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Radiofeuilleton - Kino und Film / Archiv | Beitrag vom 03.01.2010

Von Abi bis Abschluss

Die Studienkomödie "13 Semester"

"13 Semester" - so lange darf ein Studium nach Bologna eigentlich gar nicht mehr dauern, und darum gönnen Regisseur Frieder Wittich und Autor Oliver Ziegenbalg ihrem gleichnamigen Debütfilm auch nur 102 Minuten, um ein Studium in Darmstadt zum Abschluss zu bringen.

Liane von Billerbeck Bei mir im Studio sind jetzt der Regisseur Frieder Wittich und Oliver Ziegenbalg, herzlich Willkommen!

Frieder Wittich: Hallo!

Oliver Ziegenbalg: Danke schön!

von Billerbeck Ihr Film ist die erste deutsche Komödie, die unter Studenten spielt. Hatten Sie Sehnsucht nach Ihrer Studienzeit?

Wittich: Sehnsucht kann man das noch nicht nennen, denn ich war fast eigentlich noch Student, als ich Oliver Ziegenbalg getroffen habe, der mir damals von einem Romanentwurf erzählt hatte, den er gerade geschrieben hatte und ich auf der Suche nach meinem Debütthema war.

Ziegenbalg: Ich hatte mein Studium schon eine Weile abgeschlossen und hatte irgendwann mal beim Fahrradfahren die Idee, dass es eigentlich keinen Film oder kein Werk über das Studium an sich gibt. Manchmal spielen Filme vor dem Hintergrund der Uni oder es sind dann Liebesgeschichten oder Professorengeschichten, aber einen Film über das eigentliche Studieren oder einen Roman über das eigentliche Studieren gab es noch nicht. Also habe ich mich mal hingesetzt und so einen Entwurf gemacht, den ich Frieder gezeigt habe, und dann haben wir zusammen losgelegt, das in ein Drehbuch zu formen.

von Billerbeck Frieder Wittich, Sie haben an der Hochschule für Film und Fernsehen in München studiert und Oliver Ziegenbalg, Sie haben Wirtschaftsmathematik studiert.

Ziegenbalg: Genau.

von Billerbeck Und Ihre Filmhelden auch.

Ziegenbalg: Was Momo in dem Film dann auch studiert.

von Billerbeck Genau. Wie viel von den eigenen Studienerfahrungen steckt denn in dem Film?

Ziegenbalg: Alles, was in dem Film vorkommt, sind Geschichten, die tatsächlich erlebt wurden, zwar nicht von Frieder und mir - die meisten Geschichten sind von Frieder und mir erlebt worden -, aber ich glaube, es gibt keine Geschichte, die wir uns einfach nur ausgedacht haben, sondern irgendwelche Freunde, die auch wieder studiert haben, haben wiederum das erlebt. Das heißt, alles ist authentisch in dem Film, alles ist erlebt und nicht erfunden.

von Billerbeck Die Wege der beiden Freunde, die gemeinsam zum Studium aufgebrochen sind, die trennen sich ja, zuerst beim Wohnen und dann auch irgendwie im Leben. Das Motto des einen, der frühe Vogel fängt den Wurm, verdreht der andere in: Der frühe Vogel kann mich mal. Zu welcher Kategorie gehören Sie denn?

Ziegenbalg: Ich glaube, keiner der Sätze trifft sowohl auf Frieder als auf mich jetzt ausschließlich zu, sondern wir waren immer beides, "the early bird catches the worm" als auch "der frühe Vogel kann mich mal". Ich habe 13 Semester studiert, Frieder 14 Semester, also wir gehören zu der längeren Fraktion, die da an der Uni waren.

von Billerbeck Nun haben Sie schon geschildert, das ist ja eine Geschichte, da wird nicht punktuell auf dieses Studium geguckt, sondern Sie begleiten die Protagonisten über die ganze Zeit. Warum diesen Entwicklungsroman sozusagen im Film?

