Seit 11:05 Uhr Lesart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 11:05 Uhr Lesart
 
 

Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 25.06.2012

Vom Völkermord zum Wirtschaftswunder

Wie Ruanda den Neuanfang geschafft hat

Von Antje Diekhans

Ruandas Präsident Paul Kagame hat sich den Ruf eines Machers und Reformers erworben (picture alliance / dpa / Uwe Anspach)
Ruandas Präsident Paul Kagame hat sich den Ruf eines Machers und Reformers erworben (picture alliance / dpa / Uwe Anspach)

Mit dem Namen Ruanda verbinden die meisten den Völkermord von 1994. Fast eine Million Menschen wurden damals getötet. Ein Trauma, von dem sich ein Land nur schwer erholen kann. Doch in Ruanda hat sich vieles zum Guten entwickelt - die Wirtschaft des Landes boomt.

Ein Mittwoch am Pool in Kigali. Vor allem Geschäftsleute und Urlauber sitzen auf der Terrasse des Hotels "Mille Collines". Musik läuft im Hintergrund. Manche bestellen kleine Fleischspieße mit Hühnchen, Lamm oder Rind – ein beliebter Snack in Ruanda. Viele wollen auch einfach nur ein kühles Getränk. Die Sonne brennt an diesem Nachmittag. Doch unter dem großen Palmdach an der Bar lässt es sich gut aushalten, meint Unternehmer Robert Karimera.

"Ich komme gern hierher. Meist geht es um geschäftliches. Aber manchmal unterhalte ich mich auch mit Freunden – und habe Spaß."

An die Vergangenheit des Hotels erinnert nur noch wenig – auch wenn einige Besucher gerade ihretwegen ein Zimmer buchen. Früher hieß das "Mille Collines" noch "Hotel Ruanda". Es war der Schauplatz eines Dramas um Leben und Tod – das später verfilmt wurde.

Anfang April 1994 begann in Ruanda das Morden. Spannungen entluden sich, die sich seit der Kolonialzeit aufgestaut hatten. Innerhalb von drei Monaten wurden etwa eine Million Menschen getötet. Die meisten von ihnen waren Tutsi. Die Täter waren Hutu-Milizen, die ihre Opfer oft grausam folterten und sie mit Macheten regelrecht zerstückelten. Die restliche Welt sah lange Zeit tatenlos zu.

Das "Hotel Ruanda" wurde für viele zum Zufluchtsort. Der damalige Manager, der Held im Film, nahm Hunderte Tutsi und gemäßigte Hutu bei sich auf und rettete ihnen damit das Leben. Er wohnt inzwischen in Belgien. Doch einer, der 1994 schon im Hotel arbeitete, ist bis heute geblieben.

Der Anzug sitzt tadellos. Das Hemd ist blütenweiß und die blaue Krawatte zum perfekten Knoten gebunden. Auf der Brust des freundlich lächelnden Herrn prangt ein Namensschild. "Zozo" – so kennen ihn hier alle. Darunter die Berufsbezeichnung: "Ambassador Hotel des Mille Collines" – Botschafter des Hotels "Mille Collines".

"Eigentlich müsste ich schon in Rente sein. Aber dann haben sie mich zum Botschafter gemacht – also arbeite ich noch."

57 Jahre ist er jetzt alt – und damit zwei Jahre über dem üblichen Ruhestandsalter. Aber ein Leben ohne das Hotel kann er sich nicht vorstellen. Und genauso wenig will das Hotel ohne ihn auskommen.

"Es ist für mich wie eine zweite Familie. Das Hotel war meine Rettung."

Er überlebte – seine Frau und zwei Kinder dagegen nicht. Sie wurden Opfer der Hutu-Milizen. Zozo erstickte seine Trauer in Arbeit. Im Hotel gab es alle Hände voll zu tun. Schließlich mussten die Flüchtlinge irgendwie versorgt werden.

"Es waren etwas mehr als 1300. Überall waren Menschen. In den Zimmern, in den Korridoren, in der Cafeteria. Einfach überall Flüchtlinge."

Den Film über die Rettungsaktion im "Hotel Ruanda" hat er natürlich gesehen. Aber die Geschichte, die dort erzählt wird, ist nicht seine Geschichte. Alles stimmt irgendwie nicht – zum Beispiel die Sache mit dem Pool.

