paris kam, hat mich die Energie dort einfach fasziniert. Das passte viel besser zu mir als Bordeaux. Es ging immer weiter, man konnte alles ausprobieren, und ich hatte Lust diese Stadt richtig kennen zu lernen. Das war allerdings nicht so einfach, weil ich nicht wusste, von was ich leben sollte."

Musik: Les passants

Im "Les Trois Maillets", einer Pianobar in der Nähe der Champs Elysées, findet sie ein Engagement. Ein festes Einkommen bei Arbeitszeiten von 23 Uhr bis 5 Uhr Morgens, ein starres musikalisches Programm, der unpersönliche Umgang in einem rauen Milieu – Isabelle Geffroy fühlt sich bald wie eine "Funktionärin der Musik".

"Als ich das nicht mehr ausgehalten habe, da habe ich - wie immer, wenn’s mir nicht gut geht – auf mich selbst gehört. Es war alles Mist, ich musste da raus und etwas Neues finden. Und dann habe ich mit Freunden Straßenmusik gemacht. Wir haben gar nicht so schlecht verdient damals. Das war eine tolle Erfahrung: Kein Chef, keine festen Arbeitszeiten, ich habe einfach das gemacht, was ich wollte."

Musik: Ni oui, ni non

Mit ihrer inneren Stimme, auf die Isabelle Geffroy immer wieder zu sprechen kommt, scheint es etwas auf sich zu haben. Ihr rasanter Aufstieg zur erfolgreichen Künstlerin namens ZAZ - Z A Z wie ein Kreislauf von A bis Z und zurück - gleicht einer Kette von glücklichen Fügungen. Ein hoher Kulturfunktionär lädt sie nach einem Bar-Konzert ein, Chansons von Edith Piaf zu singen, und zwar in Sibirien. Parallel findet sie eine Anzeige des Komponisten Kerredine Soltani, der eine "gebrochene Rockstimme" sucht.

"Kerredine hat mir dann kurz darauf den späteren Hit 'Je veux' geschrieben. Zwischendurch war ich in Sibirien, und dann haben wir ziemlich schnell angefangen, ein ganzes Album zu machen. So hat sich alles Stück für Stück wie von selbst entwickelt."

Sagt sie, und klingt dabei so gelassen, als sei das alles keine große Sache. Ihr erstes Album hat die Charts gestürmt, läuft im Fernsehen und in den Bistros rauf und runter. Sowie die Musik sie gerettet hat, gilt Isabelle Geffroy heute als Retterin des traditionellen Chansons. Solche Lieder hat schon lange niemand mehr gesungen, sie erzählen wie bei den alten Volkssängerinnen von den Tücken des Alltags, von Liebe und Eifersucht, von Ungerechtigkeiten und Hoffnungen, kurz: vom Leben. Vielleicht muss man also wirklich nur an sich glauben und auf seine Eingebungen hören, damit sich die Dinge zum Guten wenden. Bei ZAZ hat es funktioniert.

Tourdaten:
Im Januar ist ZAZ wieder Deutschland zu sehen:
19.1.2011 in der Fabrik, Hamburg
22.1.2011 im Franzz Club, Berlin

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Pop: "ZAZ"

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