Wittich: Die Idee war es von vornherein, - das hat ja auch ein bisschen was Experimentelles oder es war eine große Herausforderung - zu sagen: Wir erzählen ein Studium von A bis Z, also ein komplettes Studium, in dem Fall eben sechseinhalb Jahre. Natürlich gab es in der Entwicklungsphase von dem Drehbuch Momente, wo wir da fast daran gescheitert sind an dieser großen Zeitspanne, weil natürlich unendlich viele Dinge in sechseinhalb Jahren passieren, und es gab auch Momente - das müssen wir uns auch eingestehen -, wo wir dann mal gesagt haben: Okay, wir packen einfach die komplette Handlung in ein Semester - und natürlich lösen wir damit, mit einer Entscheidung jetzt, lösen wir 100.000 Probleme -,um dann festzustellen, dass es feige ist. Es verliert so viel, auch mit den Darstellern, dass sich tatsächlich alle Charaktere, und sei die Rolle noch so klein, da hat jede Figur wirklich eine Entwicklung, die eben nicht in einem halben Jahr zu machen ist. Das wäre dann wieder so ein behauptetes, filmisches Erzählen gewesen, wo man sagt, na ja, jetzt in sechs Monaten so die Riesenentwicklung, das glaubt man einfach nicht. Und weil unser großes Ziel war, dass wir authentisch sein wollen, war uns das einfach wichtig, das dann einfach durchzuziehen und die Geschichte tatsächlich über 13 Semester zu erzählen.

von Billerbeck Sie wollten authentisch sein, trotzdem ist es aber eine Komödie geworden. Warum das?

Wittich: Das ist gerade das, was wir ausprobieren wollten. Wir wollten eben keine platte Slapstickkomödie machen, sondern wir wollten, klingt jetzt doof, aber eine intelligentere Komödie machen, die eben nicht nur aus Klischees besteht, die dann plump erzählt werden, sondern, natürlich haben wir auch Klischees im Film, aber auch da haben wir uns immer große Mühe gegeben, die Klischees so zu brechen oder so überraschend zu erzählen, dass sie eben nicht plump und platt daherkommen.

Ziegenbalg: Und keine der Figuren wird vorgeführt, also, das ist glaube ich ein ganz wichtiger Aspekt. Jede Figur wird in seinen Nöten oder dem, was er will, total ernst genommen. Das heißt, wenn da einer ist, der sein Studium eben schneller durchzieht, dann nehmen wir das ernst, warum er das macht, nehmen es auch ernst, ob er sich am Ende dann fragt, ob das vielleicht zu schnell gewesen ist, aber wir stellen ihn nie platt aus als eine Karikatur oder so. Und ich glaube, das macht es dann wiederum authentisch, und darüber identifizieren sich dann auch Studenten mit diesem Film.

von Billerbeck Der Regisseur Frieder Wittich und der Drehbuchautor Oliver Ziegenbalg sind meine Gäste. Die beiden haben den Film "13 Semester" gedreht, der am 7. Januar in die Kinos kommt. Das Wort ist schon gefallen, die Besetzung, reden wir mal über die Darsteller. Die beiden Helden Momo und Dirk werden von Max Riemelt und Robert Gwisdek gespielt, die kennen wir ja schon aus anderen Filmen, aus der "Welle", aus "NVA", und auch Alexander Fehling, den WG-Schönling, sage ich mal, so wie ich den da gesehen habe, aus "Am Ende kommen Touristen" und aus den "Buddenbrooks". Waren das alles Ihre Wunschkandidaten oder Ergebnis eines langen Castings?

Wittich: Das war ein sehr, sehr langes Casting und wir waren ja alle gemeinsam auch richtig fleißig. Wir waren bei Intendanten vorsprechen, an Schauspielschulen und wirklich vom schweizerischen und österreichischen Raum, süddeutscher Raum, Hamburg, und haben dann ganz gezielt Leute eingeladen zu einem Videocasting. Und das waren weit über 150 junge Schauspieler, weil wir einfach nicht von vornherein sagen würden, okay, wir nehmen die üblichen Verdächtigen. Und ich glaube, Max Riemelt hat man in so einer komödiantischen Rolle davor auch nicht gesehen.

von Billerbeck Nein, er hat ja ganz andere Rollen gespielt.