"Der Pool, den sie gezeigt haben, das ist nicht dieser hier. Das ist irgendein Pool in Südafrika."

Der Film wurde nicht in Ruanda gedreht. Auch deswegen findet Zozo sich darin nicht wieder. Aber es ist wohl generell schwierig, das Trauma des Völkermords so abzubilden, wie die Menschen es erlebt haben. Inzwischen versuchen sich daran auch junge Künstler in Ruanda. Filmemacher genauso wie Maler und Musiker. Sie verarbeiten so ihre eigenen Erfahrungen. Eine von ihnen ist Miss Jojo.

Manche in Ruanda nennen sie die Engelsstimme. Miss Jojo kann einschmeichelnd und sanft klingen – aber in ihren Texten bezieht sie eindeutig Stellung. Die 29-Jährige ist eine der wenigen Frauen, die sich in der jungen Musikszene in Ostafrika behaupten. Sie hat sich das erarbeitet, worüber sie auch singt: Respekt.

Die Texte sind auf Kinyarwanda, der Sprache, die die meisten Menschen in Ruanda sprechen. Aber auch auf Englisch, Französisch – Miss Jojo will verstanden werden. Ihre Musik ist tanzbar, selbst wenn die Themen ernst sind. Als junges Mädchen hat Miss Jojo den Völkermord miterlebt.

"Die Menschen hier haben viel durchgemacht. Ich selbst habe viele Angehörige verloren – auch meine Mutter. Ich habe überlebt. Aber das alles hat mich sehr geprägt. Ich versuche, trotzdem das Positive zu sehen."

Ihr neues Album ist gerade erschienen. Die erste Single daraus heißt "Woman" – Frau. Ruanda gilt zumindest in einigen Punkten bei der Gleichberechtigung als vorbildlich. Im Parlament sitzen mehr Frauen als Männer – dank einer Quotenregelung. Doch Miss Jojo sieht noch großen Bedarf, über die Rolle der Frauen in der Gesellschaft zu sprechen.

"Wenn ich singe, sehe ich die Welt mit den Augen einer Frau. Ich will zeigen, dass Männer und Frauen gleichgestellt sind. Die Frauen geben dieser Welt etwas, das die Männer ihr nicht geben können. Und umgekehrt. Ich will, dass die Menschen sich das klar machen."

Die Sängerin ist ein Teil des jungen modernen Ruandas, das es vor allem in der Hauptstadt Kigali gibt. Auf dem Land geht es sehr viel weniger fortschrittlich zu. Hier leben die meisten Menschen noch wie früher als Kleinbauern. So wie Farmer Johan Habyarimana, der an der Grenze zu Uganda seinen Hof hat.

Der Bauer sieht ein bisschen wie ein Geschäftsmann aus. Über schwarzem Hemd trägt er ein helles Jackett. Die Lederschuhe sind blank geputzt. Für ihn begann der Aufschwung, als er eine Kuh bekam.

"Das war im Jahr 2002, also vor zehn Jahren. Die Kuh hat mir sehr geholfen. Sie hat Kälber bekommen, die ich verkaufen konnte."

Johan Habyarimana war einer der ersten, der von der "Eine Kuh pro Familie"-Politik profitieren konnte. 2008 wurde das Regierungs-Projekt offiziell für ganz Ruanda gestartet. Jeder ländliche Haushalt soll eine Kuh bekommen. Vor allem, um die Ernährung zu verbessern.

"Auch unsere Nachbarn haben etwas davon gehabt. Sie sind hierher gekommen, um sich Milch zu holen. Früher gab es viele Krankheiten durch Mangelerscheinungen. Heute sind wir alle gesund."

Die Kuh, die den Fortschritt brachte, ist inzwischen gestorben. Aber ihre Kälber geben weiter Milch für die Familie – und produzieren Mist. Den verwendet der Farmer inzwischen nicht nur, um die Felder zu düngen. Hinter dem Haus befindet sich eine Biogasanlage.

Der Schacht, in dem die Gülle gesammelt wird, verbirgt sich unter einem runden Metalldeckel. Es stinkt erstaunlich wenig, als der Bauer ihn öffnet.

