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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 06.01.2016

Von der Fälschung zur Schicksalsgemeinschaft Die "Erfindung" der tschechischen Nation

Von Johanna Herzing

Schwarz-weiß-Aufnahme (Portrait) von Antonin Dvorak mit Halbglatze und Vollbart. (dpa/picture alliance/CTK_Photo)
Der tschechische Komponist Antonin Dvorak (1841 - 1904), Komponist der Königinhofer Lieder (dpa/picture alliance/CTK_Photo)

Der Historiker Milos Rzeznik beschreibt, wie sich die tschechische Nation bildete - als Ergebnis von politischem Willen, Traditionsbewusstsein, Umdeutungen und der Behauptung einer Schicksalsgemeinschaft.

Die Königinhofer Lieder komponierte Antonin Dvorak im Jahr 1872. Als Grundlage dienten ihm dabei die Dichtungen aus der sogenannten Königinhofer Handschrift. Ein wichtiger Quell nationalen Empfindens und Selbstbewusstseins in der damaligen Zeit.

"Wenn der Teutsche mit freudigem Gefühle auf seine Heldenbücher, auf sein Nibelungenlied, auf seine Minnelieder blickt, der Erse auf seinen Ossian, der Spanier auf seine alten Romanzen von dem großen Ruyz Diaz el Cid Campeador, (...) wenn sich alle diese Völker der herrlichen Gebilde freuen, erschaffen von einer Zeit, die der Dünkel einer engherzigen Aufklärung als roh und bildungslos verfehmt: So braucht der Böhme nicht mehr die Augen zu senken, er kann sie mit freudigem Stolze erheben; denn er darf dem Besten aller Zeiten seine 'Königinhofer Handschrift' an die Seite stellen."

Die Blätter mit 14 Gedichten und Gedicht-Fragmenten aus dem Mittelalter in alttschechischer Sprache waren der Sensationsfund des frühen 19. Jahrhunderts in Böhmen.

Sie waren sehr wichtig für die Argumentation und auch für das historische Bewusstsein, für die Erinnerungskultur, denn diese Handschriften galten als Beweis einer rühmlichen tschechischen Geschichte in den böhmischen Ländern. Und zweitens: Sie galten auch als Beweis, dass es tief im Mittelalter eine hochentwickelte tschechisch-sprachige Literatur gab.

Die Königinhofer Handschrift erwies sich leider später als Fälschung

Allerdings erwiesen sie sich später leider als Fälschung, sagt der tschechische Historiker Milos Rzeznik, seit 2014 Leiter des Deutschen Historischen Instituts in Warschau.

"Die tschechische Nation wurde erfunden mehr oder weniger zur gleichen Zeit wie die meisten anderen Nationen. Das bedeutet seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, dann während des 19. Jahrhunderts."

Dankbar griffen die Vertreter der tschechischen Nationalbewegung nach jedem vermeintlichen Beweis für die jahrhundertealte Tradition der eigenen Nation, einer Kulturnation. Das neue Selbstbewusstsein fand seinen Ausdruck wiederum in Einrichtungen wie etwa dem Prager Nationaltheater, dem Böhmischen Museum oder eines tschechisch-sprachigen Ablegers der Prager Karls-Universität. Historikern kam in dieser Zeit der sogenannten "Tschechischen Wiedergeburt" eine bedeutende Rolle zu, so Reznik. Es ging – frei nach Benedict Anderson – um folgende Aufgabe:

"Wie kann man das im 19. Jahrhundert erläutern, dass ein Bauer aus Mähren mit einem Priester aus West-Böhmen mit einem mittelböhmischen Adligen und einem tschechischen Beamten in Wien, dass sie zu einer Gruppe gehören, obwohl sie sich nie sehen werden?"

Historiker interpretierten die Vergangenheit als gemeinsame Erfahrung

Eine Herausforderung, die in Böhmen Politiker, aber unter anderem auch Kulturschaffende, und insbesondere Historiker annahmen:

"Sie waren in der Lage, die Vergangenheit ihres Landes als die gemeinsame historische Erfahrung des Volkes anzubieten, also man konnte die neu entstehende Gruppe der Nation in der historischen Zeit verorten als eine Nation, die nicht nur aus Menschen besteht, die jetzt oder hier leben, sondern auch aus Menschen, die hier lebten schon vor Jahrhunderten und die noch hier leben werden."

Auf diese Weise ließ sich eine Schicksalsgemeinschaft kreieren, meint Reznik, mit gemeinsamer Zukunft und gemeinsamer Vergangenheit, eine "imagined community", wie sie Benedict Anderson beschreibt. Als "Vater der Nation" galt den Tschechen des 19. Jahrhunderts denn auch ein Vertreter der Historiker-Zunft: Frantisek Palacky.

"Was Palalcky machte, war eben die neue Interpretation der Geschichte Böhmens als eine Geschichte der tschechischen Nation und das ist sehr interessant, dass er sein Werk begann auf Deutsch zu schreiben. Der deutsche Titel des Werkes heißt 'Geschichte von Böhmen' und der tschechische Titel heißt 'Die Geschichte des tschechischen Volkes in Böhmen und Mähren', also das war eine Landesgeschichte jetzt im ethnisch-nationalen Sinne interpretiert."

Die Geburt eines tschechischen Staats allerdings erlebte Palacky nicht mehr. Erst 1918, nach dem Ersten Weltkrieg also, entstand die Tschechoslowakische Republik, Vorläufer der Tschechoslowakei, aus der schließlich 1992 das heutige Tschechien hervorging.

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