Wittich: Man kennt ihn von "Napola" oder "Der Rote Kakadu". Und Claudia Eisinger, das war ihr zweiter Film, war ganz frisch von der Ernst Busch hier in Berlin runter. Auch Alexander Fehling hatte damals die "Touristen" gerade gedreht, "Am Ende kommen Touristen", aber da war noch kein "Inglourious Basterds", da war auch noch keine "Buddenbrooks". Bei den Dreharbeiten war es sein zweiter Film. Und nach all dieser Arbeit liegen dann da diese fünf, sechs Kandidaten und man denkt sich, na ja, es ist doch eigentlich so simpel, es ist so offensichtlich, dass das die richtige Besetzung ist, und es funktioniert richtig toll.

von Billerbeck Nun haben Sie sich so lange mit dem Studentenmilieu befasst und waren ja selber noch halb drin, haben Sie ja auch geschildert vorhin. Achtet man da auch mehr auf die Studentenproteste, die in den vergangenen Wochen so deutschlandweit stattgefunden haben, wenn man da so nah dran ist an dem Thema?

Wittich: Natürlich beobachten wir das, ganz klar. Ich werde von Journalisten auch immer wieder darauf angesprochen, warum das jetzt in dem Film nicht so thematisiert wird. Die Antwort ist eigentlich relativ simpel: Wir haben natürlich in der ersten Ideensammlung, was für Themen wir abhandeln in diesem Film, in unseren 100 Minuten, da war natürlich 9/11 ein Thema, und es war natürlich die Bologna-Reform ein Thema. Natürlich muss man sich dann aber irgendwann entscheiden. Es gibt so viel, wo man sagt, kann man in zwei Minuten mal eben so ein zeitgeschichtliches Geschehen abhandeln.

Ziegenbalg: Womit es uns in dem Film ganz stark gegangen ist, dass wir gesagt haben: Das Studium muss eine Zeit sein, wo Studenten die Möglichkeit haben, auch zu experimentieren, wo sie nach rechts und nach links schauen können, wo sie auch ihr Studium selber mal in Frage stellen können, anstelle das einfach so stromlinienförmig durchzuziehen, um in kürzester Zeit ein Diplom oder einen Bachelor oder einen Master am Ende zu bekommen.

von Billerbeck Das ist ja dann letztlich auch ein indirekter Kommentar.

Ziegenbalg: Genau, das ist sozusagen unser Kommentar zu dieser ganzen Diskussion, indem wir sagen: Macht das, was ihr wollt, lasst euch genügend Zeit, um wirklich rauszufinden, was ihr wollt, und macht es gründlich. Und wenn ihr mal ins Ausland gehen wollt und dort eben auch nicht nur einfach so die Scheine abarbeiten wollt, sondern euch das Land anschauen wollt und die Kultur kennenlernen wollt und die Sprache lernen, dann macht das, weil das wird vermutlich die letzte Zeit in eurem Leben sein, dass ihr das tatsächlich tun könnt.

von Billerbeck Sie haben im vorigen Jahr gedreht, Drehbeginn war am 1. April und zwar in Darmstadt, und auch die anderen Drehorte - Frankfurt am Main und Offenbach -, die liegen in Hessen und da wird klar, dass es nicht nur, aber vor allem, hessische Filmfördermittel sind, die im Film stecken. Ketzerisch gefragt: Schreibt man da das Drehbuch schon so oder schreibt man es um, je nachdem, woher die Fördergelder kommen?

Wittich: Na, das sind nicht nur Fördergelder, es ging in dem Fall noch ein bisschen weiter, was für uns als Debütfilm natürlich essenziell war, dass wir einen Fernsehsenderpartner haben.

von Billerbeck ARTE ist das.

Wittich: ARTE war dabei und dann auch ganz schnell der Hessische Rundfunk. Jetzt kommt auch noch die 20th Century Fox, unser Verleih mit Sitz in Frankfurt, und dann kamen die erwähnten Investitionen von Filmförderung und von Hessen-Invest. Natürlich wäre das jetzt gelogen, dass man sagt: Vor fünf Jahren haben wir uns hingesetzt und haben gesagt: Das Ganze spielt in Darmstadt. Wir haben von Anfang an eigentlich gesagt: Der Film muss in einer Kleinstadt spielen. Also, wir wollten von vornherein den nicht in Berlin, München, Hamburg quasi nicht drehen, weil wir gesagt haben, es muss Koblenz oder Konstanz, Münster, Karlsruhe.

von Billerbeck Also eine typische deutsche mittlere Stadt eigentlich.