"Wir füllen den Kuhdung hier rein und mischen ihn mit Wasser. In der Grube dort drüben gärt die Mischung dann."

Das entstandene Biogas reicht aus, damit die Familie Licht hat und vor allem Kochen kann. Eine Leitung führt direkt in die kleine Küche, wo Ehefrau Adèle stolz die Gasflamme entzündet.

"Es ist ganz einfach, das Biogas zu nutzen. Und vor allem gibt es keinen Rauch mehr, wie früher, als wir Holz verbrannten. Jetzt stelle ich einfach den Topf auf die Flamme – und wenn ich zurückkomme, ist das Essen fertig."

Das erfolgreiche "Eine Kuh pro Familie"-Konzept ist ein Grund dafür, dass Ruandas Präsident Paul Kagame sich den Ruf eines Machers und Reformers erworben hat. Der ehemalige Rebellenführer regiert schon seit zwölf Jahren, davor war er Verteidigungsminister. Bei den Wahlen 2010 gab er das Motto aus "Auch 100 Prozent der Stimmen ist Demokratie". Die Opposition beschwerte sich über Unterdrückung und Manipulationen.

Dass Ruanda trotz allem inzwischen als Musterstaat gilt, liegt am enormen wirtschaftlichen Aufschwung mit Wachstumsquoten zwischen sieben und acht Prozent. Selbst die Kritiker gestehen Kagame an diesen Erfolgen einen Anteil zu. Seine Regierung hat es geschafft, die Korruption so gut wie auszurotten. Die Hauptstraßen im Land haben kaum Schlaglöcher. Kigali gilt als die sauberste Stadt Ostafrikas. Obwohl Ruanda geradezu aufzublühen scheint, sind aber immer noch Hilfsorganisationen hier.

Das Büro der Deutschen Welthungerhilfe liegt in einem umgebauten Wohnhaus. Regionaldirektor Bernhard Meier zu Biesen ist seit gut einem Jahr im Land. Vorher hat er unter anderem in Tansania, Äthiopien und Pakistan Erfahrungen gesammelt. Ruanda hat ihn überrascht – weil hier vieles so gut läuft. In seinem Portemonnaie steckt fein säuberlich gefaltet eine Liste mit 18 Punkten. Alles Pluspunkte für Ruanda.

"Da steht zum Beispiel drauf, dass Plastik verboten ist, Plastiktüten. Das finde ich eine ganz tolle Sache, weil dadurch eben der ganze Plastikmüll und die Verdreckung, die man sonst in vielen Ländern sieht, wegfällt."

Auch das "Eine Kuh pro Familie"-Projekt findet sich auf der Liste. Genauso wie die Tatsache, dass Bauernhöfe hier Komposthaufen haben sollen. Verbesserungsbedarf sieht Bernhard Meier zu Biesen aber immer noch – sonst wäre seine Arbeit ja überflüssig.

"Ein großer Teil der Bevölkerung Ruandas lebt mit einem oder zwei Dollar – und das ist ein klarer Indikator für eine noch weit verbreitete allgemeine Armut."

Die Welthungerhilfe versucht vor allem, den Reisanbau im Land voranzutreiben. Die Böden und das Klima eignen sich dafür gut. Vielleicht aber, so meint der Regionaldirektor, kann auch da den Farmern bald nicht mehr viel beigebracht werden. Wenn Ruanda sich weiter so entwickelt.

"Ich wage heute das Statement, dass Ruanda eins der fortschrittlichsten Länder Afrikas ist – wenn nicht sogar das fortschrittlichste."

An diesem Ruf arbeitet Ruanda weiter. Eine der größten Baustellen findet sich am Kivu-See, an der Grenze zum Kongo. Dieser See ist einzigartig – nicht nur, weil er traumhaft schön ist. In ihm befindet sich ein Schatz. Methan, ein Gas, aus dem Energie gewonnen werden kann. Etwa 65 Milliarden Kubikmeter sind in den tieferen Wasserschichten zusammen mit dem Gas Kohlendioxid gelöst. Dieser Schatz soll jetzt gehoben werden.

