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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.12.2006

Von den Schattenseiten der Existenz

Roberto Arlt: "Das böse Spielzeug". Bibiothek Suhrkamp Frankfurt, 199 Seiten

Skyline von Buenos Aires (AP Archiv)
Skyline von Buenos Aires (AP Archiv)

Roberto Godofredo Arlt ist das Schmuddelkind der argentinischen Literatur. Er wurde im Jahr 1900, ein Jahr nach seinem Landsmann Jorge Luis Borges geboren und wurde lange Zeit als dessen literarisches Gegenstück betrachtet: Arlts Werk galt im Gegensatz zu Borges vielsprachig geschulter Weltläufigkeit als sehr argentinisch, als grobschlächtig statt feinsinnig, als trivial und narrativ statt meta-literarisch. Arlt war das Volk, Borges der Akademiker.

Über die Berechtigung einer solchen Polarisierung ist viel gestritten worden – und im Nachwort des vorliegenden Bandes ergreift der Mexikaner Juan Villoro für den Außenseiter Partei und plädiert für eine neue Sichtweise auf Roberto Arlt, indem er das Kunstvolle seiner vordergründig schlichten Sprache herausarbeitet.

"Das böse Spielzeug" war Arlts erster Roman, den er mit 26 Jahren veröffentlichte. Das Buch besitzt die Frische und das Ungestüm eines Jugendwerks und enthält einiges an autobiografischen Bezügen. Sein Held, der 16-jährige Silvio Astier, ist wie sein Autor in einem schäbigen Kleinbürgerviertel von Buenos Aires aufgewachsen, immer am Rande materieller Not. Mit seinem Autor teilt er nicht nur die Herkunft, sondern auch die Liebe zu mal praktischen, mal abstrusen Erfindungen: eins seiner Projekte beispielsweise ist ein Sternschnuppenzähler. Gemeinsam haben die beiden auch die Verzweiflung an einem Leben im Mangel, in der Enge, in der Ausgrenzung, dem sie mit allen Mitteln, auch dem der Literatur, zu entkommen versuchen.

Die expressive Seltsamkeit von Arlts Sprache – die seine Zeitgenossen und vor allem die Borges-Anhänger für Unbeholfenheit hielten – taucht dieses unruhige, schillernde und traurige Buch in ein unwirkliches Licht. Die Übersetzerin Elke Wehr hat aus dem Portenser Argot und Arlts Sprachschöpfungen einen deutschen Text gemacht, der die Eigenartigkeit des Originals wiedergibt. Mehr kann hier nicht getan werden.

Da ist einerseits ein Realismus, der klingt wie die frühen Anarcho-Romane von Leo Malet oder auch wie Céline. Andererseits aber gibt es hier eine metaphysische Seite: die Auseinandersetzung mit dem Bösen. Anfangs ist es noch eine fast kindliche Form von Verbrechen; kleine Einbrüche und Diebstähle, für die sich die Jungs bei Trinkschokolade mit Vanillegeschmack belohnen.

Einmal gelingt es Silivio Astier, eine Kanone zu bauen, die auch funktioniert, "und bei dem Gedanken, eine gehorsame, tödliche Gefahr geschaffen zu haben, geriet ich außer mir vor Freude".

Im Lauf des Buches wird die existenzielle Verzweiflung tiefer, und die Möglichkeiten ihr zu entrinnen, extremer – während der Held abwechselnd Nietzsche und Fachbücher über Elektrotechnik liest, Chemielexika und Baudelaire, wächst der Drang und die Fähigkeit zur Zerstörung, auch der Selbstzerstörung. Und darum geht es letztlich in diesem auf die Schattenseiten der Existenz hin geschriebenen Entwicklungsroman.

Rezensiert von Katharina Döbler

Roberto Arlt: Das böse Spielzeug
Roman
Aus dem argentinischen Spanisch von Elke Wehr
Mit einem Nachwort von Juan Villoro
Bibiothek Suhrkamp Frankfurt
199 Seiten, 13,80 Euro

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