Wittich: So, und wo man am Ortsschild vorbeigeht, wo man begrüßt wird mit "Willkommen in der Wissenschaftsstadt ...", in dem Fall eben Darmstadt. Also, das spielt in unserem kleinen Kosmos eine sehr zentrale Rolle. Das war uns wichtig. Und als es sich dann so abzeichnete, dass das Hessen wird, sind Oliver und ich bestimmt ein halbes, dreiviertel Jahr vor Drehbeginn mit unserem Drehbuch unter dem Arm nach Darmstadt auch gefahren und waren dort drei Tage, haben bestimmt 600 Fotos gemacht, haben aber schon an Tag zwei unseren Produzenten Jakob Claussen angerufen und meinten: Jakob, Darmstadt ist top, wir müssen eigentlich gar nichts mehr umschreiben. Vielleicht die eine Minirolle, die wir mal irgendwann, weil wir beide Schwaben sind, schwäbisch haben sprechen lassen, das texten wir jetzt um auf hessisch. Ansonsten war da nicht viel umzuschreiben.

Ziegenbalg: Das Tolle an so einer Stadt wie Darmstadt - und jetzt eben in meinem persönlichen Beispiel wie Karlsruhe, wo ich Wirtschaftsmathematik studiert habe - ist: Das Leben in der Stadt dreht sich ganz, ganz stark um das Studium selber. Das, was Frieder erwähnt hat, so eine Überlegung wie Berlin. Das ist eine Stadt, da kann alles passieren, aber das Studium steht nicht so in dem Zentrum von dieser Stadt. Aber es gibt so Studentenstädte wie eben Karlsruhe und Darmstadt, und in dem Sinne haben wir in Darmstadt eine Stadt gefunden, wo das Studium selber im Mittelpunkt auch der Stadt steht, und das war uns wichtig.

von Billerbeck Ihr Film war im vorigen Herbst bei mehreren Filmfestivals Publikumsliebling, in Zürich, in Hof gezeigt, dann lief "13 Semester" in Braunschweig und auch in Mannheim. Ist man da nicht fast besoffen, wenn das Debüt so gut läuft?

Wittich: Überhaupt nicht. Wir sind wie so ein ausgetrockneter Schwamm. Wenn man jetzt so vier, fünf Jahre an so einem Projekt gearbeitet hat, und man gibt eigentlich nur noch, man gibt erst mal dem Drehbuch ganz viel Zuneigung und Liebe, dann macht man Überzeugungsarbeit bei Schauspielern, bei Teammitgliedern, bei Financiers, und man gibt und gibt und motiviert und erschafft gemeinsam so einen Film. Dann bekommt man im Schneideraum wiederum Kritik, und man muss trotzdem wieder geben, und irgendwann ist der Akku so alle, dass man dann in seiner ersten Vorstellung sitzt mit irgendwie 400, 500 Leuten und man erfährt die ersten Reaktionen an Momenten, wo man sie sich erhofft hat, zum Teil auch an Momenten, wo man gar nicht damit gerechnet hat, und das tut so gut. Das ist glaube ich, wie wenn das erste Baby einen das erste Mal dann anlächelt nach einer komplizierten Schwangerschaft, sage ich jetzt mal. Und dann dachten wir so: Na gut, die zweite Vorstellung, klar, gucken wir uns noch mal ganz an. Und dann kam die dritte Vorstellung, wo man denkt, na ja, nach fünf Minuten, wir gucken mal den Anfang, wie es so anläuft, und dann gehen wir raus, einen Kaffee trinken irgendwie. Wir schaffen es nicht, aus diesem Film zu gehen. Es hat nichts damit zu tun, dass wir in unseren eigenen Film so sehr verliebt sind, sondern dass es einfach so wahnsinnig gut tut, so ein bisschen Feedback und vielleicht auch, um ehrlich zu sein, so ein bisschen Bestätigung nach dieser langen Zeit zu bekommen.

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