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Profil / Archiv | Beitrag vom 19.08.2011

Von der Kneipe in die Kirche

Chor der Woche: Der Heartchor aus Regensburg

Von Barbara Doll

Der Regensburger Chor singt die Songs gerne auch in einer Kneipe. (Stephan Gritsch)
Der Regensburger Chor singt die Songs gerne auch in einer Kneipe. (Stephan Gritsch)

Ungefähr 20 Frauen und Männer treffen sich regelmäßig nach dem Kinobesuch in einer Regensburger Kneipe und singen. Bei der Stückauswahl folgt der Chor dem Lustprinzip - und singt alles, was gefällt.

"”Die erste Probe, das war im Freien, da waren 20 Leute da, die haben versprochen, nächsten Sonntagabend sind alle da, dann sind acht Leute gekommen. Dann wollten wir eigentlich wieder aufgeben, sind an die Tankstelle rübergegangen und haben einen Kasten Bier geholt. Am nächsten Sonntag waren’s aber dann 20, sind stetig mehr geworden, wir sind mittlerweile 70 Leute so knapp. Und ich kann mich nicht erinnern, dass ich mehr als 10 Chorproben ausgelassen hätte die letzten 17 Jahre, ich bin schon regelmäßig da.""

Helmut Ortmeier, der von allen nur ‘der Sam‘ genannt wird, ist einer der letztverbliebenen Sänger aus der Gründungsmannschaft des Regensburger Heartchors. Im Hauptberuf verkauft er alte Autos und Bagger und ist dabei viel in Osteuropa unterwegs. Sam ist auch an diesem Sonntagabend wieder zur Probe des Heartchors gekommen, in den düsteren, holzvertäfelten Nebenraum eines Lokals in der Regensburger Altstadt.

Dass es im Heartchor immer noch ähnlich lässig zugeht wie zu Gründungszeiten, das merkt man schon nach ein paar Minuten Probe: Eine Sängerin packt ihre Häkelnadeln aus, eine andere holt sich ein Glas Orangensaft und schlängelt sich hinter Chorleiter Markus Dankesreiter zurück an ihren Platz. Der lässt sich davon aber nicht irritieren.

"Das nehm ich so hin; ich glaub, das ist der Preis, den man bezahlt, wenn man Individualisten hat im Chor. Die sind dafür unglaublich lebendig. Die bringen eine Energie mit, die kenn ich von keinem anderen Chor. Freigeister sind das, die wissen, dass sie im Leben schon was geleistet haben und dass sie sich von einem Jungspund wie mir nicht alles zu sagen brauchen. Und das find ich auch in Ordnung."

Markus Dankesreiter leitet den Heartchor nun seit siebeneinhalb Jahren. Davor hat der blonde 41-Jährige selbst als Tenor mitgesungen. Und ähnlich wie viele Chormitglieder, hat auch er einen nicht ganz alltäglichen Werdegang: Seinen gut bezahlten Job in der IT-Branche hat Dankesreiter an den Nagel gehängt.

"Ich glaub‘ ich gehör da einfach nicht hin, in dieses IT-Wirtschaftsleben, das ist einfach nicht mein Platz; hab dann Fortbildungen gemacht, Stimmbildung nach Atemtypen hauptsächlich. Mittlerweile mach ich praktisch gar nicht mehr IT-Beratung, sondern nur noch Chorleitung und Stimmbildung und jetzt grad mach ich ne Ausbildung zum Heilpraktiker und zum Homöopathen."

Vor ein paar Jahren hat Markus Dankesreiter mit einigen besonders ambitionierten Chormitgliedern ein Hochzeitsensemble gegründet: Das ist ein ‘Chor im Chor‘ mit eigenen Proben und einem festen Repertoire. Bis zu zehn Hochzeitsgottesdienste begleitet das Ensemble pro Jahr - zum Beispiel an diesem sonnigen Samstag in der Kirche Mariä Himmelfahrt in Regensburg.

In Zweierreihen stehen die 14 Mitglieder des Hochzeitsensembles am Kirchenportal und warten auf das Brautpaar. Sie sehen elegant aus, tragen schwarze Hemden und rote Kleider. Karin Hirmer ist besonders aufgeregt, denn die studierte Anglistin wird am Schluss ein Solo singen.

"Vor vier Jahren jetzt hab ich angefangen und dann hab ich auch verhältnismäßig bald so meine innere Rampensau entdeckt. Das hat bei mir ganz viel in Gang gesetzt, dass ich einfach merke: Singen macht mich glücklich!"

Langsam schreiten die Sängerinnen und Sänger jetzt durch den Mittelgang der Kirche. Die Hochzeitsgäste sind aufgestanden und drehen sich um, an den Bänken stecken orange- und pinkfarbene Blumen. Hinter dem Chor folgt das Brautpaar. Für die Brautleute wird es nun vorne im Altarraum ernst, die Chormitglieder steigen hoch auf die Empore. "Halleluja" von Leonard Cohen singt der Chor vor dem Trauversprechen. Das Brautpaar hat sich das Lied gewünscht, weil es in seinem gemeinsamen Lieblingsfilm "Shrek" vorkommt.

Und nachdem sich das Brautpaar die Ringe angesteckt hat, ist auch Karin Hirmers großer Moment gekommen: Die Sopranistin singt ihr Solo, während unten das Paar aus der Kirche auszieht ...

Draußen vor der Kirche fliegen Seifenblasen durch die Luft. Das frisch vermählte Paar lässt sich gratulieren und blinzelt in die Sonne.

Braut: "Sehr schön, also der Chor hat super gesungen, genauso wie wir’s uns vorgestellt haben und genau die Lieder, die wir ja wollten"

Bräutigam: "War wunderschön, war genauso, wie wir’s haben wollten."

Auch das Hochzeitsensemble des Heartchors ist jetzt aus der Kirche gekommen - und singt zum Schluss noch ein Ständchen.

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