Auf der Baustelle in Kibuye am See sind etwa 200 Arbeiter damit beschäftigt, das Vorzeigeprojekt Ruandas aufzubauen. Eine Plattform, um das Methan zu fördern. Rund 13 Kilometer vom Ufer entfernt. Von ihr werden Rohre zu einer großen Anlage an Land führen, wo aus dem Methan Strom produziert wird. Roy Morter von einem US-amerikanischen Unternehmen ist der leitende Ingenieur. Er hat weltweit schon viele Kraftwerke mitgeplant und fertig gestellt – doch das hier ist für ihn eine neue Erfahrung.

"Ich habe noch nie an etwas vergleichbarem gearbeitet. Das Kraftwerk – okay, das unterscheidet sich nicht besonders von anderen. Aber die Förderanlage ist die erste dieser Art."

Die Plattform wird an Land zusammengebaut und später auf den See herausgebracht. Dann werden mehr als 30 Meter hohe Fördertürme auf ihr stehen. Wie mit einem Strohhalm wird das Methan aus den Tiefen des Sees herausgeholt. Das zusammen mit ihm geförderte Kohlendioxid geht zurück in den Kivu.

In der ersten Phase des Kraftwerk-Projekts werden 25 Megawatt produziert. Start dafür ist schon Ende dieses Jahres. Etwas später werden die Kapazitäten dann bis auf 100 Megawatt ausgebaut.

"Ruanda wird sich keine Sorgen um die Energieversorgung mehr machen müssen. Darum ist dieses Projekt so wichtig und darum arbeiten wir so eng mit der ruandischen Regierung zusammen."

Der Strom soll reichen, um das ganze Land zu versorgen und sogar noch Überschüsse zu exportieren. Für Ruanda könnte das einen weiteren Entwicklungsschub bedeuten. Das Methan wäre dann so wertvoll wie eine ergiebige Ölquelle.

Die Hauptstadt Kigali braucht den Strom dringend. Überall entstehen Wolkenkratzer, die beleuchtet werden wollen. "Vision 2020" heißt das Konzept, das aus Kigali in ein paar Jahren eine hypermoderne Stadt machen soll. Dubai und Singapur sind die Vorbilder. Mit rund einer Million Einwohner ist das einst eher beschauliche Kigali auf dem Weg, eine Metropole zu werden.

Das Hotel "Mille Collines" mit seiner Fassade aus den 70er-Jahren wirkt von außen da fast schon aus der Zeit gefallen. Doch im Inneren ist alles hochmodern renoviert. Die Tapeten an den Wänden sind neobarock, die Böden strahlend weiß. Überall gibt es Internet-Anschluss.

Page Zozo, der Botschafter des Hotels, sieht den Wandel mit Freuden. Für ihn ist es wichtig, dass das "Mille Collines" eine Top-Adresse für Geschäftsleute und Touristen bleibt – und nicht zu einem verstaubten Denkmal des Völkermords wird. Schließlich sei dieser Teil der Geschichte überwunden.

"Wir leben zusammen mit den Hutus – es gibt keine Probleme. Wir haben uns versöhnt. Hutus haben Tutsis geheiratet und umgekehrt. Das funktioniert. Wir versuchen alle, zu vergessen."

Zozo hat nach dem Völkermord eine zweite Familie gegründet. Seine Kinder haben alle erfolgreich eine Ausbildung abgeschlossen. Er glaubt fest daran, dass sie in Ruanda eine gute Zukunft haben werden.

"Das Land ist sehr friedlich. Alles ist sehr sauber. Es ist ein sehr gut organisiertes Land."

Mehr zum Thema bei dradio.de:

Grünhelme-Chef Neudeck: Ruanda kommt nach dem Völkermord voran
Frankreich und der Völkermord in Ruanda
Als das Radio zum Genozid aufrief: Theaterstück über den Völkermord in Ruanda

Weltzeit

Amerikas NationalparksWahrzeichen und Touristenmagnete
Zwei Wanderer blicken über Berge im Yosemite-Nationalpark in den USA. (imago/stock&people/ZUMA)

Heiße Quellen im Yellowstone Park, der Half Dome im Yosemite, Sümpfe in den Everglades - um ihre Naturreichtümer zu schützen, schufen die USA vor 100 Jahren das Nationalpark-System. Damit sind sie durch eine wechselvolle Geschichte gegangen. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur